San Andreas

San Andreas

Eine Filmkritik von Christopher Diekhaus

Kalifornien im Ausnahmezustand

Wolkenkratzer sacken wie Kartenhäuser in sich zusammen. Staub wirbelt immer wieder durch die Luft. Und große Küstenmetropolen gleichen irgendwann einem Trümmerfeld. Bei so manchem Katastrophenbild in San Andreas wähnt man sich als Augenzeuge eines zweiten 9/11. Bloß, dass hier nicht Terroristen Chaos und Panik verbreiten, sondern Mutter Natur, die erbarmungslos ihre Muskeln spielen lässt. Eine ganze Welle von Erdbeben sucht den Bundesstaat Kalifornien heim, durch den die sogenannte San-Andreas-Verwerfung verläuft. Die Schnittstelle zweier unterschiedlicher Kontinentalplatten, die in der Vergangenheit schon enorme Erschütterungen verursachten und hier ein wahres Albtraumszenario heraufbeschwören. Mittendrin als Fels in der Brandung: Dwayne Johnson, der seine entfremdete Familie zu retten versucht. Das ist der Stoff für einen häufig logikfreien Hollywood-Blockbuster, der sich auf die Wucht seiner Untergangsbilder verlässt, ansonsten aber nur klischierte Muster und Abziehfiguren zu bieten hat.
Als die US-Westküste von einem Monsterbeben heimgesucht wird, steigt der Rettungspilot Ray (Dwayne Johnson) umgehend in seinen Helikopter, um seiner Arbeit nachzugehen. Dabei erreicht ihn ein Notruf seiner früheren Ehefrau Emma (Carla Gugino), die in einem Hochhaus in der Falle sitzt. Nach erfolgreicher Bergung wollen sich die beiden Ex-Partner gemeinsam nach San Francisco durchschlagen, wo ihre Tochter Blake (Alexandra Daddario) im Firmensitz von Emmas neuem Freund Daniel (Ioan Gruffudd) verschüttet wurde und einzig Hilfe von zwei britischen Touristen erhält. Währenddessen wertet der umtriebige Seismologe Lawrence Hayes (Paul Giamatti) die ersten Daten der Erschütterungen aus und kommt zu dem Ergebnis, dass der Schrecken noch lange nicht vorüber ist. Vor allem der Region um San Francisco stehen weitere gefährliche Beben bevor, weshalb der Wissenschaftler die Bevölkerung auffordert, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen.

Auch wenn das Drehbuch Ray als gebeutelten Ehemann zeigt, der seiner Ex hinterhertrauert und noch dazu mit einem früheren Trauma zu kämpfen hat, unterstreicht schon sein erster Auftritt, dass er der richtige Mann in Krisenlagen ist: Der Pilot wird von Sonnenlicht umstrahlt und schreitet zur Tat, als seine Kollegen bei einer Bergung nicht mehr weiter wissen. Seine Zweifel und seine Sorgen sind stets nur sporadisch präsent, dienen aber doch als Wegweiser auf seiner emotionalen Reise. Liegt anfangs im privaten Bereich einiges im Argen, erhält Ray nach dem ersten Beben plötzlich die Möglichkeit, alte Versäumnisse auszumerzen. Und sich als starker Vater und Ehepartner zu beweisen. Eine Entwicklung, die Regisseur Brad Peyton (Die Reise zur geheimnisvollen Insel) und Drehbuchautor Carlton Cuse vollkommen überraschungsfrei herunterspulen. Bestes Beispiel dafür ist die flache Zeichnung von Emmas neuem Lover, der zunächst verständnisvoll erscheint, jedoch in Windeseile zum selbstsüchtigen Arschloch mutiert.

Während die emotionalen Zwischentöne weder bei Ray und Emma noch bei Blake richtig zur Geltung kommen, lässt die dritte Handlungsebene rund um Hayes und sein Team ergreifendes Potenzial gleich ganz vermissen. Überdeutlich richtet sich dieser, von der Familienerzählung abgegrenzte Strang direkt an den Zuschauer, der mit stichwortartigem Hintergrundwissen zum Thema Erdbeben versorgt und in weitere Alarmbereitschaft versetzt werden soll. Charakterkopf Paul Giamatti gibt den mahnenden Wissenschaftler routiniert, kann allerdings nicht mehr aus seiner Figur herausholen, als es die recht banale Vorlage erlaubt.

Wie in vielen anderen Hollywood-Blockbustern auch, bekommen die Frauenfiguren nur selten die Gelegenheit, wirklich aktiv zu werden. Blake und Emma dürfen zwar gelegentlich die Handlung vorantreiben, geraten aber immer wieder in Situationen, aus denen sie gerettet werden müssen. Überdies ist es sicherlich kein Zufall, dass der Film ihre optischen Reize mehrfach in den Mittelpunkt rückt, wobei vor allem die üppigen Rundungen Alexandra Daddarios hervorstechen. Erschreckend konservativ, um nicht zu sagen ärgerlich, fällt auch das Finale aus, bei dem die Macher den Bogen von der Familiengeschichte zum bislang vernachlässigten Schicksal der anderen Erdbebenopfer schlagen und dabei nicht vor penetrantem Patriotismus zurückschrecken. Demut und Fassungslosigkeit angesichts des enormen Unglücks weichen umgehend plattem Pragmatismus.

Obwohl San Andreas auf erzählerischer Linie durchweg enttäuscht, ist der Film als Katastrophenspektakel zumindest halbwegs annehmbar. Immerhin strahlt Hauptdarsteller Dwayne Johnson eine gewisse Präsenz aus und schafft es, seinen oftmals lächerlich-markigen Drehbuchzeilen eine unterhaltsame Note zu verleihen. Nicht zu vergessen: Die überwältigenden Action- und Untergangssequenzen (etwa vom zerberstenden Hoover-Staudamm oder der Überflutung San Franciscos), die uns eindrucksvoll vor Augen führen, was die Computertechnik heute alles möglich macht. Ob man derartige Zerstörungsbilder im Wissen um die jüngsten Ereignisse in Nepal wirklich unterhaltsam finden kann, steht freilich auf einem ganz anderen Blatt.

San Andreas

Wolkenkratzer sacken wie Kartenhäuser in sich zusammen. Staub wirbelt immer wieder durch die Luft. Und große Küstenmetropolen gleichen irgendwann einem Trümmerfeld. Bei so manchem Katastrophenbild in "San Andreas" wähnt man sich als Augenzeuge eines zweiten 9/11. Bloß, dass hier nicht Terroristen Chaos und Panik verbreiten, sondern Mutter Natur, die erbarmungslos ihre Muskeln spielen lässt. Eine ganze Welle von Erdbeben sucht den Bundesstaat Kalifornien heim, durch den die sogenannte San-Andreas-Verwerfung verläuft.
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