Paris, Paris - Monsieur Pigoil auf dem Weg zum Glück

Paris, Paris - Monsieur Pigoil auf dem Weg zum Glück

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Im Dickicht der Geschichten und Klischees

Mit Die Kinder des Monsieur Matthieu / Les Choristes landete Christophe Barratier den Überraschungshit des Jahres 2004 und wurde sogar mit einer Oscarnominierung für den besten fremdsprachigen Film bedacht. Jetzt kehrt Barratier mit Paris, Paris —  Monsieur Pigoil auf dem Weg zum Glück / Faubourg 36 und dem Großteil seiner damaligen Erfolgsbesetzung in die Kinos zurück.
Vor dem politisch hochbrisanten – doch eher wenig bekannten – Hintergrund der großen Gewerkschaftsstreiks im Frankreich der 30er Jahre und der nur kurz währenden sozialistischen Regierung unter Léon Blum, erzählt der Film die Geschichte dreier Freunde, die um den Erhalt ihres kleinen Musiktheaters „Chansonia“ kämpfen. Nach der Schließung und Übernahme des Theaters durch den lokalen Gangsterboss versuchen Pigoil (Gérard Jugnot), Milou (Clovis Cornillac) und Jacky (Kad Merad) den insolventen Laden mit einer neuen Show und der jungen, talentierten Sängerin Douce (Nora Arnezeder) wieder zu eröffnen. Doch die letzte Rettung des „Chansonia“ droht an der Talentlosigkeit der anderen Teilnehmer und am Konkurrenzkampf um die junge Sängerin zwischen dem Gangster und Milou zu scheitern.

Barratiers neues Werk ist einer dieser Filme, in dem es alles und gleichzeitig nichts zu sehen gibt. Zu der eigentlich interessanten Konstellation aus Charakteren und ihren romantischen bzw. politischen Querelen gesellen sich noch weitere, wenig durchdachte Nebenhandlungen. Mühevoll versucht der Regisseur diese zu einer Geschichte zu verknüpfen, doch gelingen mag es nicht — was nicht verwundert, wenn man einmal die schiere Quantität der Nebenschauplätze betrachtet.

Allein Pigoils Privatleben: seine promiskuitive Frau, sein talentiert Akkordeon spielender Sohn und der Sorgerechtsstreit könnten einen weiteren Film füllen. Gleiches gilt für die Freundschaft der drei Hauptcharaktere, der sich aus immer neuen Gründen einer der Freunde entzieht, um am Ende doch zurückzukehren. Oder die Geschichte des „Radiomannes“ (Pierre Richard), eines Komponisten, der die letzten zwanzig Jahre sein Haus nicht verlassen hat.

Alles in allem verstrickt sich Barratier schon in der ersten Hälfte des Filmes dermaßen im Aufbau der komplexen Handlung, dass sämtliche Dynamik schlichtweg verloren geht. Zwar gibt es einige glanzvolle Momente, die an die Genialität seines Erstlingswerks erinnern lassen, doch werden diese nicht genutzt und versickern im Dickicht der Geschichte.

So werden dem Zuschauer zwei Stunden Oberflächlichkeit offeriert. Keiner der Charaktere und Handlungsstränge vermag es so recht, Empathie oder wirkliches Interesse auszulösen. Alle bleiben skizzen- und klischeehaft gezeichnet, Überraschungsmomente entstehen leider nur durch die Unverständlichkeit der in ihrer Motivation nicht nachvollziehbaren Handlungen der Personen. Oder eben dem persönlichen Grad der Verwirrung des Zuschauers auf der Suche nach dem nur schwer auffindbaren roten Faden der Geschichte. Da hilft es auch wenig, dass Barratier den gesamten Film unter dem Denkmäntelchen des „poetischen Realismus“ mit einem süß-kitschigen Zuckerguss aus Chansons und Pariser Romantik begießt.

Wenn die lang ersehnte Wiedervereinigung zwischen Vater und Sohn stattfindet, und die beiden, anstatt sich in den Armen zu liegen, Akkordeon spielen und dazu singen, kann das selbst beim Kitsch affinen und Chanson liebenden Zuschauer zu körperlichen Abwehrreaktionen führen.

Auch die extra für den Film komponierten Lieder kommen zwar ausgiebig zum Einsatz, doch sind sie genauso beliebig gestaltet wie der Rest des Films. Konnte man noch Monate nach dem Kinobesuch von Die Kinder des Monsieur Matthieu / Les Choristes die Melodien pfeifen, so verschwinden die Chansons des neuen Films sofort nach dem Abspann im Nichts.

Übrig bleibt Paris, Paris —  Monsieur Pigoil auf dem Weg zum Glück / Faubourg 36, ein enttäuschend flauer Film, der bis auf wenige Momente durch seine beliebige Umsetzung den Barratierschen Charme einfach nicht zu rekonstruieren vermag, vom dem sein erster Film Die Kinder des Monsieur Matthieu / Les Choristes nur so sprühte.

Paris, Paris - Monsieur Pigoil auf dem Weg zum Glück

Mit Die Kinder des Monsieur Matthieu / Les Choristes landete Christophe Barratier den Überraschungshit des Jahres 2004 und wurde sogar mit einer Oscarnominierung für den besten fremdsprachigen Film bedacht.
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Meinungen
henry · 12.01.2009

„Paris, Paris…” ist ein bisschen wie ein Disney-Film: Er ist politisch korrekt, die „Guten” und die „Bösen” sind sofort zu erkennen und genauso sicher ist, wer am Ende siegen wird - und dennoch schafft es der Film, hin und wieder gut zu unterhalten, zu rühren und ganz nebenbei auch noch den Uralt-Traum aller herzbewegenden Geschichten wahr werden zu lassen: „Einmal im Leben das Meer sehen…”.

N. · 07.12.2008

Wow, fast hätte ich den Film aufgrund seiner schlechten Kritik auf dieser Seite verpasst. Ich kann dem nun zum Glück nicht zustimmen und bin froh ihn gesehen zu haben. Paris, Chansons, Francais :-) Bildet euch eure eigene Meinung!!!

Mandy Beutler · 21.11.2008

Ich kann der Rezension nicht zustimmen: Es ist ein großartiger atmosphärischer Film, der einen für 2 Stunden in das Paris der 30er Jahre entführt und dabei viele interessante Charaktere und Einzelschicksale tragisch bis humorvoll zusammenführt. Abgerundet wird das Filmerlebnis durch die Musik und eine wundervolle Kulisse.

Kommentare

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