Orly

Orly

Eine Filmkritik von Peter Gutting

Liebeserklärung an einen Flughafen

Abflughallen sind in der Regel keine magischen Orte. Aber wenn jemand wie die Berliner Regisseurin Angela Schanelec ihre Kamera dort aufbaut, dann verändern sich die Blicke und es werden Stimmen laut. Sie erzählen von Veränderungen, Aufbrüchen, vielleicht auch nur von Zweifeln. Vorausgesetzt, man ist bereit, sich im Kino auf einen Umgang mit Zeit einzulassen, der viel von der realen Situation des Wartens an sich an.
Orly handelt von dem Pariser Flughafen gleichen Namens. Er spielt zu über 90 Prozent in den Hallen. Die Kamera beobachtet Menschen, die warten, und Menschen, die vorübergehen. Es ist diese merkwürdige Kombination von Stillstand und Bewegung, die hier eingefangen wird. Einerseits beginnen an einem Flughafen Veränderungen, Ortswechsel, vielleicht ein neues Leben. Andererseits sind die Menschen in der Abflughalle dazu verdammt, innezuhalten. Wenn sie sich nicht gerade mit einem Buch oder Einkäufen ablenken, denken sie nach. Und selbst wenn sie sich beschäftigen, können sie es doch nicht vermeiden, dass in solchen Situationen Gedankenströme zu fließen beginnen, Einfälle, Wünsche, Fantasien.

Was bewegt die Menschen, die hier sitzen oder umherschlendern? Das war für Angela Schanelec die Ausgangsfrage, als sie selbst in Orly wartete und die Idee für den Film aufkam. Natürlich kann man nicht in die Hirne von anderen schauen, aber man kann ein Drehbuch schreiben und Geschichten erfinden. Und so ist Orly natürlich ein Spielfilm, mit professionellen Schauspielern für die acht Hauptrollen und die Darsteller von Polizei und Sicherheitspersonal. Aber der Film ist zugleich eine Bestandsaufnahme des realen Ortes. Gedreht wurde während des normalen Flughafenbetriebes, ohne Absperrungen, mit all den Passagieren, die zufällig durchs Bild laufen. Natürlich sorgte das Filmteam, das mit langen Brennweiten die Schauspieler aus der Ferne aufnahm, zunächst für gewisse Irritationen. Aber Angela Schanelec und ihr Kameramann Reinhold Vorschneider machten die Erfahrung, dass die Fluggäste rasch zu ihren normalen Beschäftigungen zurückkehren, sobald sie realisieren, dass die Crew nichts von ihnen will.

Es sind vier Episoden, die die Regisseurin hier nacheinander erzählt. Eine handelt von einem Mann und einer Frau, zwei Fremden, zwischen denen eine ungewöhnliche Nähe entsteht. Sie erzählen einander von ihrem Leben im Ausland, das irgendwie nicht zu ihren Sehnsüchten zu passen scheint. Bahnt sich hier eine Liebesbeziehung an? Man weiß es nicht, die Enden der Geschichten bleiben lose. Bewusst hält die Regisseurin die Stimmung des Zufälligen und Vorübergehenden aufrecht. Trotzdem sind es die Gespräche und Gedanken, die für Überraschungen und Entwicklung sorgen, nicht das äußere Geschehen. In allen vier Geschichten scheint etwas vorzugehen, was dem Leben eine neue Richtung geben könnte, ein plötzliches Geständnis, ein Nachdenken über die Zukunft oder ein Brief mit einer ungewöhnlich poetischen Liebeserklärung, den man gerade gelesen hat und der einem im Kopf herumgeht.

Angela Schanelec zählt zusammen mit Christian Petzold und Thomas Arslan zu den wichtigsten Vertretern der sogenannten „Berliner Schule“, die sich bei allen stilistischen Differenzen durch einen bewussten Minimalismus auszeichnet. Orly zelebriert die langen Einstellungen und den Verzicht auf emotionalisierende Elemente in Reinform. Der Film nähert sich damit in der Form seinem Gegenstand an. Man muss bereit sein zu warten, bis überhaupt etwas passiert. Nur wenn man dazu bereit ist, wird man genießen können, wie hinter dem realen Ort ein anderer Raum aufscheint. Ein Ort der Gedanken, Sehnsüchte und Veränderungen.

Orly

Abflughallen sind in der Regel keine magischen Orte. Aber wenn jemand wie die Berliner Regisseurin Angela Schanelec ihre Kamera dort aufbaut, dann verändern sich die Blicke und es werden Stimmen laut. Sie erzählen von Veränderungen, Aufbrüchen, vielleicht auch nur von Zweifeln.
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