Radio Dreams

Radio Dreams

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Warten auf Metallica

Träume haben sie alle in Babak Jalalis wundervoll lakonischer Tragikomödie Radio Dreams. Blöd nur, dass jeder der Beteiligten einem anderen Traum hinterherjagt und all diese unterschiedlichen Lebensentwürfe nicht so recht zusammenfinden wollen.

Das zeigt sich in komprimierter Form vor allem an dem einen Tag, an dem die Geschichte spielt – mit Ausnahme der Exposition, die schon ein wenig früher ansetzt, – als die afghanische Rockband Kabul Dreams im nebelverhangenen San Francisco ankommt. Dort soll es, so wird es seit Tagen schon kolportiert, zu einer legendären Begegnung und Live Session der Afghanen mit den Musikern von Metallica kommen und alles befindet sich in heller Aufregung – vor allem die Mitarbeiter des Radiosenders PARS Radio, einer kleinen, privat betriebenen Anstalt, die vor allem für Exil-Iraner in den USA und in der Bay Area sendet.

So weit, so gut. Nur: Ob Metallica wirklich kommt oder ob das Ganze nicht vielleicht doch nur ein Hoax ist, eine Finte, um Zuschauer an die Radiogeräte zu locken, das scheint hier niemand so genau zu wissen – oder wenn, dann sagt es niemand. Auf jeden Fall schreitet der Tag voran, wird zum Nachmittag und Abend, ohne dass es eine Spur gibt, geschweige denn ein Kontakt zu den Superstars zustande kommt. Die Spannung steigt und steigt, wird zur Resignation und Verzweiflung, immer wieder muss improvisiert werden, weil das Programm auszugehen droht, weil man natürlich fest mit dem Auftritt der beiden Bands gerechnet hat. Bis dann, ausgerechnet in den Moment, als alle schon resigniert haben, doch noch das Wunder geschieht. Zumindest teilweise, wenn man es genau nimmt ...

Radio Dreams ist ein Film, der von seinen Typen lebt, die allesamt dem Universum eines Jim Jarmusch oder eines Aki Kaurismäki entstammen könnten, wenn da nicht dieser Background der Immigranten-Community wäre, in der der Film angesiedelt ist: Da ist beispielsweise der Programmmacher Royani (Mohsen Namjoo, der "Bob Dylan des Iran" mit herrlich abstehender Dichtermähne), ein Poet, der sich ständig den niederen Bedürfnissen der Führungsebene, insbesondere in Gestalt der Inhaber-Tochter, ausgesetzt sieht, die seinem Wunsch nach einem qualitativ anspruchsvollen Programm diametral entgegengesetzt sind. Und weil das fleißige Marketing-Töchterchen eifrig Werbung (die kommt freilich nicht vom Band, sondern wird live im Studio eingespielt) akquiriert hat, muss Royani es zudem ertragen, dass seine Sendungen von nervigen Jingles unterbrochen werden. Außerdem sind da noch selbstgefällige Patrons, unfähige Assistenten, eine fehlende Bassgitarre, eine Miss Iran USA mit dem Hang zur Poesie, ein afghanischer Musiker, der unversehens die Frau fürs Leben findet sowie ein Möchtegern-Musikant, für den der Radio-Besitzer viel eher eine Karriere als Ringer-Champion vorgesehen hat.

Babak Jalali setzt auf die Strategie des "Slow-burn", des Witzes, der seine Wirkung erst langsam entfaltet und manchmal auch einfach nahezu ohne Effekt verpuffen lässt. Die Fremdheit indes, die all diesen Figuren (vor allem den Musikern aus Afghanistan, über deren Schicksal man gerne mehr erfahren hätte) innewohnt, wird allenfalls am Rande gestreift, so dass man sich am Ende des Gefühls nicht erwehren kann, dass hier einige Chancen verpasst und zugunsten der nicht immer treffsicheren Komik verraten wurden. Mehr Tiefe, mehr wirkliches Interesse an den verschiedenen Aspekten der durchaus interessanten und eigentlich recht vielschichtigen Figuren hätten dem Film sicherlich gutgetan.

Radio Dreams

Kabul Dreams ist der Name der ersten Rockband Afghanistans. Und die hat sich Hamid, der einst mit viel Idealismus in die USA einwanderte, zu seinem Lieblingsprojekt auserkoren. Denn wenn es nach Hamid ginge, soll die Band gemeinsam mit Metallica im Radio auftreten. Doch das ist alles gar nicht so einfach, wie sich das Hamid ausgedacht hat.

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