Remember - Vergiss nicht, dich zu erinnern

Remember - Vergiss nicht, dich zu erinnern

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Der Holocaust als Thriller-Material

Es gibt so ein paar feste Regeln im Filmgeschäft, eine davon ist: Nazis gehen immer. Das hat sich wohl auch Atom Egoyan gedacht, der mit Remember einen Film gedreht hat, der einen als Zuschauer mächtig in die Bredouille bringt.
Zev (Christopher Plummer) erwacht in der ersten Szene im Altersheim. Er ist verwirrt, denn Ruth, seine Frau, ist nicht da. Schnell stellt sich heraus, dass Zev an Demenz leidet und vergessen hat, dass Ruth vor zwei Wochen gestorben ist. Im Frühstückssaal trifft er seinen Freund Max (Martin Landau), der ihm einen Brief gibt und ihn instruiert, alle darin enthaltenen Anweisungen genau zu befolgen. Max' Brief schickt Zev auf eine Reise. Er soll Rudy Kurlander finden, hinter diesem Pseudonym versteckt sich ein ehemaliger Blockwart aus Auschwitz, der sich die Identität eines Holocaust-Überlebenden gegeben hat, um seiner gerechten Strafe zu entgehen. Noch dazu ist Kurlander direkt verantwortlich für den Tod von Zevs und Max' Familien in Auschwitz. Doch es gibt vier Rudy Kurlander – und Zev, stets halb verwirrt, muss sich nicht nur eine Waffe kaufen, sondern auch alle vier Männer besuchen, um herausfinden, wer von ihnen der richtige ist, und ihn dann erschießen.

Das sind Max' Anweisungen, und Zev folgt ihnen, Memento-Style, bis aufs Wort. Der erste Rudy (Bruno Ganz), den er trifft, ist tatsächlich ein ehemaliger Nazi, doch kämpfte er in Afrika unter Rommel, worauf er auch nach all der Zeit noch stolz ist. Der zweite Rudy (Heinz Lieven), den Zev heimsucht, hat selbst eine Nummer in den Arm tätowiert. Er war damals auch in Auschwitz, als Gefangener, weil er homosexuell war. Das kurze Treffen dieser beiden Überlebenden endet in Tränen. Der dritte Rudy ist inzwischen verstorben, dennoch gerät Zev in einen regelrechten Nazi-Hort, da der tote Rudy zwar nicht der gesuchte Rudy ist, aber ein ausgesprochener Nazi-Sympathisant war. Und sein Sohn, ein übergewichtiger, zweifach geschiedener State Trooper, setzt diese Tradition fort. Seinen deutschen Schäferhund nennt er allen Ernstes Eva, und er zeigt Zev, bevor er um dessen jüdische Herkunft weiß, die väterlich vererbte Erstausgabe von Mein Kampf. Danach hetzt er aber seinen Hund auf "den Juden". Doch Zev hat eine Waffe und rächt sich, nur um sich dann auf den Weg zum vierten und letzten Rudy Kurlander (Jürgen Prochnow) zu machen. Dort erwartet ihn dann noch eine sehr große Überraschung.

