S-VHS

S-VHS

Eine Filmkritik von Jochen Werner

Der Horror im Format

Die Horror-Anthologie V/H/S zählte im letzten Jahr zu den großen unterschätzten Genrefilmen – und das, obgleich mit Ti West (The House of the Devil, The Innkeepers), Joe Swanberg (Silver Bullets) und Adam Wingard (A Horrible Way to Die) gleich mehrere der ganz großen Hoffnungsträger des amerikanischen Independent-Horrorfilms unter den Regisseuren der sechs Episoden zu finden waren. Zugegeben, die einzelnen Beiträge waren von durchaus unterschiedlicher Qualität – und insbesondere Ti West, ansonsten nicht zu Unrecht als Erneuerer des Horrorkinos aus dem Geiste seiner Traditionen heraus gefeiert, enttäuschte sogar ganz unverblümt. Dennoch gab es gar nicht mal wenige Momente im mit fast zwei Stunden sicher etwas überlangen V/H/S, die so genuin graueneinflößend waren wie wenig, was bis dato im Horrorkino des 21. Jahrhunderts zu sehen war. Momente, die mit der grundsätzlichsten (und hier ins Mediale projizierten) Furcht des Horrorfilms virtuos operierten – der Angst vor dem, was man nicht sehen kann.
Die Schreckmomente verlagerten sich bereits in V/H/S zunehmend und sehr konsequent in die Störsignale, die Laufstreifen, das Bildrauschen, die Pixel und Aussetzer – und diesen Weg geht die sehr schnell hinterhergeschobene Fortsetzung S-VHS noch einen Schritt weiter. Wesentlich auffälliger noch als im Vorgänger setzen die Regisseure von S-VHS auf die subjektive Kamera und den POV-Shot, die durch verschiedene Tricks narrativ legitimiert wird. In der ersten der diesmal nur fünf Episoden – aus der Überlange von V/H/S hat man den richtigen Schluss gezogen – wird diese subjektive Kamera gewissermaßen internalisiert: Herman, gespielt von Regisseur Adam Wingard selbst, ist Träger eines Augenimplantats, das nicht nur wie eine Kamera all seine Wahrnehmungen aufzeichnet, sondern auch seltsame Geistererscheinungen offenbart, gegen die anscheinend (oder eher: scheinbar) nur Sex mit hübschen jungen Frauen hilft…

Etwas unkomplizierter wird die subjektive Kamera in der zweiten Episode, inszeniert vom einstigen Genre-Revolutionär Eduardo Sánchez (The Blair Witch Project) und Gregg Hale, kurzerhand auf dem Fahrradhelm des bikenden Protagonisten aufgeschraubt. Dieser gerät dann alsbald in eine veritable Zombie-Apokalypse, in deren Verlauf unter anderem ein Kindergeburtstag dran glauben muss. Dennoch ist A Ride in the Park die mit Abstand schwächste Episode des Films und im Grunde nicht mehr als ein trashig-billiger Feldwaldundwiesenzombiefilm mit einem formalen Gimmick.

Der Höhepunkt von S-VHS folgt dann allerdings auf dem Fuße: Der walisischstämmige, aber in Indonesien arbeitende Gareth Evans, der jüngst mit The Raid: Redemption einen der explosiveren Martial-Arts-Filme jüngerer Zeit hinlegte, inszeniert die apokalyptische Selbstmordsektengeschichte Safe Haven in äußerst unbehaglicher Manier und ohne jede Furcht vor Blutfluten oder weniger trashigen als archetypischen visuellen Konkretisierungen des Grauens. Da kann dann Jason Eisener, der zuvor die hübsch durchgeknallte, aber dabei auch immer ganz authentisch abgefuckte Exploitation-Hommage Hobo with a Shotgun drehte, eigentlich nur noch zurückfallen – tut er aber gar nicht mal so weit. Slumber Party Alien Abduction macht zwar, zum nun endgültig geisterbahn- bis achterbahnhaften Abschluss, sehr, sehr wenig Sinn, aber dafür ordentlich Tempo – bis dann nur noch die wie schon in V/H/S konsequent grausige und nur in Schnipseln zwischen den Episoden angerissene Rahmenhandlung auszuerzählen bleibt.

Alles in allem ist S-VHS eine wunderbare Fortsetzung eines schmerzlich unterschätzten Films, der aus der Masse aktueller Genreproduktionen schon deshalb heraussticht, weil er dezidiert nach einer Essenz des Horrors in der Form sucht – einer Essenz, die sich nicht im Erzählten ereignet. Beide Filme suchen das genuin Horrible, das Zuwenig oder Zuviel des Sichtbaren – sie suchen den Schrecken, der sich nicht mehr erzählen und durch seine Erzählbarkeit zähmen lässt. S-VHS mag, in seinen schwachen Momenten, wie halbdurchdachter, mittelambitionierter B-Horror wirken – in seinen besten Momenten ist er das Intelligenteste und Furchterregendste, was das Genre derzeit zu bieten hat.

S-VHS

Die Horror-Anthologie "V/H/S" zählte im letzten Jahr zu den großen unterschätzten Genrefilmen – und das, obgleich mit Ti West ("The House of the Devil", "The Innkeepers"), Joe Swanberg ("Silver Bullets") und Adam Wingard ("A Horrible Way to Die") gleich mehrere der ganz großen Hoffnungsträger des amerikanischen Independent-Horrorfilms unter den Regisseuren der sechs Episoden zu finden waren.
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