Nur eine Frau (2019)

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Die junge kurdische Türkin Aynar wächst in Deutschland in einer rigiden patriarchalen Familienstruktur auf und wehrt sich schließlich gegen ihren gewalttätigen Ehemann, indem sie ihn verlässt – ein Schritt mit schwerwiegenden Folgen.

Nur eine Frau (2019)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Geschichte einer Toten

Als der Film einsetzt, ist bereits alles vorbei. Aus dem Off berichtet eine Frauenstimme zu realen Bildern eines abgedeckten Leichnams auf offener Straße, dass sie das sei, die dort liege. Und dass sie einem „Ehrenmord“ zum Opfer gefallen sei, den ihr jüngster Bruder auf Geheiß der gesamten Familie ausgeführt habe. Auch wenn die Protagonistin in Sherry Hormanns neuem Film „Nur eine Frau“ anders heißt, macht der Auftakt schnell klar, dass es sich hier um eine nur leicht modifizierte Abwandlung eines wahren Ereignisses handelt: dem Mord an der 23 Jahre alten Hatun Sürücü, die 2005 in Berlin von ihrem Bruder ermordet wurde. 

Es war der erste in einer Reihe von so genannten „Ehrenmorden“ – beziehungsweise die erste dieser Taten, die eine größere öffentliche Aufmerksamkeit erhielt. Denn in Wahrheit reicht die Geschichte der „Ehrenmorde“ in Deutschland um einiges weiter zurück, wie eine Studie der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte zeigt, die allein für den Zeitraum bis zur Tötung von Hatun Sürücü 78 Fälle von „ehrbezogenen Tötungsdelikten“ aufführt. 


Aynur (Almila Bagriacik) ist 15 Jahre alt, als sie auf Geheiß ihrer Eltern das Gymnasium in Berlin verlässt und eine arrangierte Ehe mit einem entfernten Verwandten in der Türkei eingeht. Jahre später steht sie wieder vor der Tür der Eltern, zusammen mit ihrem Sohn ist sie vor der Gewalt ihres Ehemannes geflohen und sucht nun Schutz bei ihrer Familie, die wenig erfreut ist, dass ihre Tochter sich dem Willen ihres Ehemannes widersetzt und so „Schande“ über die Familie gebracht hat. Schließlich findet sie Schutz in einem Frauenhaus, wagt es dann, eine Ausbildung zu beginnen und neue Beziehungen einzugehen – bis ihre Familie beschließt, dass die Ehre der Familie nur durch einen Mord wiederhergestellt werden kann. 

Hormanns Film basiert auf dem penibel recherchierten Drehbuch von Florian Oeller, das sich wiederum auf den Tatsachenroman Ehrenmord: Ein deutsches Schicksal von Matthias Deiß und Jo Goll bezieht und schlägt sich gleich zu Beginn eindeutig auf die Seite seiner Protagonistin, was auch an deren niemals gestelzten, sondern vielmehr ungeheuer lebensnahen Kommentaren zu ihrer eigenen Lage liegt. Gleichzeitig versuchen das Drehbuch und auch der Film, nicht nur die eine Seite, sondern eben auch die Sichtweise der Eltern und der Brüder sichtbar zu machen, ohne dass daraus eine Art von Verständnis oder gar Rechtfertigung für deren streng patriarchales Weltbild erwüchse. So endet etwa der chronologisch aufgebaute Film keineswegs mit Aynurs Tod, sondern bezieht auch die folgende Gerichtsverhandlung noch mit ein. 

Sherry Hormann riskiert mit ihrem Film eine ganze Menge – unter anderem auch, dass sie für das delikate Thema Applaus aus der falschen Ecke bekommen könnte, von allen jenen als Islamkritikern getarnten Rassisten, deren eigenes dumpfes Weltbild durch ein „barbarischeres“ beschönigt und aufgewertet werden soll. Außerdem verengt der dargestellte Fall den Blick darauf, dass „Ehrenmorde“ kein rein muslimisches Problem sind, sondern auch in anderen religiösen wie gesellschaftlichen Zusammenhängen geschehen. Zudem erstaunt, dass bei genauerer Analyse der Opferzahlen fast 43% der Getöteten Männer sind – sei es, weil sie als neue Liebhaber einer als „befleckt“ geltenden Frau oder als Homosexueller ebenfalls in den Augen der Täter ihr Recht auf Weiterleben verwirkt hatten. All diese Differenzierungen unterbleiben im Fall von Nur eine Frau, was sicherlich der Wucht der Geschichte zugutekommt, andererseits aber bestehende Klischees und Glaubenssätze über Ehrenmorde eher verstärkt. 

