Romeos

Romeos

Eine Filmkritik von Monika Sandmann

Eine beinahe normale Liebesgeschichte

Miri ist jetzt Lukas. Also fast. Noch fehlt ihm der "kleine Unterschied". Noch stören die Brüste, die er sich mit straffen Bandagen und Lagen von T-Shirts und Sweatshirts platt quetscht. Sonst geht er bereits als Mann durch. Hormone senken seine Stimmlage um einige Oktaven, lassen seine Haare unter Achseln und am Kinn wachsen. Lukas ist transsexuell. Er fühlt sich als junger Mann und will auch genauso leben. Wenn ihn die anderen denn ließen. Doch statt zu den Jungen wird er während seines Sozialen Jahres in das Schwesternwohnheim quartiert. Immerhin lebt dort auch Ine, die lesbisch ist und Miris, jetzt Lukas, beste Freundin.
Ein Verwirrspiel um Identitäten und sexuelle Orientierungen beginnt. Lukas steht auf Männer. Seine Hormone geraten in Wallung – und da ist Fabio. Schwul, smart, sexy, ein echter Obermacho inklusive italienischem Hintergrund. Unter keinen Umständen darf die eigene Community erfahren, dass er mit Jungs rummacht. Und er selbst würde niemals, außer natürlich zum Schein, mit einem Mädchen anbandeln. Ine ist lesbisch. Cool geht sie mit Lukas´ Transsexualität um. Doch das ist nur Oberfläche. Sie vermisst ihre beste Freundin Miri, die plötzlich ganz andere Interessen hat. Wenn Miri jetzt auf Jungs steht, hätte sie doch gleich eine Frau bleiben können, wirft sie Lukas einmal vor.

Sabine Bernardi erzählt in ihrem Debüt eine klassische "Coming-of-age"-Story. Der besondere Kick ist die Transgender-Thematik von Romeos, die geschickt als Humorkomponente eingesetzt wird. Denn im Grunde geht es nur um eins: Darum, wie es ist, jung zu sein, Spaß zu haben, zu flirten, rumzumachen und enttäuscht zu werden... Romeos fängt gekonnt stilsicher ein jugendliches Lebensgefühl ein; voller Tempo und den besten Clubbing-Szenen, die der deutsche Film derzeit zu bieten hat. Unterlegt mit einem rasant groovenden Soundtrack und erfrischenden Schauspielern, die Bernardi zu einem tollen Ensemble zusammenfügt.

Wie schwer die Besetzung war, davon berichtete die Regisseurin bei einem Filmgespräch auf der "Cologne Conference". Monatelang suchte sie mit der Casterin Iris Baumüller nach einem geeigneten Darsteller für die Hauptrolle Miri/Lukas. Eine Rolle, die für jeden Schauspieler der Hauptgewinn sein müsste, denkt man. Doch die deutschen Jung-Mimen taten sich schwer, eine Figur – halb Junge, halb Mädchen, mit unklarer sexueller Orientierung – zu spielen. Selbst noch im Alter der Identitätsfindung war das Thema zu nah. Die Suche wurde mit einem Online-Casting erweitert. Vorgabe war eine Körpergröße von höchstens 1,72 Meter. Damit die Figur auch als Mädchen glaubhaft blieb. Rick Okon bewarb sich, nicht für die Rolle Miri/Lukas. Er ist fast 20 Zentimeter größer. Doch schon da erkannten Bernardi und Baumüller sein Potential.

Und Rick Okon (Rock it, 2010) traute sich, worüber sich die Filmwelt freuen sollte. Denn Okon hat das Zeug zu einem ganz Großen in seinem Fach. Nicht nur wegen seiner Körpergröße. Die ist nicht entscheidend, auch wenn sich Bernardi im Zusammenspiel der Protagonisten Lukas und Ine mit einem Trick behelfen musste. Damit der Unterschied zu Ine – Liv Lisa Fries ist 159 cm groß – nicht auffiel, wurde für Fries ein Laufsteg gebaut, der sie immer auf Augenhöhe mit Okon brachte.

