Reflections

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Eine Filmkritik von Sonja Hartl

Brief an die Mutter

Es gab immer eine Distanz im Verhältnis zu ihrer Mutter, sagt die schwedische Filmemacherin Sara Broos zu Beginn ihres Films Reflections (Speglingar). Sogar als sie ein gemeinsames Wochenende zum 60. Geburtstag der Mutter in Lettland verbracht haben, haben sie kaum geredet. Obwohl sie sich doch so ähnlich sehen, sie sich ihr so verwandt fühlt, gibt es etwas, was sie nicht überwinden kann. Anstatt zu reden, hat die Mutter ihre Tochter fotografiert – ein wiederkehrendes Muster in ihrer Beziehung, saßen sie und ihre Schwestern doch oft für ihre Mutter, die Malerin Karin Broos, Modell.
Es ist eine Sprachlosigkeit, die die Beziehung zwischen Tochter und Mutter, zwischen Filmemacherin und Malerin bestimmt. Sara Broos erinnert sich, dass sie früher Briefe an die Bilder ihrer Mutter geschrieben hat, weil sie verstehen wollte, warum sie so traurig sind. Um ins Gespräch zu kommen, entscheidet sich Sara Broos, einen Film über ihre Beziehung zu ihrer Mutter zu machen. Die Bestandsaufnahme im Jetzt ist eindeutig: Obwohl sie Zeit miteinander verbringen, gibt es wenige Emotionen in der Beziehung, erst mit dem Vorwand ihres Filmes beginnt Sara Broos Fragen zu stellen und Karin Broos Antworten zu geben, zu der Kindheit und dem Aufwachsen, der wilden Sinnsuche in den 1960er und 1970er Jahren, den Drogenexperimenten, der Suche nach Selbstbestätigung durch Männer und schließlich dem Kennenlernen des Vaters, dem Rückzug in die ländliche schwedische Abgeschiedenheit.

Die Antworten der Mutter fasst Sara Broos in eine Montage aus Bildern und Videosequenzen, kurzen Gesprächen mit der Mutter, Auszügen aus deren Tagebuch und immer wieder inszenierten kurzen Ausschnitten sowohl von sich selbst – wie sie ins Wasser geht und langsam untertaucht, wie sie in die Kamera blickt – und dem Rest der Familie, ihren Schwestern, Nichten, Neffen, ihrem Vater, alle offensichtlich gewöhnt daran, dass eine Kamera läuft, dass sie in Szene gesetzt, ins Bild gefasst werden. Stilistisch lehnt sich Sara Broos zum einen an die Arbeiten der Mutter, der Malerin Karin Broos, an, oft sieht man auf den ersten Blick nicht, ob es ein Foto oder ein gemaltes Bild ist, noch häufiger steht ein Foto, das die Mutter von Sara oder ihren Schwestern macht, am Anfang eines Bildes. Zum anderen verbinden sich diese Bilder mit Sara Broos' filmischem Stil, mit Close-ups, Detailaufnahmen, sonnengefluteten lens-flare-Bildern und nebelverhangenen Landschaftsaufnahmen. Schon hier finden sich die titelgebenden Reflektionen – und gehen eine Verbindung ein.

Dieser erste Schritt vom filmischen Essay hin zum stilisierten Selbstporträt wird ergänzt durch Widerspiegelungen auf biographischer Ebene. Die Mutter spricht über ihre Essstörungen, über ihren lebenslangen Kampf mit ihren inneren Dämonen, ihre Worte sind nüchtern, abgeklärt, sehr klar. Jedoch zeigen die Bilder den aufwühlenden, bisweilen alles verzehrenden Kampf, den sie in ihrem Leben ausfechtet. Und er strahlt auf die Tochter, sie spiegelt die Erfahrungen der Mutter wider. Auch auf sie hatte der Verlust ihrer jüngeren Schwester Auswirkungen, hatte das Schweigen der Mutter Folgen. Sara Broos wählte einen anderen Weg, sie entschied sich für Struktur, Kontrolle und Erfolg, sie war ein introvertiertes, stilles Kind. Doch hinter dessen Erfolgen verbarg sich Bulimie, die die Mutter trotz eigener Erfahrungen nicht erkannt hat.

Durch und in der Kunst verbinden sich nun diese Frauen, gehen sie die Symbiose ein, die Sara sich ersehnt, aber vor allem – oder beinahe ausschließlich auf künstlerischer Ebene. Dieser Film nun erlaubt es Mutter und Tochter, Zeit miteinander zu verbringen, aber auch Zeit vergehen zu lassen, um das Gesagte und Erfahrene zu verarbeiten. Jedoch stellt sich auch die Frage, ob Mutter und Tochter, ob die gesamte Familie jemals ohne Kunst eine Verbindung zueinander aufnehmen kann. Der Film legt indes mit seinen Beobachtungen und Offenbarungen nach und nach die Fragilität des Selbstbewusstseins dieser Frauen offen, er verweist auf die Scham, auf die Selbstzweifel, die negative Selbstwahrnehmung, die Mutter und Tochter teilen. Dadurch verweist dieser stilisierte, dokumentarische Versuch eines Selbstporträts auf die stille Verzweiflung und Melancholie zweier Frauen, deren Kampf um innere und äußere Freiheit noch lange nicht abgeschlossen ist.

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Es gab immer eine Distanz im Verhältnis zu ihrer Mutter, sagt die schwedische Filmemacherin Sara Broos zu Beginn ihres Films "Reflections" ("Speglingar"). Sogar als sie ein gemeinsames Wochenende zum 60. Geburtstag der Mutter in Lettland verbracht haben, haben sie kaum geredet. Obwohl sie sich doch so ähnlich sehen, sie sich ihr so verwandt fühlt, gibt es etwas, was sie nicht überwinden kann.
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Leserbewertung
von 5 bei Bewertungen
Titel
Reflections
Brief an die Mutter
Originaltitel
Speglingar
FSK
keine Angabe
Regie

Cast und Crew

Regie
Drehbuch
Musik
Schnitt

Daten und Fakten

Produktionsland
Filmlänge
80 Min
Filmverleih
DVD
Blu-Ray
VoD & Streaming
TV

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