R – Gnadenlos hinter Gittern

R – Gnadenlos hinter Gittern

Eine Filmkritik von Sonja Hartl

Überlebenskampf

Erst mit der Einfahrt in den Gefängnishof ist das Gesicht des Neuankömmlings das erste Mal zu sehen, zuvor blieb die Kamera hinter seinem Kopf. Sie wird in R – Gnadenlos hinter Gittern immer wieder in diese dichte, beobachtende Position gehen, sehr nah bei Rune (Pilou Asbæk, Kapringen) bleiben, der eine zweijährige Haftstrafe absitzen muss. Was ihn erwartet, wird bei seiner Ankunft deutlich: Bereits ein Wärter warnt ihn, dass ihn seine Mithäftlinge bei lebendigem Leib zerreißen werden, kaum ist er in seiner Zelle, wird er erstmals angegangen. Dann packt ihn Mureren (Roland Møller) beim ersten Hofgang und teilt ihm mit, dass er einen Kumpel von ihm abgestochen und er ihn somit auf dem Kieker habe. Würde er aber den „Kanaken“, genannt „der Albaner“, niederschlagen, würde er darüber hinwegsehen. Aus Runes Perspektive hat er keine Wahl, er prügelt den Albaner nieder. Immer wieder schlägt er dessen Kopf auf die Stufen, das zu hörende Knacken ist schmerzhaft.
Doch auch danach hat Rune keine Ruhe, vielmehr wird er von Mureren immer wieder gedemütigt und zu Hilfsarbeiten gezwungen. Sein Empfinden wird eindringlich von den Regisseuren Tobias Lindholm (Kapringen) und Michael Noer (Nordvest) gezeigt, indem die Nähe der Kamera zu Rune seine Isolation und die Beschränkungen innerhalb des Gefängnisses zeigt. Dadurch überträgt sich der Druck und die Beklemmung fast körperlich auf den Zuschauer. Gelegentlich versucht Rune, den Druck mit Laufrunden zu kompensieren, die er im Hof dreht, dabei löst sich die Kamera gelegentlich von ihm, außerdem werden diese Bilder von Musik untermalt, die rauschend langsam anschwellt.
Im Zusammenspiel mit der grauen, tristen Farbgebung wird dadurch Runes Alltag deutlich, er nimmt diese Situation so hin, reinigt alle Zellen und die Toiletten, stets den Kopf gesenkt. Doch dann findet er einen neuen Weg, Drogen innerhalb des Gefängnisses zu schmuggeln und steigt dadurch innerhalb der Gefängnishierarchie weiter auf. Er bekommt eine bessere Zelle und seine Zeit wird erträglich – bis er abermals hintergangen wird, ausgerechnet von seinem Schmuggelpartner Rashid, in dem sich Runes Gefängniszeit widerspiegelt. Sie sind zusammen im Gefängnis angekommen, haben sich belogen, indem sie behaupteten, sie würden zurechtkommen. Doch Rashid steht unter dem gleichen Druck, nur sind seine Peiniger andere. Damit machen Tobias Lindholm und Michael Noer in ihrem eindrucksvollen Gefängnisfilm sehr deutlich, dass die Ereignisse Alltag sind. Denn das R im Titel steht sowohl für Rune wie Rashid, die dem Druck und Demütigungen kaum gewachsen sind.

Immer wieder zeigt die Kamera die undurchdringlichen Gänge im Gefängnis, verbindet sie mit Nahaufnahmen und weist dadurch auf die Seilschaften und Verbindungen, die Rune und Rashid unter Druck setzen. In jeder Minute erwartet man einen Ausbruch der Gewalt, teilt Furcht und Hilflosigkeit mit den Protagonisten, für die es im Gegensatz zu anderen Gefängnisfilmen keinen Mentor und keinen Beschützer gibt. Weder für Menschlichkeit noch Gerechtigkeit oder Schutz sind in dieser Welt zu finden, das zeigt sich deutlich, als sich Rashid hilfesuchen an einen der Wärter wendet, der ihn eindringlich davor warnt, über die Dinge zu sprechen. Nicht, weil er korrupt ist, sondern weil er weiß, welche Konsequenzen es für Rashid haben könnte. Denn für Rashid und Rune gibt es nur eine Notwendigkeit: Ihre Haftstrafen zu überleben. Und das machen Michael Noer und Tobias Lindholm mit ihrer eindringlichen Inszenierung, der überzeugenden Besetzung und dem ausgefeilten, durchdachten Drehbuch sehr deutlich. Denn R – Gnadenlos hinter Gittern ist ein sehr realistisches Sozialdrama mit fast dokumentarischem Anspruch, das niemals die Dramatik in der Erzählweise vergisst.

R – Gnadenlos hinter Gittern

Erst mit der Einfahrt in den Gefängnishof ist das Gesicht des Neuankömmlings das erste Mal zu sehen, zuvor blieb die Kamera hinter seinem Kopf. Sie wird in „R – Gnadenlos hinter Gittern“ immer wieder in diese dichte, beobachtende Position gehen, sehr nah bei Rune (Pilou Asbæk, „Kapringen“) bleiben, der eine zweijährige Haftstrafe absitzen muss. Was ihn erwartet, wird bei seiner Ankunft deutlich:
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