One Cut of the Dead (2017)

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Selbstironisches, gekonntes, völlig unzynisches Filmglück für Genrefans – dieser japanischer Metazombiefilm schenkt den Untoten neues Leben.

One Cut of the Dead (2017)

Eine Filmkritik von Rochus Wolff

Zombies im Meta-Meta-Land

Der moderne Zombiefilm ist wahrscheinlich eines der demokratischsten Filmgenres – zumindest theoretisch kann jede_r von uns mal schnell einen Zombiefilm drehen, es braucht nur genug Latex- oder Gummimodelle, viel Kunstblut und Schauspieler_innen mit Bereitschaft zur Selbstaufgabe, schon geht es los, zur Not auch ohne gutes Drehbuch.

Schon der große Klassiker des Genres, der Großvater aller Filme, die nach ihm kamen, ist – mit allerdings sehr gutem Drehbuch – aus diesem Geist heraus entstanden. George A. Romeros Die Nacht der lebenden Toten wurde mit Freund_innen an freien Wochenenden gedreht, als blutiges Gekröse dienten Metzgereiabfälle, auch sonst half man sich gegenseitig. Prädigital wurde natürlich immer noch mit echtem Film gedreht, aber günstig in Schwarz-Weiß.

Als die digitale Revolution das Filmemachen schlagartig um ein Vielfaches billiger machte, wuchs nicht zuletzt die Zahl der Zombiefilme zu einer veritablen Flut an – das Ergebnis war, man ahnt es, schlimmstenfalls unerträglicher Müll, bestenfalls allerdings der Beweis dafür, mit welcher Hingabe und Begeisterung die Fans dieses spezifischen Subgenres bereit sind, sich auch praktisch damit zu befassen, wie ein Zombiefilm eigentlich gemacht wird.

Genau hier springt One Cut of the Dead ein, eine so einfach wirkende wie brillant leuchtende Zombiefilm-Komödie, ein Metafilm übers Filmemachen, ein leichtfüßiger Genuss ohne jede zynische Distanz, eine einzige, selbstironische Liebeserklärung an die Mühen der Ebene, das Glück der schmierigen, strubbeligen Filmkunst.

Es beginnt damit, dass eine junge Frau (Yuzuki Akiyama) es nicht übers Herz bringt, ihren offenbar zombiefizierten Freund (Kazuaki Nagaya) mit der Axt abzuwehren, so dass dieser schließlich über sie herfällt und herzhaft zubeißt. Was die Kamera so lange einfängt, bis jemand aus dem Off „Cut!“ schreit und die beiden, Frau wie Mann, ziemlich zur Schnecke macht. Der Regisseur (Takayuki Hamatsu) ist überhaupt nicht mit ihnen zufrieden, nur mühsam kann die Crew ihn von den beiden trennen – es gibt erst einmal eine halbe Stunde Pause. Aber dann bricht ein wirklicher Zombie ins Geschehen auf einem alten Fabrikgelände ein, der Regisseur lässt die Kamera weiter laufen, will endlich die echten Angstmomente einfangen.

Ein Meta-Zombiefilm also, aber er wirkt immer noch hemdsärmelig, in ganzen Sequenzen scheinen die Figuren verwirrt, es gibt merkwürdige Pausen und lange Einstellungen, die völlig seltsam anmuten. Und als das Final Girl nach 36 Minuten allein auf dem Gebäudedach in einem blutigen Pentagramm steht, läuft auf einmal der Abspann an … „Cut!“

Und hier beginnt die nächste Meta-Ebene: Der Werbespot-Regisseur Higurashi (Takayuki Hamatsu) wird angeheuert, für einen neuen Fernsehkanal ein wildes Konzept umzusetzen. 30 Minuten Live-Zombie-Action in einer einzigen, ungeschnittenen Plansequenz. Und jetzt treten auf: Der Mädchenschwarm in der Hauptrolle, der hier aber die Bedeutung seiner Kunst hervorheben will, ein Nebendarsteller mit Alkoholproblem, ein anderer mit Verdauungsschwierigkeiten – und irgendwo dazwischen, daneben Higurashis Tochter, deren eigene Karriere beim Film nicht so richtig funktionieren will.

All diesen Ingredienzien backt Regisseur Shinichiro Ueda (also der richtige Regisseur des vollständigen Films) nun ein feingliedriges, geschmacklich elegant ausgewogenes Soufflé, das jeden Moment in sich zusammenfallen könnte, es aber bis zuletzt nicht tut, im Gegenteil: der Humor ist nur selten brachial, sondern meist eher feinsinnig, und im gloriosen Abschlussmoment wird alles, werden alle noch einmal gefeiert. Bis dahin häufen sich die Schwierigkeiten und Probleme, und die irrwitzigen Lösungswege, die das Team sucht, erklären dann nach und nach die irritierenden Momente, die in den ersten 36 Minuten des Films immer wieder auftauchten.

Shinichiro Uedas kleines Meisterwerkchen, das in der Produktion nur einen fünfstelligen Dollarbetrag kostete und dann allein in Japan über 2 Millionen Menschen ins Kino lockte, ist nicht nur eine kluge Zombiekomödie, die die Genre-Regeln kennt, achtet und diskutiert; One Cut of the Dead ist vor allem eine tiefe, respektvolle Verneigung vor der Kunst des Low-Budget-Filmemachens, vor dem Willen zur Improvisation und vor der tiefen Hingabe an das Kino.

One Cut of the Dead (2017)

In One Cut of the Dead will eine kleine Filmcrew einen Low-Budget-Film über Zombies dreht. Als Set dient eine verlassene Fabrik, die früher vom Militär als Labor für Experimente mit Toten genutzt wurde. Und das bleibt nicht ohne Folgen, denn nach und nach verwandeln sich Cast und Crew langsam in reale Zombies. Alles sind entsetzt und nur der Regisseur denkt nicht im Geringsten daran, den Dreh abzubrechen. Denn wann sonst bekommt man so echte Leistungen seiner Darsteller*innen zu sehen?

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