Rocco und seine Brüder (Blu-ray)

Rocco und seine Brüder (Blu-ray)

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Adel vernichtet

„Visconti behandelt die Schauspieler, wie er früher Pferde behandelt hat.“ (Alain Delon über Luchino Visconti); „Was sind Schauspieler denn im Grunde? Vollblüter. Nervös, sehr sensibel…. man muss sie streicheln oder peitschen, je nach Situation.“ (Visconti über Schauspielerführung)
So sieht Liebe aus: Wilde Liebe, zarte Liebe, leidenschaftliche Liebe – und selbstlose. Kurz gesagt: die Liebe eines Regisseurs zu seinem Hauptdarsteller in toto. Oder in Namen ausgedrückt — Alain Delon in einem Film von Luchino Visconti: „Noch Fragen?!“ Eingefangen wurde sie vom großen italienischen Kameramann Giuseppe Rotunno. Denn wer einmal in die feinen Gesichtzüge Delons in Viscontis Meisterwerk Rocco und seine Brüder geblickt hat, wird sie nie wieder vergessen. Sein zartes, damals noch engelsgleiches Gesicht trägt geradezu magisch das fast dreistündige Passionsepos einer aus dem Süden gen Norden gewanderten Großfamilie auf der Suche nach dem Glück.

Der französische Starschauspieler, der später jahrelang mit Helmut Berger – einem weiteren Visconti-Geschöpf – den unausgesprochenen Kampf auf der Kinoleinwand um den Titel „Schönster Mann der Welt“ ausfocht, wurde mit dieser Rolle zum Weltstar und fortan zu einer Lichtgestalt im Kino der 1960er und 1970er Jahre. Dass Delon, blutjung wie er 1960 noch war, zudem ein sinnlich-feminines Aussehen mit märchenhaften Augen besaß, prädestinierte ihn wesentlich für Viscontis moderne Madonnenfigurvariante des Rocco, einer sich selbst aufopfernden Märtyrergestalt, die im Wirtschaftswunderland des Mailänder Speckgürtels Fuß fassen will – und doch nur scheitert, wie jeder Heros in Viscontis Weltendramen voller Leidenschaft, die Leiden schafft.

In keine weitere Figur ist Viscontis Blick derart vernarrt, keine Augen- oder Wangenpartien werden öfter gezeigt als die von Rocco alias Delon. Auf ihm und seinem verzweifelten Versuch als ausgewandertes Proletarierkind in der ebenso reichen wie kalten norditalienischen Industriekapitale anzukommen und sozial-ökonomisch irgendwie nach oben zu gelangen, ruht von Beginn an Rotunnos exzellente Schwarz-Weiß-Kamera: In mehreren Nahaufnahmen stilisiert sie Delons Blick zu einem beinahe transzendenten Wesen, obwohl er hier auf Erden doch nur eine Figur wie Dostojewskis titelgebender Idiot ist: Trotz persönlicher Erfolge (z.B. als Boxer) wird er von anderen ausgenutzt, vom eigenen Bruder Simone (Renato Salvatori in der Rolle seines Lebens) gemartert, hintergangen und gedemütigt. Zugleich gesteht ihm Rotunnos Kadrierung eine geradezu asketische, heiligengleiche Haltung zu, die Viscontis Filmklassiker vielfach von innen heraus leuchten lässt. Auch noch 56 Jahre nach seiner skandalumwitterten Uraufführung in Venedig, als ihm der Goldene Löwe von Seiten der katholischen Kirche her verwehrt wurde: Zum bitteren Trost gab’s einen silbernen für den Universalregisseur – der trotzdem bis zu seinem leisen Tod im Jahre 1976 unentwegt Kino-, Theater- und Operngeschichte schrieb – und im selben Moment Weltruhm für seinen männlichen Protagonisten, dem in kürzester Zeit große Titelrollen angeboten wurden. Kein Wunder, sondern nur eine logische Konsequenz nach Delons furioser Rocco-Performance.

Obwohl als fünfaktige, große Epik atmende Familienchronik angelegt, ist das kinogeschichtliche Meisterstück des adligen Italieners über die Parondis in erster Linie ein fesselnder Situationsfilm, ein exquisites Werk komplex verdichteter Einzelmomente, die sich dem Zuschauer visuell regelrecht einbrennen: Die Ankunft des ärmlichen Familienclans in der gleichsam gigantischen wie bedrohlichen Bahnhofshalle in Mailand, wenn sich deren Schatten in den Quadraten und Quadern der Prestigearchitektur verlieren. Die Köpfe gesenkt, die Koffer tragend, eine unsichere Zukunft vor Augen …

