Pazar – der Markt

Pazar – der Markt

Eine Filmkritik von Peter Gutting

Der Charme des ewigen Verlierers

Woran erkennt man ein echtes Verkaufstalent? Wenn einer es schafft, dem anderen etwas anzudrehen, was diesem schon einmal gehörte, ihm dann geklaut wurde und wofür er nun erneut Geld bezahlt. Die Szene ist nicht ganz ernst gemeint in Ben Hopkins Tragikomödie über einen kleinen Händler. Und doch wirft sie ein Schlaglicht auf den ewigen Zwist zwischen Überlebenskunst und Moral, mit dem wir uns alle herumschlagen müssen. Sei es auf dem orientalischen Basar, sei es im Callcenter oder gar auf der Vorstandsetage.
Mihram (Tayanç Ayadin) heißt der kleine Händler, dem der Coup mit der geklauten Ware tatsächlich gelingt. In seinem Dorf im Osten der Türkei kann er vielen vieles besorgen. Denn seine Methoden sind, wie man bald erfährt, nicht immer ganz sauber. Und auf dem Schwarzmarkt tummelt er sich geschickt wie kein Zweiter. Auf einen grünen Zweig kommt der talentierte Feilscher trotzdem nicht. Seine Frau, die das zweite Kind erwartet, kann beim Suppekochen knausern, wie sie will. Das Geld fehlt hinten und vorne.

Das hängt auch damit zusammen, dass der geschäftstüchtige Mihram eine höchst zeitgemäße Idee mangels Kapital nicht umsetzen kann: In dem verschlafenen Dorf an der Grenze zu Aserbaidschan träumt er davon, einen Handy-Laden aufzumachen. Das heißt, eigentlich könnte er es sogar. Denn Mustafa, eine dubiose Größe der lokalen Mafia, würde ihm das Geld leihen. Aber Mihram hat bei aller Nähe zu halblegalen Geschäften seinen Stolz: Erstens möchte er sein eigener Herr bleiben und zweitens will er nicht auf das eindeutig kriminelle Niveau der Mafia sinken.

Da winkt ihm plötzlich durch einen Großauftrag die Chance, das Startkapital für den Laden auf halbwegs anständige Art zusammen zu bekommen: Er soll über die Grenze fahren und in Aserbaidschan teure Medizin einkaufen. Das Geld gibt man ihm mit. Und weil Mihram in Aserbaidschan einen Onkel mit Beziehungen hat, nutzt er die Summe, um zuerst einen ganz anderen Deal abzuwickeln.

Aus der realistisch inszenierten Milieustudie entwickelt sich nun ein kleines Roadmovie, eine liebevoll begleitete Reise von zwei schelmischen Eigenbrötlern. Regisseur und Drehbuchautor Ben Hopkins hat die Figur des Mihram mit vielem ausgestattet, was den Kampf ums tägliche Brot mit der Würde der kleinen Leute verbindet: eine gehörige Portion Mutterwitz, den Stolz auf die eigene Verschlagenheit und das untrügliche Gespür für die kleinen Freuden und Laster des Lebens. Tayanç Ayadin verleiht dem Mihram den Charme des ewigen Verlierers, dem man einfach nicht böse sein kann. Beim Filmfestival in Locarno 2008 wurde er für die Rolle mit dem Preis des besten Hauptdarstellers ausgezeichnet. Genco Erkal gibt als Onkel den kauzigen Widerpart: eine verschmitzte, aber ständig jammernde Nervensäge, für den „das Klagen die einzige Freude“ ist, die ihm im Leben blieb.

Schade allerdings, dass Regisseur Hopkins sich nicht ganz auf die Individualität dieser Figuren verlassen hat. Stattdessen lädt er Pazar – der Markt / Pazar — Bir Ticaret Masali mit Moralvorstellungen auf. Der Onkel beklagt, dass der Neffe ein paar händlerische Spielregeln über Bord wirft, die in der verklärten alten Zeit als unantastbar galten. Und Mihram hat tatsächlich ein schlechtes Gewissen: Er hat sich geschworen, von nun an ein guter Mensch zu werden. In solchen Momenten nährt Hopkins den Verdacht, dass er seine Figuren zu Trägern abstrakter Erkenntnisse missbraucht. Etwa der, dass es kein wahres Leben im falschen gibt und dass in der Konkurrenzgesellschaft die Guten den Kürzeren ziehen.

Trotzdem: Der Ausflug des britischen Filmemachers in die Türkei, wo er auch den Dokumentarstreifen 37 Uses for a Dead Sheep über das Schicksal der Pamir-Kirgisen drehte, hat sich gelohnt. Denn in der Fremde fand er neben der Kapitalismuskritik ein Thema, von dem er viel lebendiger erzählt: Wie wichtig es ist, sein eigenes Ding zu machen und unabhängig zu bleiben. Jenseits von Callcentern und Vorstandsetagen.

Pazar – der Markt

Woran erkennt man ein echtes Verkaufstalent? Wenn einer es schafft, dem anderen etwas anzudrehen, was diesem schon einmal gehörte, ihm dann geklaut wurde und wofür er nun erneut Geld bezahlt.
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Meinungen
Bennu · 08.11.2009

Wie gut kann ein Film über einen gewitzten Händler schon sein? Das Drehbuch stimmt, die Darsteller auch, die Musik ist wunderbar nostalgisch und ironisch. Was kann man mehr wollen? Hopkins erzählt eine wunderbare Geschichte, Tayanc Ayaydin füllt diese Geschichte mit Leben und zieht uns vom ersten Moment an in seinen Bann. Ayaydin ist ein wunderbarer Schauspieler und in Pazar - Der Markt stellt er dies erneut unter Beweis.

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