Runner Runner

Runner Runner

Eine Filmkritik von Gregor Torinus

Film als Pokerface

Oliver Stones Film Wall Street (1987) ist der bis heute maßgebende Klassiker zu den Exzessen und der Verkommenheit der Finanzwelt und David Finchers Facebook-Film The Social Network (2010) ist ein nach wie vor brandaktuelles Werk über den späten Sieg der Geeks in unserer heutigen Online-Kultur. Was liegt also näher, als diese beiden Themen miteinander zu verknüpfen, um quasi vollautomatisch einen neuen Instant-Klassiker zu generieren? So oder so ähnlich wird der schlichte Grundgedanke zu Runner Runner wohl gelautet haben.
Richie Furst (Justin Timberlake) ist ein Mathematikgenie für das Princeton nur der Plan B nach dem Scheitern seiner Geschäfte an der Wall Street ist. Die horrenden Studiengebühren bestreitet er als Buchmacher für die Onlinespiele seiner Kommilitonen. Als ihm aufgrund dieser Geschäfte mit Rausschmiss von der Elite-Universität gedroht wird, muss er innerhalb kürzester Zeit 60.000 Dollar auftreiben. Furst setzt sein gesamtes Restgeld beim Onlinepoker und verliert. Ihm ist sofort klar, dass er von einem raffinierten Betrüger ausgenommen wurde, denn für jemanden von seinem Kaliber ist Poker keineswegs ein Glücksspiel. Also reist er kurzentschlossen nach Costa Rica, um Ivan Block (Ben Affleck), dem geheimnisvollen Betreiber des Poker-Portals, auf den Zahn zu fühlen. Block zeigt sich von Fursts Scharfsinn sofort beeindruckt und macht ihm ein Jobangebot, das dieser unmöglich ausschlagen kann. Doch die Unbeschwertheit des süßen Lebens im tropischen Postkartenidyll inklusive bildschöner Gespielin (Gemma Arterton) erweist sich zunehmend als trügerisch.

1997 wurden Matt Damon und Ben Affeck durch Gus Van Sants Film Good Will Hunting mit einem Schlag weltberühmt. Die beiden waren nicht nur die Hauptdarsteller, sondern auch die Verfasser des mit einem Oscar prämierten Drehbuchs. In dem Film spielen die beiden Freunde im realen Leben zwei Freunde, die wie sie in Cambridge aufwachsen. Beide sind einfache Arbeiter, allerdings ist der von Matt Damon verkörperte Will Hunting in Wirklichkeit extrem hochbegabt. Sein von Ben Affleck gespielter bester Freund Chuckie sagt jedoch von sich selbst, dass seine persönlichen Möglichkeiten nicht über einen Job auf der Baustelle hinausgehen. Doch Chuckie hat immerhin ein lockeres Mundwerk und kann auf seine Art recht schlagfertig sein. Eine der köstlichsten Szenen des Films ist die, als Chuckie an Wills Stelle zu einem Vorstellungsgespräch für eine extrem hochdotierte Stelle geht und er derart dreist auftritt, dass keiner der anwesenden Manager merkt, dass nicht das angekündigte Genie, sondern ein bauernschlauer Tölpel vor ihnen steht.

Diese Rolle ist prinzipiell nicht so sehr verschieden von der des durchtriebenen Poker-Gurus Ivan Block in Runner Runner. Zwei Unterschiede gibt es allerdings doch. Erstens versucht der bauernschlaue Tölpel in diesem Thriller nicht nur ein paar Konzernchefs davon zu überzeugen, dass er ein Genie ist. Er versucht mit seinen nur scheinbar schlauen Sprüchen gleich das ganze Kinopublikum übers Ohr zu hauen. Und zweitens hat diese Rolle in Runner Runner nicht nur der auf solche Rollen spezialisierte Ben Affleck, sondern gleich der ganze Film. Runner Runner gibt sich sehr smart und sehr trendy und geizt auch nicht mit tiefschürfenden Poker-philosophischen Weisheiten wie: "Wenn du zuerst die falsche Karte ausspielst, wirst du verlieren, egal, wie gut dein Blatt ansonsten auch sein mag."

Auch das Drehbuch gibt sich jederzeit ungemein clever, ist in Wirklichkeit jedoch weder besonders originell, noch sehr durchdacht. So wird erst viel Aufhebens darum gemacht, dass Ivan Block der große, geheimnisvolle Strippenzieher im Hintergrund ist, an den der gewöhnliche Sterbliche unmöglich herankommt. Trotzdem gelingt es Richie Furst direkt nach seiner Ankunft auf Costa Rica völlig problemlos auf einer der legendären Partys von Block zu erscheinen und dort auf bauernschlaue Weise mit dem großen Mann in Kontakt zu treten. Und damit der Zuschauer dabei nicht vergisst, dass dies gerade eine große Leistung gewesen ist, empfängt Block Furst mit den Worten: "Okay, du hast es also tatsächlich geschafft. Was willst du jetzt von mir?" In dem Stil geht es immer weiter und wenn nicht alle Beteiligten so bemüht ernst dabei gucken würden, so könnte man glauben, diese selbstparodistischen Züge wären tatsächlich beabsichtigt.

Trotzdem ist Runner Runner kein wirklich schlechter Film. Justin Timberlakes Darstellung ist solide und man fühlt mit seinem Richie Furst, während um ihn herum gerade der gesamte Film aus den Fugen gerät. Auch Ben Affleck zeigt eine beachtliche Leistung darin das Maximum aus seinen lächerlichen Textzeilen herauszuholen und seinem schmalen Charakter so etwas wie Charisma zu verleihen. Überhaupt geht es recht flott und unterhaltsam durch die 90 Minuten kurze Handlung. Das Ganze ist auch jederzeit schön, aber niemals spektakulär, von Mauro Fiore (Avatar) ins Bild gesetzt. Das karibische Setting tut sein Übriges dazu, dass man Runner Runner letzten Endes doch Einiges abgewinnen kann. Aber dieses Vergnügen gleicht doch mehr dem "guilty pleasure" einen dicken, fetttriefenden Burger mit einem Berg Pommes zu verschlingen, und nicht das auf der Karte ausgeschriebene raffinierte Menü.

Runner Runner

Oliver Stones Film "Wall Street" (1987) ist der bis heute maßgebende Klassiker zu den Exzessen und der Verkommenheit der Finanzwelt und David Finchers Facebook-Film "The Social Network" (2010) ist ein nach wie vor brandaktuelles Werk über den späten Sieg der Geeks in unserer heutigen Online-Kultur. Was liegt also näher, als diese beiden Themen miteinander zu verknüpfen, um quasi vollautomatisch einen neuen Instant-Klassiker zu generieren?
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