Vermutlich durchaus beabsichtigt schert sich Sherry Hormann in ihrem Film nicht um angemessenes Zeitkolorit: Wenn Aynur Ende der 1990er Jahre durch die Straßen von Berlin läuft, dann sind im Hintergrund fast schon überdeutlich Autos zu sehen, die erst sehr viel später gebaut wurden. Was auf den ersten Blick wie ein Fehler der Inszenierung anmutet, hat hier aber einen anderen Effekt: Seht her, es kann jederzeit wieder passieren – auch heute, suggerieren diese Bilder und die ihnen innewohnende Irritation. 

Zudem schaffen sie ebenso wie Aynurs bisweilen rotzige Off-Kommentare Nähe zu der Lebenswelt junger Muslima, die der Film gerne ansprechen möchte. Ob aber gerade solche junge Frauen muslimischen Glaubens, die selbst im engen Korsett patriarchalischer und fundamentalistischer Weltbilder gefangen sind, sich diesen Film werden anschauen können, muss dann doch erheblich bezweifelt werden. Insofern ist zu befürchten, dass Nur eine Frau vor allem zu jenen predigt, die eh schon um die Gefährlichkeit der Thematik wissen – und teilweise wohl auch zu jenen, die eh schon immer um die vorgebliche Gefährlichkeit des Islam im Allgemeinen gewusst haben. Das soll das Verdienst des Films keineswegs schmälern, aber eine Weitung des Blicks auf eine Perspektive, die mehr als diesen spezifischen Fall unter das Vexierglas nimmt, hätte man sich schon gewünscht.

Nur eine Frau (2019)

Mitten in Berlin wird Aynur von ihrem Bruder Nuri auf offener Straße erschossen. Arglos hat sie ihn zur Bushaltestelle begleitet, wenige hundert Meter entfernt in der Wohnung schläft ihr fünfjähriger Sohn Can. Wie ist es zu dieser Tat gekommen?

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Meinungen
Slavica · 24.05.2019

Kennt irgendwer vielleicht wie heißt das Lied am ende des Films?

Cineast · 08.05.2019

Die Berlinale fand vom 07.02. bis zum 17.02.2019 statt. Der Film "Nur eine Frau" wurde im Programm zu dieser Veranstaltung nicht aufgeführt und hatte seine offizielle Deutschlandpremiere am 06. Mai 2019, lief zuvor Ende April beim "Tribeca Film Festival" in New York ("Welturaufführung") und auf dem "Filmkunstfest MV" (01. - 05. Mai), wurde also erst rund drei Monate nach der Berlinale veröffentlicht. Wer immer diesen Film vorab kommentiert hat, tut dies ohne ihn tatsächlich gesehen haben zu können.

Über die Motive läßt sich nur spekulieren, doch sollte der Plot des Films nicht für antimuslimische Propaganda, populistisch-fremdenfeindliche Ressentiments und den vergeblichen Versuch mißbraucht werden, die westliche Kultur und christlich-abendländischen Wertvorstellungen als grundlegend frei von Frauenverachtung und -unterdrückung darzustellen.

Nur weil der (zumeist von Männern empfundene) gesellschaftlich tief verankerte Hass auf Frauen, die ein selbstbestimmtes Leben wählen, Dank der durch die 68er-Bewegung bei uns eingeleiteten Wandels in der Regel nicht (mehr) so offen, rücksichtlos und unwidersprochen zu Tage tritt, wie im Film, bedeutet das nicht, er wäre nicht mehr vorhanden oder hätte nie existiert.

Lucie · 23.03.2019

Der Film ist der Hammer. Ich habe ihn auf der Berlinale gesehen. Almila Bagriacik spielt die Rolle grandios. Wahnsinn !

ENI · 01.03.2019

Ein heftiger Film - sollte Pflichtprogramm in allen Schulen sein und läuft hoffentlich im TV zur Primetime! Es fällt mir schwer zu glauben, wennndanach noch irgendwer mit gesundem Menschenverstand Kopftücher als selbstbestimmtes religiöses Symbol betrachtet.

Kommentare

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