Rhapsodie im August

Rhapsodie im August

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Eine persönliche Perspektive zu einer historischen Katastrophe

Eine ländliche Gegend unweit von Nagasaki zur Ferienzeit: Die hochbetagte Witwe Kane (Sachiko Murase) hat ihre vier Enkelkinder zu Besuch, deren Eltern in die USA verreist sind. Es naht der Todestag von Kanes verstorbenem Mann, der eines der unmittelbaren Opfer des Atombombenabwurfs auf Nagasaki am 9. August 1945 war, und dieser Gedenktag beschäftigt auch ihre Enkel, die angelegentlich einen Ausflug in die Stadt dieser gewaltigen Katastrophe unternehmen. Derweil lernen ihre Eltern in den Vereinigten Staaten gerade Kanes Bruder kennen, ihren einstmals ausgewanderten Onkel, der mit seiner Familie auf Hawaii lebt. Und diesen verlangt es auf dem Sterbebett danach, seine Schwester wiederzusehen, und so lädt er sie samt ihrer Enkelkinder ein, ihn zu besuchen. Während die Kinder Feuer und Flamme für diese Idee sind, ihre wohlhabenden US-amerikanischen Verwandten zu treffen, zeigt sich Kane eher skeptisch und distanziert. Denn so sehr sie offensichtlich ihre innigen Zeiten mit den fröhlichen jungen Leuten genießt, so ist sie doch – besonders in diesen Tagen Anfang August – zutiefst in ihre abgründige Trauer versunken, dessen alljährliche Zelebrierung sich gerade in der gesamten Region anbahnt.
Mit Rhapsodie im August, der 1991 seinem letzten Regiewerk Madadayo (1993) vorausgeht, hat der japanische Filmemacher Akira Kurosawa ein gleichermaßen sanftes wie zutiefst tragisches Drama inszeniert, das vor dem Hintergrund der grauenvollen historischen Interpunktionsmarke des Abwurfs der Atombombe Fat Man auf Nagasaki einen ganz privaten Fokus setzt. Drei Generationen einer vorwiegend unterschwellig von Tod und Krankheit gezeichneten Familie, die signifikanterweise auch einen zunächst davon unberührten US-amerikanischen Zweig aufweist, bemühen sich hier um einen ganz eigenen Weg, mit dieser schwerlastigen Geschichte umzugehen. Dies geschieht anfangs recht offen und leichtgängig innerhalb der liebevollen Beziehung zwischen der Oma Kane und ihren Enkelkindern, die sich mit der Frische und Unbedarfheit ihrer Jugend, aber auch mit wachsendem Bewusstsein und ebensolcher Ernsthaftigkeit in diese düster-dumpfe Thematik einfinden. Als ihre Eltern aus den USA zurückkehren, gerät das hilflose Schweigen und die Verdrängung der mittleren Generation in den Fokus – eine Position, der hier offensichtlich ein längst notwendiger, heilsamer Aufbruch anempfohlen wird.

Mit dem recht überraschenden Besuch des Neffen Clark (Richard Gere) aus Hawaii, dessen Vater gerade mit dem Bedürfnis im Sterben liegt, seine Schwester Kane noch einmal wiederzusehen, trifft ein ganz besonderer Botschafter bei der Familie in Japan ein, wo sich die Vorbereitungen der Trauerfeierlichkeiten zum Jahrestag des Nagasaki-Traumas zuspitzen. Einerseits will Clark Kane überzeugen, die Reise nach Hawaii doch noch anzutreten, von persönlichem Interesse an seinen unbekannten Wurzeln motiviert. Andererseits fungiert er als Sohn eines aus Japan stammenden, eingebürgerten Vaters, der sich offenbar kaum über das Schicksal seiner fernen Familie geäußert hat, auch als Repräsentant jener Nation, die für den Einschlag der Atombombe verantwortlich ist. Wird auch deutlich, dass Akira Kurosawa damit seine Geschichte nach dem Roman der Schriftstellerin Kiyoko Murata in eine versöhnliche Konfrontation münden zu lassen beabsichtigt, ergibt sich daraus doch eine kuriose Konstellation, die befremdlich erscheint, aber dadurch wiederum einer kruden Konventionalität entbehrt: Ein US-Amerikaner mit japanischem Vater – noch dazu gespielt vom äußerst populären Richard Gere, der zuvor gerade in Pretty Woman zu sehen war – findet sich am Gedenktag in Nagasaki ein, um seine tabuisierte Familiengeschichte zu betrachten und gemeinsam mit seiner Tante würdig zu trauern, während er bemüht ist, zugewandt und fröhlich mit der jungen, aufgeschlossenen Generation zu paktieren, zukunftsgewandt. Moralische Fragen nach Schuld und Schuldbewusstsein werden hierbei zwar direkt im Privaten thematisiert, aber nicht verfolgt, sondern verbleiben als unangenehmer Schatten im Dunst der Vermeidung.

Atmosphärisch, vor allem gegen Ende des Films anwachsend, mutet dieses seltsame, berührende und letztlich verstörende sozialpolitische Drama mit seinen betont persönlichen Komponenten dem Zuschauer ein Wechselbad an Emotionen zu, deren Intensität sich in einem verborgenen, undurchsichtigen Feld des Unbewussten ereignet. Musikalisch gesellen sich neben den kontemplativen Grundklängen des japanischen Komponisten Shinichirō Ikebe die markanten europäischen Töne von Franz Schubert und Antonio Vivaldi in und über das Geschehen. Markant ist in diesem Zusammenhang vor allem die Vertonung des Gedichts Stabat mater mit der Referenz der Leiden Marias, der Mutter Jesus Christus' – ein Bezug, der hier verwundert, jedoch einen zutiefst melancholischen Effekt herstellt.

Doch diese sonderbare, hybride Kombination stellt auch eine Qualität von Rhapsodie im August dar, wobei die ausdrucksstarken, signifikanten Bilder Akira Kurosawas wie stets in seinen Filmen ihren eigenen Raum mühelos erobern, nachdrücklich besetzen und damit seine späte Filmkunst ansprechend aufleuchten lassen, mit sanfter, allmählicher Wucht. Das drastische Ende, das alle vorherigen Hoffnungen und Harmonisierungen schließlich brüskiert, verbeugt sich schmerzlich vor den Implikationen und dem Ausmaß einer historischen Katastrophe, die auch heute noch nicht annähernd als bewältigt betrachtet werden darf.

Rhapsodie im August

Eine ländliche Gegend unweit von Nagasaki zur Ferienzeit: Die hochbetagte Witwe Kane (Sachiko Murase) hat ihre vier Enkelkinder zu Besuch, deren Eltern in die USA verreist sind. Es naht der Todestag von Kanes verstorbenem Mann, der eines der unmittelbaren Opfer des Atombombenabwurfs auf Nagasaki am 9. August 1945 war, und dieser Gedenktag beschäftigt auch ihre Enkel, die angelegentlich einen Ausflug in die Stadt dieser gewaltigen Katastrophe unternehmen.
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