Ossessione – Von Liebe besessen

Ossessione – Von Liebe besessen

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Luchino Viscontis erstes Regiewerk

Als der durchs Land streifende, attraktive Gelegenheitsarbeiter Gino (Massimo Girotti) eines Tages in der kleinen Schänke des älteren Tankstellenbetreibers Giuseppe Bragana (Juan de Landa) dessen um einiges jüngeren Frau Giovanna (Clara Calamai) begegnet, wittert diese offensichtlich sofort eine Chance, aus der freudlosen Zweckgemeinschaft mit ihrem drögen Gatten auszubrechen, der Gino bald gegen Unterkunft und Verpflegung mit kleinen Reparaturen beschäftigt. Kaum ist Giuseppe für eine Weile aus dem Haus gelockt, teilen Giovanna und Gino auch bereits das Bett und gelangen rasch zu einer verschwörerischen Vertrautheit, innerhalb welcher Giovanna ihrem Geliebten gleich klar macht, wie sehr sie ihren Mann verabscheut, den sie nur geheiratet hat, um dem Elend zu entkommen.
Diese Konstellation bietet den Auftakt des düsteren Dramas Ossessione – Von Liebe besessen nach dem Roman The Postman Always Rings Twice des US-amerikanischen (Krimi-)Autors James M. Cain und gleichzeitig das Regie-Debüt des italienischen Filmemachers Luchino Visconti, der damit den Grundstein zu seiner Karriere als angesehener europäischer Regisseur im Zeichen des so genannten Neorealismus begründete. Dass sich nach einigen dramaturgischen Wendungen dann tatsächlich der deutlich zu ahnende Mord des Liebespaares an dem störenden Ehemann ereignet, stellt keine Überraschung mehr dar, zumal sich der Fokus des Films auf die Entwicklung der Beziehung zwischen Giovanna und Gino richtet, die nach der Beseitigung von Giuseppe keineswegs das erwartete Glück erfährt.

Bereits einige Verfilmungen (Im Netz der Leidenschaften / The Postman Always Rings Twice (1946), Wenn der Postmann zweimal klingelt / The Postman Always Rings Twice (1981), Jerichow (2008)) sind diesem Stoff schon widerfahren, der unter Luchino Visconti seine wohl ausführlichste und moralisch dichteste Inszenierung ausprägt. Hier nimmt das Schicksal des mörderischen Paares, das im Grunde von Anfang an unglücklich gezeichnet wird, auch jenseits ihrer drastischen Tat einen zugespitzten tragischen Verlauf, der von seinen brodelnden Ambivalenzen und alternativen Optionen lebt, die allerdings am Ende zu Gunsten einer alles überragenden Abhängigkeit destillieren, deren Motivation sich weniger in der Handlung als vielmehr in der visuellen Ausdruckskraft des Geschehens manifestiert.

Das Motiv der Berechnung, der kalkulierten Kaltblütigkeit, die zuvorderst von Giovanna ausgeht, dominiert die unzulänglichen Charaktere von Ossessione – Von Liebe besessen und überdeckt bereits früh die Empfindungen der Figuren füreinander, die ihrer ungünstigen Position im Leben, die wohl in ihrer armen Herkunft begründet liegt, augenscheinlich nicht anders entkommen können, als sich durch einen Akt der Gewalt in der Hoffnung auf materielle Sicherheit aufzuschwingen. Darin und auch im Scheitern ihrer Hoffnung drückt sich eine zutiefst pessimistische Weltsicht und Gesellschaftskritik Luchino Viscontis aus, dessen Figuren trotz vage angedeuteter Alternativen letztlich unentrinnbar in ihren unerfüllten Sehnsüchten stecken bleiben und am Ende ein wesentlich schlimmeres Schicksal erfahren als die Armut, der sie zu entfliehen trachteten.

Ossessione – Von Liebe besessen

Als der durchs Land streifende, attraktive Gelegenheitsarbeiter Gino (Massimo Girotti) eines Tages in der kleinen Schänke des älteren Tankstellenbetreibers Giuseppe Bragana (Juan de Landa) dessen um einiges jüngeren Frau Giovanna (Clara Calamai) begegnet, wittert diese offensichtlich sofort eine Chance, aus der freudlosen Zweckgemeinschaft mit ihrem drögen Gatten auszubrechen, der Gino bald gegen Unterkunft und Verpflegung mit kleinen Reparaturen beschäftigt.
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