Wie man eventuell schon am Inhalt erkennen kann, ist Remember in mehrfacher Hinsicht ein einzigartiger Film. Das liegt nicht nur an dem Ensemble, welches fast komplett aus (sehr) alten Männern besteht, die teilweise aktiv am 2. Weltkrieg beteiligt waren, sondern Remember ist auch ein Film, der die Holocaust-Thematik in der Jetzt-Zeit behandelt und betrachtet, anstatt sie, wie ungefähr jeder andere Film, in der Vergangenheit zu verorten. Es gibt keine Rückblenden auf damals, es gibt keine Erinnerungen, keine großen Hinweise. Es gibt nur Zev im Hier und Jetzt mit seiner Aufgabe, die Toten zu rächen. Was an sich und auf dem Papier wie eine gute und innovative Idee klingt, ist dann im Erleben aber doch eine hochgradig ambivalente Angelegenheit. Denn Benjamin Augusts Drehbuch und Atom Egoyans Interpretation machen etwas, das man entweder als erfrischend oder als respektlos betrachten kann: Sie benutzen das Thema Holocaust, um einen kontemporären Thriller zu inszenieren, ohne allzu sehr in die Geschichte einzutauchen und es historisch korrekt zu verankern. Soll heißen, essentiell ist Remember kein Film über die Judenverfolgung, den Nationalsozialismus und dessen weitreichende Folgen, sondern ein Film über das Erinnern und Verdrängen, der ganz nach Hitchcock mit den Erwartungen spielt. So gesehen erscheint die Holocaust-Thematik mehr als Drehbuch-Kniff, als ein McGuffin, als als eine ernst gemeinte Auseinandersetzung mit dem Thema. Hauptsache eben, das System des Thrillers funktioniert. Das merkt man auch an den zahlreichen Filmfehlern und Details, die Egoyan selbst auf Nachfrage bei der Pressekonferenz bei den Filmfestspielen in Venedig zugegeben hat, aber auch ergänzte, dass diese nicht so wichtig seien.

Genau an dieser Stelle mag es dem einen oder anderen Zuschauer bitter aufstoßen, zumal dieser laxe Umgang mit der Thematik noch dazu führt, dass der Film einerseits eine eigenartig moralingetränkte Ansprechhaltung hat, andererseits aber – ohne es selbst zu bemerken – noch einmal zwei der heftigsten Klischees verstärkt: Der Jude ist durchtrieben und zieht im Hintergrund die Strippen; der Deutsche hinterfragt nichts, kann töten, ohne mit der Wimper zu zucken, und tut, was man ihm sagt.

Und um Remember einfach so genießen zu können, ohne einen Kloß im Magen zu haben, müsste man all dies ausblenden.

Remember - Vergiss nicht, dich zu erinnern

Es gibt so ein paar feste Regeln im Filmgeschäft, eine davon ist: Nazis gehen immer. Das hat sich wohl auch Atom Egoyan gedacht, der mit "Remember" einen Film gedreht hat, der einen als Zuschauer mächtig in die Bredouille bringt.
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Meinungen
Adrian Prechtel · 19.10.2015

Man kennt ja selbst diesen Reflex, wenn man die Zusammenfassung eines Filminhaltes liest wie „macht sich der Auschwitzüberlebende auf die Suche nach den Mördern...“ und man denkt: Nicht schon wieder! Aber am Ende eines Selbstjustiz-Tripps eines alten Mannes man merkt einmal mehr, welche starken Emotionen ein solches Thema nach 70 Jahren in aller Welt noch auslösen kann.
Egoyan, dem armenischstämmigen Kanadier mit Hang zu Aufarbeitungsthemen wie Kindstod („Das süße Jenseits“) oder Völkermord („Ararat“), ist mit „Remember“ ein fantastischer Erinnerungskrimi gelungen, auf den er Plummer mit einer Pistole schickt. Am Ende sind auch wirklich drei Nazis tot, nur ganz andere und anders als man denkt...

Und das ist ein Schock: Dass das Täter-Opfer-Schema hier am Ende unfassbar ausgehebelt wird, ohne jemals die moralische Linie zwischen Auschwitz-Verschleppten und SS zu verwischen. Aber Egoyan hat ein Grundprinzip verletzt: Dass man sich im Kino grundsätzlich darauf verlassen will, wer gut und wer böse ist. Was aber, wenn unsere Identitäten nur Konstrukte unserer Erinnerung sind? Was, wenn der Gute im Film der Böse ist, aber das Gute tut, weil er verdrängt hat, wer er eigentlich ist?

Diese spannenden, nur psychologisch komplizierten Konstruktionenin diesem lässigen, hochernsten Krimi sind für manche eine Zumutung, auch wenn „Remember“ ganz linear und klar und spannend und sogar mit Witz erzählt ist.

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