Red Nights

Red Nights

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Blutrünstiger Etikettenschwindel

Selbst in Zeiten des bösen Internet, das allen Kulturpessimisten wie der finale Beweis der These vom Untergang des Abendlandes erscheint, erweist sich das gute alte „Holzmedium“ Papier nach wie vor als überaus geduldig. Und das gilt nicht nur für Zeitungen, sondern vor allem auch für die Klappentexte von Büchern und DVDs. Was Red Nights / Les nuits rouges du bourreau de jade von Julien Carbon und Laurent Courtiaud einmal mehr eindrucksvoll unter Beweis stellt: „Hocherotisch und in seiner Gewalt unangenehm explizit“ sei der Film – zumindest den zweiten Teil der Aussage kann man durchaus unterschreiben. Dann aber kommt es noch dicker: „Der Film vereint die mörderische Schönheit eines giallo mit der tabubrechenden Kraft eines Cat-III Films.“ Wobei Cat-III hier subsummierend für das Hongkong-Kino der brachialeren Gangart steht: Seit 1988 ist CAT-III die höchste Stufe der Freigabe, die Filme in Hongkong erhalten können. Zugegeben: Die angepriesene Kombination aus Italo-Slasher und Hongkong-Kino verfehlt definitiv ihre Wirkung auf den geneigten Fan beider Genres nicht – umso größer muss deshalb auch zwangsläufig die Enttäuschung sein, denn Red Nights knüpft weder an den giallo noch an die goldenen Zeiten des Hongkong-Kinos an, sondern bleibt am Ende ausschließlich wegen seiner Blutrünstigkeit und ausgesuchten Grausamkeit in (unangenehmer) Erinnerung.

Schon der Auftakt gibt da die schrille Tonalität vor, die die Melange aus Folterporno und Pseudothriller in den folgenden 96 Minuten maßgeblich auszeichnen wird: Eine junge Frau wird von der sadistischen Kunstsammlerin Carrie (Carrie Ng) in Latex eingeschweißt und erlebt so Todesnähe, die mit sexueller Erregung einhergeht. Weil das Erlebnis von Atemnot und luftdicht versiegelter Haut so prickelnd war, lässt sich die junge Frau ein weiteres Mal einschweißen – dieses Mal aber ohne glückliches Ende, weil Carrie ihr nicht nur die lebensnotwendigen Atemöffnungen verschließt, sondern der hilflos Daliegenden auch noch mit bestialischen Krallenfingern die Bauchdecke öffnet. Die Folterszene wird sich zwar im weiteren Verlauf des Films als irrelevant für die Story erweisen, immerhin aber lässt sie keinen Zweifel daran, dass diese kühle Geschäftsfrau eine erbarmungslose und sadistisch veranlagte Killerin ist, die buchstäblich über Leichen geht – und mehr noch: daran sogar ein großes Vergnügen empfindet. Auf den ersten Mord folgt schnell ein zweiter, der allerdings nicht von Carrie, sondern von der französischen Diebin Catherine Trinquier (Frédérique Bel) an ihrem Liebhaber begangen wird.

Anders als Carrie verfolgt sie aber ein Ziel mit ihrer Tat: Sie bringt sich so in den Besitz eines Kästchens, das eine Phiole mit einem seltenen Gift enthält, das seine Opfer lähmt und gleichzeitig deren Schmerzempfinden steigert. Klar, dass die Sadistin Carrie es bald schon auf dieses Gift abgesehen hat. Und neben ihr interessieren sich auch die Triaden für den Inhalt des Jade-Kästchens.

Gäbe es nicht die zumindest teilweise erlesenen Bilder von Man-Ching Ng und den solide pumpenden Soundtrack von Willie und Alex Cortés (Martyrs), könnte man diesen Film wohl vollends vergessen. Zu unentschlossen schwankt die Story zwischen Thriller und Torture porn hin und her. Ebenfalls wenig unergiebig sind die Charaktere. Das gilt zum einen für Catherine, die sich für eine vorgebliche Meisterdiebin ziemlich blöd anstellt. Noch unangenehmer fällt die flache Zeichung der Charaktere aber bei der dämonischen Carrie ins Gewicht, deren übertriebene Grausamkeit auf nichts weiter abzielt als auf den nächsten gezielten Schlag gegen den Solarplexus des Zuschauers, während sich der Film, einem Porno nicht unähnlich, entlang einer mikroskopisch dünnen Storyline von Folterszene zu Folterszene hangelt. Von den stilistischen wie inhaltlichen Innovationen eines giallo ist diese bizarre Mixtur jedenfalls meilenweit entfernt. Wer auf die Werke von Dario Argento und Co. steht, sollte sich in diesem Fall nicht von der Beschreibung auf der DVD blenden lassen, sondern lieber gleich direkt zu den Werken des Meisters oder zu sehenswerten Neo-Gialli wie Amer oder [ilinks=17595]Masks[/ilinks] greifen – das Leben ist einfach zu kurz für schlechte Plagiate.
 

Red Nights

Selbst in Zeiten des bösen Internet, das allen Kulturpessimisten wie der finale Beweis der These vom Untergang des Abendlandes erscheint, erweist sich das gute alte „Holzmedium“ Papier nach wie vor als überaus geduldig. Und das gilt nicht nur für Zeitungen, sondern vor allem auch für die Klappentexte von Büchern und DVDs. Was „Red Nights“ / „Les nuits rouges du bourreau de jade“ von Julien Carbon und Laurent Courtiaud einmal mehr eindrucksvoll unter Beweis stellt:

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