Ploey (2018)

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Ein Zugvogel-Küken bleibt allein im Norden zurück, als seine Kolonie im Herbst gen Süden fliegt. Der verzagte kleine Titelheld begibt sich auf eine gefährliche Wanderung. In dem isländischen Animationsfilm geht es nicht nur ums pure Abenteuer, sondern auch um ernste Themen wie Einsamkeit und Trauer.

Ploey (2018)

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Wer nicht fliegen will, muss wandern

Der Landstrich an der isländischen Küste, an dem das Küken Ploey aus dem Ei schlüpft, sieht idyllisch aus. Dem jungen Goldregenpfeifer mit den großen Augen steht eine glückliche Kindheit in der Obhut liebender Eltern bevor. Doch auch diese Welt bleibt nicht lange heil: Ploey verliert seinen tapferen Vater an den bösen Falken Shadow. Und weil Ploey Angst vor dem Fliegen hat, schnappt ihn sich eine fette Katze und verschleppt ihn ins Haus ihrer Menschenfamilie. Obwohl Ploey entkommen kann, steht er nun allein da am Beginn des Winters, denn die Regenpfeifer sind bereits nach Süden geflogen.

So tritt der ängstliche, aber willensstarke Junge zu Fuß seine Odyssee an, muss große Gefahren meistern und charakterlich reifen. Auf seinem Abenteuer, das epische Ausmaße annimmt, ohne langweilig zu werden, begegnet er in der Not Freunden und Helfern. Und er muss auch selbst anderen beistehen. Der isländische Animationsfilm des Regisseurs Árni Ásgeirsson packt in seine 83 Minuten erstaunliche viele Themen und Stimmungslagen, nimmt Anleihen beim Thriller-Genre, kombiniert Action mit Drama und vergisst trotz des ernsten Grundtons die kindgerechte Komik nicht.  Die Geschichte über ein Tierkind, das von seiner Kolonie getrennt wird und sich allein bewähren muss, wirkt an sich nicht ungewöhnlich, aber sie wird hier sehr sorgfältig und frei von störender Hektik erzählt. 

Ploey, dessen große Kulleraugen sich als mimisch ergiebig erweisen, hatte sich in das Mädchen Ploveria verliebt. Auf seiner Wanderung durch den Winter malt er sich nun betrübt aus, wie sich die Freundin im Süden seinem vorlauten Rivalen Sloey zuwendet. Die deutsche Synchronstimme betont mit ihrer Zartheit den nahezu verzagten Charakter Ploeys, doch der Junge mausert sich. Allein schon, wie er der fetten Katze entkommt, bezeugt auf lustige Weise seine Gewitztheit. Ploey will das weit entfernte Paradise Valley finden, in dem sich der Winter überstehen lässt. Allerdings, sagte ihm sein Vater, bleiben nur die Feiglinge unter den Vögeln im Winter im Land zurück, die anderen fliegen gen Süden. 

Obwohl Ploey der streckenweise buchstäblich einsame Held der Geschichte ist, spielt auch das Thema väterlicher Verantwortung eine wichtige Rolle. Ploeys Vater opferte sich, um ihn aus den Fängen Shadows zu retten. Dem Schneehuhn Giver, in dem Ploey auf seiner Wanderschaft einen Ersatzvater findet, war die Rettung seiner Familie nicht vergönnt. Der weiße Vogel, der in seiner Behäbigkeit und mit seiner Statur wie ein Yeti anmutet, ist ebenfalls tieftraurig. Der Tod ist in diesem Film eine wichtige Größe. Wenn dann im Laufe eines Kampfes ein tierischer Feind in eine Grube fällt und überraschend wieder daraus auftaucht, erkennt man gar den Schulterschluss mit dem Horrorfilmgenre. Ploey bleibt so gut wie nichts erspart, nicht die eisigen Stürme des Winters, nicht die Verfolgung durch Shadow, nicht actionreiche Bewährungsproben. 

Einmal schnuppert die Schnauze eines großen Tieres an Ploeys Spur – der Film zeigt seinen restlichen Körper nicht und erzeugt einen schönen Suspense um die Frage, ob es sich um einen Feind oder einen Helfer handelt. Für Comic Relief sorgt der fidele Herr Maus,  dessen Temperament und Akzent seine italienische Herkunft verraten. Es fehlt auch nicht an Slapstick, etwa in Form von Rutschpartien. 

Die Animation überzeugt mit ihren detailgenauen Hintergründen, den schön gezeichneten Grashalmen der Steppe und den von Flechten bewachsenen Felsen. Nur bei der Animation des Wassers hapert es ein wenig. Die Polarlichter und die Pracht des Sternenhimmels werden zelebriert, auch weil sie als Projektionen für Ploeys Sehnsucht nach dem toten Vater und der Geborgenheit seiner Familie dienen. Ein orchestraler Musikteppich begleitet die Handlung praktisch durchgehend, ohne jedoch störend zu wirken. Alles in allem ist Ploey ein gelungener, spannender Animationsfilm, der sich zwar stark an erzählerischen Standards orientiert, sich dabei aber nicht vor ernsten und traurigen Tönen scheut.

Ploey (2018)

Weil ein Vogel das Fliegen nicht erlernt hat, muss er zurückbleiben, als seine Familie im Herbst gen Süden zieht. Nun gilt es für ihn, den arktischen Winter zu überleben, bis seine Familie im Frühjahr zurückkehrt.

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