Out in the Dark

Out in the Dark

Eine Filmkritik von Katrin Doerksen

"Was hält dich auf?"

„Manchmal wünschte ich, ich könnte hier weggehen und irgendwo neu anfangen“, erzählt Roy. „Was hält dich auf?“, erwidert Nimr. Die beiden haben sich gerade kennengelernt und das übliche Anfangsgeplänkel weicht einem persönlichen Gespräch. Vielsagende Blicke gehen hin und her, die Absichten sind schnell klar. Doch das Ganze findet an einem Ort statt, den sie ihren Familien gegenüber wohl besser nicht erwähnen, wenn sie von ihrer Freizeit erzählen: Nimr und Roy sitzen in einer Schwulenbar in Tel Aviv. Einer der raren Freiräume in dieser gebeutelten Weltgegend, in der Hass und Vorurteile vor den Türen bleiben, seien sie religiöser, gesellschaftlicher oder politischer Natur.
Roy (Michael Aloni) ist ein privilegierter junger Anwalt aus Israel, Nimr (Nicholas Jacob) ein palästinensischer Student. Für den Besuch seiner Seminare an der Universität von Tel Aviv hat er ein Visum, im Grunde begreift er seine Situation aber nur als weiteren Schritt in Richtung Elite-Uni Princeton. Dort will er seine Doktorarbeit in Psychologie schreiben. Er und Roy fühlen sich zueinander hingezogen, aber während der liberal erzogene Israeli seinen Eltern den Freund vorstellen kann, darf Nimrs Familie auf keinen Fall von der Beziehung erfahren.

Die Entscheidung, seine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund politischer Konflikte zu erzählen, verleiht dem Langfilmdebüt von Michael Mayer eine Dramatik, die bis zum Ende des Films fesselt. Denn Out in the Dark ist nicht nur Romanze. Er ist auch ein intimes Melodram und entwickelt sich im letzten Drittel mithilfe schnell geschnittener Verfolgungsjagden gar zum ausgewachsenen Thriller. Wir ahnen es schnell: die mühsam geschaffenen Freiräume der Gay-Community von Tel Aviv – Bars, Dachterrassen, Wohnungen – sie sind nicht von Dauer und sie garantieren auch keine Sicherheit. Den gemeinsamen Freund Mustafa (Loai Nofi) erwischt es zuerst. Er hat kein Visum, und so schnappt ihn der israelische Geheimdienst und schickt ihn zurück in die West Bank, wo schon ein brutaler Mob mit dem Vorwurf der Kollaboration auf ihn wartet, ihn misshandelt und tötet. Ab sofort wird die Situation auch für Nimr gefährlich, denn sein Bruder Nabil (Jamil Khoury) ist der Anführer der radikalen Gruppierung. Als ihm auch noch das eigene Studentenvisum entzogen wird, hat der junge Mann bis auf Roy bald niemanden mehr, zu dem er gehen kann.

Was hält euch noch hier? Die Frage stellt sich nun auch dem Zuschauer, denn bei aller Faszination, die der Nahe Osten zweifelsohne bietet, ein freies und sicheres Leben ist dort für das unkonventionelle Paar nicht möglich. Michael Mayer versteht es aber, bei dem überaus heiklen Thema nicht Partei zu ergreifen. Den Fanatismus einzelner Palästinenser zeigt er in Out in the Dark genauso wie die Paranoia Israels, ohne eine der Seiten dafür zu verurteilen. So vorsichtig geht der Regisseur an den Konflikt heran, dass man sich ein wenig mehr Hintergründe und deutlicher formulierte Motive für die Taten des Bruders Nabil beinahe wünschen würde, der stattdessen eher die grob umrissene Rolle des ‚Bösen‘ einnimmt.

Out in the Dark schwingt sich aber eben auch nicht dazu auf, Urteile zu verhängen, die dem Film nicht zustehen. Er kann natürlich keine Lösung für den Nahostkonflikt präsentieren, zu komplex ist die Situation vor Ort. Er kann auch keine jahrhundertealten religiösen Ressentiments beschwichtigen oder gesellschaftliche Tabus brechen. Er versteht es vielmehr, uns sofort für die Geschichte der beiden jungen Männer einzunehmen, uns mit ihnen fühlen, leiden und mitfiebern zu lassen. Wie betäubt bewegen sie sich durch die nur schwach beleuchteten nächtlichen Straßen von Tel Aviv, die Ran Aviad mit seiner digitalen Handkamera in geradezu entrückte Bilder verwandelt. Darüber schweben stets mit fiebriger Schwüle die zurückhaltenden Elektromelodien von Mark Holden und Michael Lopez, nur um dann doch im richtigen Augenblick zu einem bebenden Klangteppich anzuschwellen, der Nimrs und Roys Verzweiflung auf eine akustische Ebene bringt.

Wer hier einen durch und durch politischen Film erwartet, der mit historischer Akkuratesse Fakten verarbeitet oder eine philosophisch durchdachte Perspektive auf den Nahostkonflikt liefert, wird bei Out in the Dark wohl eine Enttäuschung erleben. Für alle anderen könnte dieser besondere Film ein Anlass sein, das eigene Verhältnis zu ihrer Umgebung zu überdenken. Eine Antwort auf die Frage „Was hält dich auf?“ ist allzu oft nicht leicht zu finden.

Out in the Dark

„Manchmal wünschte ich, ich könnte hier weggehen und irgendwo neu anfangen“, erzählt Roy. „Was hält dich auf?“, erwidert Nimr. Die beiden haben sich gerade kennengelernt und das übliche Anfangsgeplänkel weicht einem persönlichen Gespräch. Vielsagende Blicke gehen hin und her, die Absichten sind schnell klar. Doch das Ganze findet an einem Ort statt, den sie ihren Familien gegenüber wohl besser nicht erwähnen, wenn sie von ihrer Freizeit erzählen: Nimr und Roy sitzen in einer Schwulenbar in Tel Aviv.
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