Perfect World

Perfect World

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Montag, 5. Oktober 2009, ARTE, 21:00 Uhr

Es ist ein ebenso merkwürdiges wie anrührendes Phänomen, wenn eine Geisel und ihren Kidnapper in der distanzlosen Enge dieser außergewöhnlichen Situation allmählich eine zugeneigte Nähe verbindet. Wenn der Entführte dann noch ein kleiner Junge ist, der ohne seinen Vater aufwächst, und der Entführer dieses Schicksal teilt, dann entsteht daraus großes emotionales Kino à la Hollywood. Perfect World wartet dazu mit knisternder Spannung und hervorragenden Schauspielern auf, wobei Regisseur Clint Eastwood hier selbst eine tragende Rolle übernommen hat.
Nach einem Ausbruch aus dem Gefängnis nehmen die beiden Gangster Robert "Butch" Haynes (Kevin Kostner) und Terry Pugh (Keith Szarabajka) bei einem Einbruch den zehnjährigen Phillip Perry, genannt Buzz (T. J. Lowther) als Geisel. Als Terry sich brutal an dem Jungen vergehen will, schreitet Butch ein und erschießt seinen Komplizen. Nun setzen Butch und Buzz allein ihre ziellose Reise durch Texas fort, verfolgt von Chief Red Garnett (Clint Eastwood), für den Butch sozusagen ein alter Bekannter ist, den er einst persönlich hinter Gitter gebracht hat.

Während Garnett die junge FBI-Spezialistin Sally Gerber (Laura Dern), die ihm für die Verfolgung an die Seite gestellt wird, nur widerwillig akzeptiert, entwickelt sich zwischen Butch und Buzz zaghaft so etwas wie eine väterliche Freundschaft. Der schüchterne Buzz, der sich bei seiner stark religiös orientierten Mutter von Kinderfreuden wie einer Halloween-Kostümierung ausgeschlossen sieht, findet bei Butch Verständnis, der ihm auch sogleich eine kleine Geister-Tracht organisiert. Bei Buzz entspinnt sich ein Kampf zwischen Zuneigung und Angst Butch gegenüber, der durch die Begegnung mit dem Jungen geradezu in eine Sinnkrise gestürzt wird ...

Perfect World, der von der französischen Filmzeitschrift Cahiers du Cinéma 1993 zum Besten Film des Jahres gekürt wurde, kombiniert spannende Unterhaltung mit großen Gefühlen vor dem klassischen Szenario von Gut und Böse. Es ist die Stärke dieses US-amerikanischen Melodrams, dass es auf nahe liegende Moralisierungen zu Gunsten einer sorgfältigen Figurenzeichnung verzichtet, die sich in kraftvollen, bewegenden Bildern ausdrückt. Dass sich die perfekte Welt, die der ironische Titel ausweist, für einen kleinen Jungen und einen Gangster im Texas der 1990er Jahre so ganz jenseits des berühmt-berüchtigten Amerikanischen Traums zumindest für eine kleine Weile ereignen kann, stellt zudem eine Absage an das populäre Gutmenschentum dar, das sich nur allzu häufig in derartigen Produktionen tummelt.

Perfect World

Es ist ein ebenso merkwürdiges wie anrührendes Phänomen, wenn eine Geisel und ihren Kidnapper in der distanzlosen Enge dieser außergewöhnlichen Situation allmählich eine zugeneigte Nähe verbindet. Wenn der Entführte dann noch ein kleiner Junge ist, der ohne seinen Vater aufwächst, und der Entführer dieses Schicksal teilt, dann entsteht daraus großes emotionales Kino à la Hollywood.
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