Die Mühe hat sich gelohnt. Rick Okon durchdringt die diffizile Rolle Miri/Lukas. Er ist ein Junge, der mit großen Augen sein Junge-Sein entdeckt und über all die kleinen männlichen Details mit fast kindischer Freude stolz ist. Er ist das Mädchen, wenn er instinktiv agieren muss, weil seine Transgender-Identität aufzufliegen droht. Die Schultern sinken nach vorn, die Arme umschlingen den Körper. Hektische kleine Schritte. Das sind weibliche Bewegungsabläufe. Da geht es um Schutz, nicht um Angriff.

Zusammen mit Liv Lisa Fries (Die Welle, 2007) und Maximilian Befort (Henri IV, 2010) als Fabio hat Bernardi ein traumhaftes Trio auf die Leinwand gebracht. Selbst die kleinen Nebenrollen sind bestens besetzt und bringen ihren jeweiligen Part exakt auf den Punkt.

So rasant und stilistisch brillant der Look ist, so fröhlich und frei die Schauspieler agieren, umso enttäuschter lässt einen die Geschichte zurück. Viele Wendungen kommen mit Ansage. Und das Verhalten der Hauptperson wirft einige Fragen auf. Lukas möchte nicht als „noch“-Mädchen enttarnt werden, aber verstrickt sich in einen heißen Flirt mit Fabio, um diesen dann in höchster Erregung von sich zu stoßen. Klar ist Fabio sauer. Warum tut Lukas das? Warum bringt er sich so in „Gefahr“? Sind die Hormone Schuld? Ist es die sexuell aufgeladene Stimmung in seiner Clique, bei der er nicht außen vor sein will?

Und was hat das alles eigentlich mit Transgender zu tun – mal abgesehen davon, dass Lukas´ Geschlechtsmerkmale noch weiblich sind? Seine psychische Not setzt Bernardi zwar punktuell geschickt durch Videochats mit Schicksalsgenossen in Szene (dabei handelt es sich, so die Regisseurin, um "echte" Transsexuelle, die sie bereits in ihrem Dokumentarfilm Transfamily porträtierte). Die Regisseurin kennt sich im Thema aus. Aber was es wirklich bedeutet, in einem falschen Körper geboren zu sein, das klammert Bernardi auf merkwürdige Weise aus ihrem Spielfilm aus. Sie setzt Lukas´ Identitätsfindungsprozess zu Beginn des Films als abgeschlossen dar. Ihm fehlt nur noch das letzte Fein-Tuning von der Frau zum Mann. Die Unsicherheiten über die Transgender-Problematik werden von der Hauptfigur in das Außen verlagert: Der Beamte, der Lukas für das Mädchenwohnheim einteilt. Lukas` Eltern: die Mutter sagt "Miri", der Vater "Lukas". Oder Ine, die einem Klischee aufsitzt.

So kann sich Sabine Bernardi ganz auf das Eigentliche einer Teenie-Komödie konzentrieren. Auf die Liebe und ihre Irrungen und Wirrungen. Doch damit verliert Romeos auch ein klein wenig seine Besonderheit. Im Spaßfaktor liegt er aber ganz weit vorn und kann mit seiner spritzig-witzigen "Transgender-Light-Thematik" vielleicht auch ein breites junges Publikum erreichen.

Romeos

Miri ist jetzt Lukas. Also fast. Noch fehlt ihm der "kleine Unterschied". Noch stören die Brüste, die er sich mit straffen Bandagen und Lagen von T-Shirts und Sweatshirts platt quetscht. Sonst geht er bereits als Mann durch. Hormone senken seine Stimmlage um einige Oktaven, lassen seine Haare unter Achseln und am Kinn wachsen. Lukas ist transsexuell. Er fühlt sich als junger Mann und will auch genauso leben.
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