In einer famosen, zudem fein austarierten Rendezvousszene zwischen Rocco und der Prostituierten Nadia (unvergessen: Annie Girardot) dient nichts weniger als das ehrwürdige Dach des Mailänder Doms als Leinwandkulisse für die beiden unglücklichen Königskinder. Dazu natürlich die berühmt-berüchtigte Mordszene auf einem Feld zwischen Simone (mit Messer in der Hand) und Nadia (mit ausgestreckten Armen in Kreuzigungs-Heilands-Pose), die zur Leinwandpremiere die katholische Kirche alarmierte – und schließlich Filmgeschichte schrieb … Und immer wieder Rocco: Beim schüchternen Blick in den Spiegel als aufstrebender Boxer, nach dem Mordgeständnis des Bruders Simone – wenn ihm der jüngere Bruder die Hand auf den Mund legt – und schließlich zusammen mit Luca, dem jüngsten der fünf Brüder, an der Seite von Rocco stehend, zärtlich den Kopf an die Brust des älteren Bruders geneigt …

Im Prinzip macht jeder Regisseur mal größeres, mal kleineres Kino: Visconti hatte allerdings nur Filme der ersten Kategorie vorgelegt, was wieder einmal deutlich wird, wenn man einen seiner Ausnahmefilme von Neuem konzentriert begutachtet: Dass er dabei expressives Pathos, offene Theatralik und reichlich Opernhaftes (z.B. in der Familienszene nach dem ersten Sieg von Rocco) selten scheute, seine erstklassigen Schauspieler quasi ein ums andere Mal vorzüglich ins Filmdekor hineinsetzte, ist hinreichend bekannt. Auch melodramatische Elemente durchziehen wiederholt sein brillantes Oeuvre als europäischer Großregisseur (Senso / Il Gattopardo / Morte a Venezia), genauso wie christliche Bilderwelten und kulturgeschichtliche Symboliken.

Visconti war schließlich nach eigener Aussage ein „lombardischer Leser“, also ein Mann des Wortes, verknüpft mit extrem hoher kultureller Bildung: Romane und die Liebe zu den schönen Dinge des Lebens, weshalb er seine Filme oft auch mit dem eigenen (!) Adelsinventar ausstattete, bestimmten seine Existenz als linksintellektueller Künstler wie als vermögender Lebemann. Oscar Wildes bekannten Ausspruch, dass ihm „das Beste gerade gut genug“ sei, manifestierte sich in Viscontis Leinwandepen in künstlerischer Hinsicht aufs Vortrefflichste (wie im Falle Roccos unter anderem mit der Musik von Nino Rota und eben jener vorzüglichen Kameraarbeit von Giuseppe Rotunno).

Sein immer noch wenig verstaubtes Gesamtwerk durchzieht von vornherein das schleichende Gefühl des Zu-Spät-Kommens, die Vorzeichen stehen stets auf Untergang: Wenn schon, dann aber schön, überbordend schön sogar. Viscontis Film-Kunstwerke, anders lassen sie sich gar nicht in Worte fassen, leben von dieser dialektischen Spannung zwischen Aufbruch und Niedergang, Neuanfang wie Übergang: Die Agonie um das „Alte“ sowie das Heraufziehen des „Neuen“ markieren seinen filmischen Werdegang bis zum Schluss.

In Rocco und seine Brüder hatte er sich – wie kein anderer – einer zeitlos modernen Version des Kain-und-Abel-Zwists angenommen, die ihm die Filmindustrie – wie ebenfalls zahlreiche andere seiner Werke – frühzeitig zu einem regelrechten Torso, inklusiver mehrfacher Kürzungen, zertrümmerte. Arthaus veröffentlicht diesen emotionalen Boxschlag ins Herzen der Zuschauer nun erstmals auf Blu-ray – in kompletter Länge: Ein Schauspielepos erster Güte – mit diesen sagenhaft schönen Augen von Alain Delon, das Viscontis Lebensmotto („Das Leben muss einem wie Feuer in den Adern brennen“) in unvergessliche Kinomomente goss. Wenn es einen Film für die einsame Insel geben sollte, dann diesen.

„Was mich zum Film geführt hat, das ist vor allem das Bedürfnis, Geschichten von lebendigen Menschen zu erzählen, von Menschen, die inmitten der Dinge leben, und nicht von den Dingen selbst. Das Kino, das mich interessiert, ist ein anthropomorphes Kino. Von allen Aufgaben, die ich in meiner Eigenschaft als Schöpfer zu übernehmen habe, passioniert mich deshalb die Arbeit mit den Schauspielern: Menschliches Material, mit dem man neue Menschen schafft, die ihrerseits eine neue Wirklichkeit, in der sie zu leben berufen sind, erzeugen: Die Wirklichkeit der Kunst“.
(Luchino Visconti am 25. September 1942 in der Filmzeitschrift Cinema)

Rocco und seine Brüder (Blu-ray)

„Visconti behandelt die Schauspieler, wie er früher Pferde behandelt hat.“ (Alain Delon über Luchino Visconti); „Was sind Schauspieler denn im Grunde? Vollblüter. Nervös, sehr sensibel…. man muss sie streicheln oder peitschen, je nach Situation.“ (Visconti über Schauspielerführung)
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