Pier Paolo Pasolini - Arthaus Close Up

Pier Paolo Pasolini - Arthaus Close Up

Eine Filmkritik von Jennifer Borrmann

Pier Paolo Pasolini - Provokateur, Poet, Ästhet

Als Pier Paolo Pasolini im November 1975 ermordet wurde, starb nicht nur einer der ganz großen Filmkünstler des 20. Jahrhunderts, sondern ein politischer Schriftsteller und ästhetischer Freigeist, der sich mit seinen radikalen Texten, Bildern und Äußerungen schwer in festgesetzte Kategorien einordnen lässt. Immer wieder negiert er eigene Positionen oder experimentiert mit seinem „Kino der Poesie“ – und geht damit bis an die Grenzen der Aufnahmewilligkeit des Zuschauers und Lesers. Arthaus hat eine DVD-Box herausgegeben, die drei ausgewählte Filme der 1960er Jahre zusammenführt: Mamma Roma (1962), Das 1. Evangelium Matthäus (1964) und Medea (1969).
Der studierte Literaturwissenschaftler und Kunsthistoriker Pasolini schenkte vor allem den regionalen Färbungen der italienischen Sprache besondere Aufmerksamkeit. So arbeitete er u.a. als Dialektspezialist in Cinecittá. Vor allem in Mamma Roma kommt dies zur Geltung, wenn die – meist negativen – Helden, Repräsentanten des Vorstadt-Proletariats, römischen Dialekt sprechen. Hier ist bereits Pasolinis Opposition zum jegliche regionale Besonderheiten unterdrückenden Faschismus angelegt. Später sah sich der Künstler und die Gesellschaft einem neuen Faschismus gegenübergestellt. Immer wieder prangert er den Niedergang und das Verschwinden der Kultur des einfachen Volkes und den Verlust von für das Zusammenleben wichtigen Werten an. Ein neuer Faschismus führe zu Anpassung und zur Auflösung kultureller Diversität – vor allem in Form des Kapitalismus‘. In Mamma Roma ist die Stadt eine männlich geprägte bürgerliche Konsumgesellschaft. „Du hast mich an Geld gewöhnt, vorher war es mir egal. Du wusstest, dass es für einen von uns böse endet“, sagt etwa Mamma Romas Zuhälter später in der Stadt.

In seinen Freibeuterschriften (Scritti Corsari, gesammelte Zeitungsartikel aus den Jahren 1973-1975) setzt er gar die Auslöschung alter Werte und gleichzeitige Anpassung an bürgerliche Lebensweisen mit Völkermord am Subproletariat gleich. Das bäuerliche Land in dem Magnani-Film wird mit solchen alten Werten extrem christlich geprägt bebildert: So ist die erste Einstellung gerichtet auf eine Hochzeitsfeier, die als Abendmahlbild arrangiert ist. Fatalistisch wird also auf das negative Ende der Geschichte gedeutet: Mamma Romas Versuch, ihrem Sohn ein besseres Leben in Rom zu bieten und ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen, muss letztlich scheitern.

Besonders in Medea (1969), dem einzigen Film mit Maria Callas als Schauspielerin, kommt das Thema der Zerstörung kultureller Werte visuell und inhaltlich außergewöhnlich zum Tragen: Medea tötet ihren eigenen Bruder, einen Priester, und damit ihre Tradition. Jason nimmt sie daraufhin mit in seine Welt, dieser Fortschritt ist jedoch stark negativ konnotiert, darf als Auflösung der alten Werte und Angleichungsversuch gelesen werden. Was den Film so schwer verdaulich macht ist jedoch nicht das kulturkritische Verständnis des Filmemachers, sondern in erster Linie die filmästhetische Übersetzung seiner theoretischen Überlegungen wie das „Kino der Poesie“ und die „Grammatik des Films“. Der Film ist eine einmalige Mischung aus Mystizismus und Realismus. Pasolini suchte eine Filmsprache, mit der er den Durchschnittszuschauer „in seinem Verhältnis zur Sprache der Massenmedien in die Krise“ treiben konnte: Lange, häufig zäh wirkende Einstellungen, sehr wenig Dialog, verwirrendes Spiel mit Licht und schier unlösbare Chiffren.

