Parallax Sounds Chicago

Parallax Sounds Chicago

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Der Klang der Stadt

Nach den Erschütterungen der späten 1980er und frühen 1990er Jahre durch Grunge und dessen schnelle Absorbierung durch die Musikindustrie war zumindest gefühlt so etwas wie das Ende der Rockmusik erreicht – was sollte nun noch folgen, nachdem Rebellion und die kommerzielle Vereinnahmung, das Wiederkäuen eines Hypes und dessen jähes Ende so virulent geworden war wie selten zuvor?
Manchmal aber setzt gerade die Erfahrung, einen Endpunkt erreicht zu haben, ungeahnte kreative Kräfte frei, die dank des Zusammenbruchs beherrschender Strukturen mutig und innovativ neue künstlerische Wege beschreiten. Post-Rock lautete der Begriff, den der Musikkritiker Simon Reynolds erfand, um Bands wie „Tortoise“, „Mogwai“, „Stereolab“, „Godspeed You! Black Emperor“ und andere Musiker und Ensembles, die aus den Trümmern der Rock-Musik neue improvisatorische Formen irgendwie zwischen Jazz, zeitgenössischer Musik und Alternative Music schufen, auf einem gemeinsamen Nenner zu bringen. Obwohl Bands des Postrock auch aus Island („Sigùr Ros“), Japan („Mono“) und aus anderen Ländern kamen, war Chicago das unbestrittene Zentrum der Bewegung, was einerseits an „Tortoise“, andererseits an Steve Albini lag, der als Produzent Bands wie die „Pixies“, „Nirvana“, „PJ Harvey“, „Bush“, „Jon Spencer Blues Explosion“ und die „Manic Street Preachers“ produzierte hatte. Er gilt bereits heute als eine der prägenden Figuren der Independent-Szene seit den frühen 1990er Jahren.

Augusto Contento hat in seinem Dokumentarfilm Parallax Sounds Chicago der Musik des Post-Rock und dessen geistiger Heimat Chicago als Nährboden für die Form- und Genreexperimente ein Denkmal gesetzt, das zu den Sounds und Improvisationen passt. Fast immer befindet sich die Kamera mit den Interviewpartnern (unter ihnen befinden sich Steve Albini himself, aber auch David Grubbs von „Gastr del Sol“, Ken Vandermark von „Vandermark 5“, Damon Locks und einige andere mehr) unterwegs durch die Stadt, oft in öffentlichen Verkehrsmitteln oder im öffentlichen Raum. Auf diese Weise und begleitet von der ausschließlich instrumentalen, sehr ruhigen und fließenden Musik aus der Feder von Ken Vandermark und David Grubbs entsteht eine fast schwebende, träumerische Atmosphäre, die die Stadt beinahe unwirklich erscheinen lässt, eher als eine Phantasie denn als urbane Realität.

Weil der Film sich dabei eher auf Stimmungen als auf die Vermittlungen von Informationen verlässt und weil wichtige Player wie etwa die ebenfalls aus Chicago stammende Band Tortoise nicht bei den Musikern vertreten sind, bleibt der Teil der Films, der Rockmusikgeschichte schreiben will, hinter dem Stadtporträt etwas zurück. Vielleicht liegt genau darin Contentos Absicht: Nicht die schnöden Fakten sichtbar zu machen, sondern den ganz eigenen Rhythmus dieser Stadt, ihren unsichtbaren, aber fühlbaren Einfluss auf die Interpreten des Post-Rock, das Wechselspiel zwischen dem Stadtraum und seinen Geräuschen und der Musik darzustellen. Genau dieses Geflecht von Einflüssen und Wechselwirkungen greift Contento immer wieder kongenial auf, indem er Interviews im Stadtraum mit unkommentierten Impressionen Chicagos und musikalischen Intermezzi verknüpft, die sich in wie ein Vielklang am Ende doch zu einem stimmigen Ganzen, zu einem audiovisuellen Gesamtbild, fast schon einer begehbaren Klangskulptur verbinden.

Für Einsteiger in die faszinierende Welt des Post-Rock ist Parallax Sounds Chicago ein eher schwieriger Film, weil die spärlichen Informationen einiges an Vorkenntnissen erfordern. Wer aber die Stadt oder die Interpreten (oder vielleicht sogar beides) bereits kennt, wird sowohl die Sounds wie auch die Plätze hier noch einmal neu entdecken können.

Parallax Sounds Chicago

Nach den Erschütterungen der späten 1980er und frühen 1990er Jahre durch Grunge und dessen schnelle Absorbierung durch die Musikindustrie war zumindest gefühlt so etwas wie das Ende der Rockmusik erreicht – was sollte nun noch folgen, nachdem Rebellion und die kommerzielle Vereinnahmung, das Wiederkäuen eines Hypes und dessen jähes Ende so virulent geworden war wie selten zuvor?
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