Return to Sender - Das falsche Opfer

Return to Sender - Das falsche Opfer

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Thriller, Drama oder Satire?

Sie ist schon ein schräger, dabei energischer und zielstrebiger Charakter in hübsch anzuschauender Gestalt, die Krankenschwester Miranda (Rosamund Pike), die in einer Kleinstadt in Lousiana in ihrem eigenen kleinen Haus lebt und im dortigen Krankenhaus gerade eine Fortbildung zur Operationsschwester aufnimmt. Das Talent und die Nerven hat die passionierte, penible Tortenkünstlerin und Hobbygärtnerin unbedingt dafür, was sich bald bei einem privaten Notfalleinsatz während eines Restaurantbesuchs mit ihrem Vater Mitchell (Nick Nolte) zeigt: Als ein korpulenter Mann sich an seinem Mahl verschluckt und zu ersticken droht, rettet Miranda ihn einer souveränen Expertin gleich beherzt und kaltblütig kurzerhand mit einem Luftröhrenschnitt. Dass sie dabei offensichtlich begehrlich von einem jungen Mann beobachtet wird, stellt sich erst später heraus.
Im Umgang mit ihrem sozialen Umfeld erscheint Miranda hingegen deutlich zurückgezogen und eher unbeholfen, flankiert von einem Hygiene- und Ordnungsfimmel mit starkem Kontrollbedürfnis. Neben regelmäßigen Kontakten zu ihrem verwitweten Vater trifft sie sich allenfalls gelegentlich mit ein paar Freundinnen, die sie beharrlich zu einem so genannten Blind Date mit einem netten Typen überredet haben, das nun ins Haus steht. Doch bei dem Fremden, der dann viel zu früh auf ihrer Veranda auftaucht, während Miranda sich noch die Nägel lackiert, handelt es sich eben nicht um die erwartete Verabredung, sondern um den Küchenhelfer William (Shiloh Fernandez), der die Verwechslung nur zu gern nutzt, um die attraktive Frau kennen zu lernen. Als Miranda misstrauisch wird, lässt sich William jedoch nicht abweisen, sondern vergewaltigt sie brutal und ergreift die Flucht.

Mit dieser überraschenden, dramaturgisch auch später schwer schlüssig herzuleitenden Gewalttat offenbart Return to Sender von Fouad Mikati nach einer ansprechenden, harmlos wirkenden Einleitung im Grunde seine erste Schwachstelle hinsichtlich der Motivation seiner Protagonisten, die insgesamt innerhalb der Figurenzeichnung schlichtweg zu kurz kommt. Während die dezent und unterschwellig undurchsichtig gestaltete Rolle des Witwers Mitchell – äußerst authentisch mit einem glaubwürdig alten, unaufdringlich filigran aufspielenden Nick Nolte besetzt – durchaus zur Bildung angedeuteter Interpretationsspektren des Films beiträgt, verbleiben die Ausdeutungsansätze für Miranda und William trotz des intensiven, überzeugenden Spiels von Rosamund Pike letztlich unbefriedigend blass und münden zudem dort in ein abruptes Ende, wo das Interesse erst aufgekeimt ist.

William wird anhand der Erinnerung seines desolaten, vielschichtig verletzten und völlig aus seinem Rhyhtmus und seiner vermutlich hart erkämpften Selbstsicherheit gerissenen Opfers rasch gestellt und inhaftiert, während Miranda sich unterstützt von ihrem Vater so allmählich wie mühsam erholt und dennoch anhaltend unter den Einbußen ihrer Konzentration und ihrer sensomotorischen Fähigkeiten leidet. Als sie sich augenscheinlich gefangen hat, beginnt sie regelmäßig heimlich anmutende Briefe zu schreiben, die allerdings mit dem Hinweis "Return to sender" zu ihr zurückkehren. Eines Tages jedoch erhält sie auf ihr hartnäckiges Insistieren eine Antwort von William aus dem Knast, den sie offensichtlich mit der Bitte, ihn besuchen zu dürfen, zuvor einige Male vergeblich angeschrieben hatte. Nun setzt eine dynamische, ausführlich angelegte Spannung im Spiel der Protagonisten und ihrer Interaktionen ein, denn noch lässt sich nur erahnen, warum Miranda die persönliche, zunehmend regelmäßige und auch ungeschützte Konfrontation mit ihrem Peiniger sucht: Strebt sie etwa tatsächlich so etwas wie eine heilsame Versöhnung der ungewöhnlichen, krassen Art an, hegt sie gar Sympathien für William? Oder geht es ihr um einen hinterlistigen Racheplan?

Die Fragen, die Return to Sender mit dem unpassenden deutschen Zusatztitel Das falsche Opfer aufwirft – inklusive jener nach dem insgeheimen Wissen des Vaters um die düsteren Aspekte seiner Tochter, auch in Bezug auf den Tod der Mutter –, stellen die Stärken einer zwar stringenten, doch mitunter inhaltlich zu karg gefassten Dramaturgie dar, deren zwischenmenschliche, interaktive Komponente sich wiederum durch eine solide bis beachtliche Spannungsqualität mit eindrucksvoller Visualität auszeichnet. Explizite moralische Ansätze zu den Themen von Vergewaltigung und Rache spart Regisseur Fouad Mikati wohlweislich aus, und doch bietet der Film mehrfach interessante inhärente Inspirationen diesbezüglich, was zweifellos zu seinen Vorzügen zählt, ebenso wie insgesamt die schauspielerischen Leistungen. Dennoch lässt diese mitunter mäandernde Mischung aus Thriller, Satire und Drama so etwas wie einen Sympathiefaktor vermissen, sei es in Hinsicht auf die Figuren, die Erwartungen des Zuschauers oder die Wendungen der Geschichte, ob nun im sanften oder brachialen Sinne, so dass letztlich das Vermeiden von klaren Positionierungen oder auch nur Hintergründen den Film unnötigerweise verflacht.

Return to Sender - Das falsche Opfer

Sie ist schon ein schräger, dabei energischer und zielstrebiger Charakter in hübsch anzuschauender Gestalt, die Krankenschwester Miranda (Rosamund Pike), die in einer Kleinstadt in Lousiana in ihrem eigenen kleinen Haus lebt und im dortigen Krankenhaus gerade eine Fortbildung zur Operationsschwester aufnimmt.
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