Wenn der Zentaur zu Beginn von Medea sagt, dass Gott überall ist, verweist dies auf Pasolinis Vorstellung von der natürlichen Heiligkeit der Welt, in der er keine übernatürliche Segnung benötigte. Er sagte einmal, er sei ein Ungläubiger mit einem Hang zum Glauben. Vielleicht verwirklichte er diese Sehnsucht mit der Lebensgeschichte Jesu in der wortgetreuen Verfilmung Das 1. Evangelium Matthäus. Denn der Film sei die Umsetzung der von ihm propagierten „indirekten freien Rede“: Der atheistische Regisseur und Drehbuchautor versetzte sich in einen Gläubigen, so konnte er durch seine eigenen und die Augen eines Gläubigen die Handlung sehen. Die Mutter des Regisseurs, Susanna Pasolini, zu der er eine enge Bindung hatte – sein Bruder war als Partisan erschossen worden und der Vater befand sich in Kriegsgefangenschaft – spielt die Maria, der Philosoph Giorgio Agamben den Apostel Philippus. Außergewöhnlich ist die stilmixende musikalische Untermalung der realistisch angelegten Visualisierung der Leidensgeschichte. Verschiedene Stile von Klassik bis Gospel wurden verwendet. Die beiden ersten Filme sind zu sehen im Nachklang des italienischen Neorealismus. Insbesondere bieten die Figuren in Mamma Roma als tragische und realistische Heldin, Identifikationsmöglichkeiten und selbst in Das 1. Evangelium Matthäus ist der Held nicht mehr der unnahbare Heilige, sondern ein Mensch aus der Mitte der bäuerlichen Gesellschaft. Medea hingegen wirkt seltsam entrückt als Visualisierung theoretischer Überlegungen.

1949 wurde Pasolini wegen Verführung Minderjähriger angeklagt, was zum Ausschluss aus der KPI führte. Diesem Einschnitt in seinem Leben — ihm wurde als Homosexuellen Dekadenz und Progressivität vorgeworfen, dies wiederum gleichgesetzt mit einer „bourgeoisen Degeneration“ – folgten noch zahlreiche weitere juristische Schwierigkeiten und politische und religiöse Kontroversen: Von seinem ersten Roman Ragazzi di vita (1955) bis zu seinem letzten Film Saló oder die 120 Tage von Sodom (1975). Auf einem Kongress der Radikalen Partei am 4. November 1975 sollte Pasolini noch eine Rede halten, zu der er aber nicht mehr kam: „Vergesst unverzüglich die großen Siege und fahrt fort, unerschütterlich, hartnäckig, ewig in Opposition, zu fordern: fahrt fort, Euch mit dem Andersartigen zu identifizieren, Skandal zu machen, zu lästern.“ Pasolini ist pure Antithese – reaktionär und revolutionär, einreißend und aufbauend, rückblickend und vorausschauend. Auf eines kann man sich aber verlassen: Pasolini ist unerschöpflich – nie Stillstand.

Pier Paolo Pasolini - Arthaus Close Up

Als Pier Paolo Pasolini im November 1975 ermordet wurde, starb nicht nur einer der ganz großen Filmkünstler des 20. Jahrhunderts, sondern ein politischer Schriftsteller und ästhetischer Freigeist, der sich mit seinen radikalen Texten, Bildern und Äußerungen schwer in festgesetzte Kategorien einordnen lässt. Immer wieder negiert er eigene Positionen oder experimentiert mit seinem „Kino der Poesie“ — und geht damit bis an die Grenzen der Aufnahmewilligkeit des Zuschauers und Lesers. Arthaus hat eine DVD-Box herausgegeben, die drei ausgewählte Filme der 1960er Jahre zusammenführt: „Mamma Roma“ (1962), „Das 1. Evangelium Matthäus“ (1964) und „Medea“ (1969).
  • Trailer
  • Bilder

Kommentare

Diese Sicherheitsfrage überprüft, ob Sie ein menschlicher Besucher sind und verhindert automatisches Spamming.

Weitere Filme mit

Anna Magnani

Enrique Irazoqui

Susanna Pasolini