Nuestro tiempo (2018)

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Gibt es eine alte Form des Zusammenlebens, die natürlich war, und eine neue, die es nicht mehr ist? Carlos Reygadas findet in seinem neuen Film eine eindeutige Antwort auf diese Frage.

Nuestro tiempo (2018)

Eine Filmkritik von Lucas Barwenczik

Jeder ist überall und keiner bei sich

Was geschieht in unserer Zeit? Nur das, was schon immer geschah. Aber anders, komplizierter; vollführt von einsameren Menschen, die mehr sein wollen, aber nicht können, und daran verzweifeln. So zeigt es Carlos Reygadas in seinem neuen, fünften Film mit dem sprechenden Titel „Nuestro tiempo“. Bevor der Film jedoch ins Jetzt vordringt, beschreibt er, was zuvor war. Ein menschliches Leben und eine Version der Menschheitsgeschichte als kosmologische Miniatur. Kleine Kinder spielen im Matsch und toben umeinander wie Urmenschen. Eines findet einen Knochen, wer weiß: vielleicht wird irgendwann ein Raumschiff daraus. Die Jungen stürmen das Schlauchboot der Mädchen, Wasser spritzt im Sonnenlicht. Wenig später sind wir bei Teenagern, deren Spielen und Jagen mit einem erkennbaren Zweck erfüllt wird. Zwei suchen sich eine Erdkuhle, und ihre gemeinsame Erfahrung führt direkt in die Welt der Erwachsenen.

Dort, so werden wir erfahren, bleibt vieles aus der prägenden Kinder- und Jugendzeit erhalten. Die Unsicherheit, das Begehren, die brüchigen Identitäten, die immer auch durch das Gegenüber konstituiert werden müssen. Irgendwo, im Kern des Films, umgeben von allem anderen, findet sich eine Ménage-à-trois. Der Poet und Farmer Juan Diaz führt eine offene Beziehung mit der Tierärztin Ester. Gespielt werden sie von Regisseur Carlos Reygadas und seiner Lebensgefährtin Natalia López höchstselbst, auch ihre fiktiven Kinder sind die tatsächlichen. Gemeinsam züchten sie Stiere für den Kampf. Eines Tages tritt der Einreiter Phil (Phil Burgers) in ihr Leben. Ester schläft mit ihm, und eigentlich gestattet Juan ihr das auch. Aber nur eigentlich, denn in der Praxis erweckt diese Erfahrung in ihm Eifersucht, Paranoia, Zorn und Zweifel an ihrer Beziehung und sich selbst.

Möglicherweise reichen diese Ereignisse in die Autofiktion hinein, wie schon die Erfahrungen des Paares in Post Tenebras Lux. Und auch in Stellet Licht gab es Ehebruch und eine Est(h)er. Eigentlich klatsch-averse Feuilletonisten spekulieren eifrig: Sind das die Erfahrungen von Reygadas und López? Ist das Kino oder Selbsttherapie? Denn wo sonst Satansgestalten und eigenhändig abgerissene Köpfe ins Bild rückten, scheint der Blick auf das Zwischenmenschliche jetzt unverstellt. Doch „realistisch“ in irgendeinem Sinne des Wortes ist auch Nuesto tiempo nicht. Die großen Kunstbilder und die Künstlichkeit, für die man Reygadas liebt oder hasst, bleiben erhalten.

Das Wesen der Dinge ist in diesem Film schwer erkennbar. Es dauert eine Weile, bis man die Protagonisten unter den Menschen findet, und noch ungleich länger, bis man Juan als Dichter sieht. Nuestro tiempo ist drei Stunden lang, seine Form als Kino-Briefroman gibt sich erst nach der Länge vieler Spielfilme zu erkennen. Alles lebt, auch ohne Sinn oder Funktion. Kaum ein Bild meint sich selbst, alles hängt schmerzhaft in der Schwebe, wie mit Haken im Fleisch. Manches kann, anderes will Juan nicht sehen.

Die Kamera bleibt selten bei den Menschen. Sie wandert und erforscht die Natur. Wo keine ist, erforscht sie die Architektur. Es ist kein willenloses Treiben, kein selbstvergessenes Entschweben. Der Blick schwimmt stets mit den Wellen, die eine Szene schlägt. Einmal lauscht Ester einem Konzert, Paukistin und Komponist verausgaben sich und lassen ihren Körper von der Musik verformen. Die Bilder zieht es – nicht als Fahrt, sondern Schnitt um Schnitt — durch das Konzerthaus, zu großen Wandmosaiken und schillernden Bleikristallfenstern, hinaus auf die Straßen, in die endlosen Massen von Großstadtmenschen. Ein Konzert wird zur Erfahrung von Zivilisation, Teil und Ergebnis einer langen Kultur- und Kunstgeschichte.

Ein anderes Mal tragen Esters frisch erwachte Leidenschaft – oder ist es schon Liebe? — und Musik aus dem Radio uns in den Motor eines Autos, Kolben rattern rhythmisch, Bild für Bild steigt man bis zu den Reifen hinab, bis Wasser und Schlamm zur Kamera spritzen. Und dann – verbunden mit der nassen Erde – erscheint die Erinnerung einer Liebesnacht. Die Klänge tragen durch die Zeit, das Empfinden lässt neue Dinge sehen, auch eigentlich verborgene.

Und auch die Natur übernimmt manchmal das Geschehen. Ein Arbeiter redet auf Juan ein, er solle ihm doch ein Rennauto sponsern, sein letztes habe sich überschlagen. Plötzlich verblasst das Geplapper der Menschen, und der Wind in den Bäumen, die zuvor noch simpler Hintergrund waren, man denkt an D. W. Griffith, beherrscht die Tonspur ganz allein.

Natur und Kultur kämpfen, gerade an ihrer Grenze, wo Juan und Ester leben, irgendwo zwischen Mexiko-Stadt und Wildnis. Da die Natur, fressen und gefressen werden, Partner jagen wie Tiere oder die Kinder zu Beginn des Films. Auf der anderen Seite die Kultur, Poesie und romantische Liebe, die nicht Besitz über die Körper ergreifen muss, weil es doch eigentlich um Seele oder Verstand geht. Dazwischen Juan, ein moderner Mann. Ein enttäuschter Utopist, der gerne so frei und offen leben und fühlen würde, wie man es von einem Dichter erwarten würde. Als Farmer verfügt er über viele Menschen, doch sein Herz ist ihm niemals Untertan. Reygadas spielt Juan tapsig und ungelenk, aber stets nur so lange verschüchtert, bis er sich über andere erheben kann. Bei einem Abendessen vergleicht ihn ein Liebhaber seiner Frau mit Stalin. Seine Laissez-faire-Haltung meint nie wirkliche Freiheit, sondern bleibt Behauptung. Man merkt es allein daran, wie er Natalia López im Streit durch die Bilder treibt. Oder an dem Raum, den sein kleiner, schlurfiger Intellektuellenkörper einnimmt, selbst wenn Cowboys bei ihm stehen, die direkt aus einem Western stammen könnten. Juans neue Männlichkeit ist nicht weniger herrschsüchtig, nur eben nicht ganz so grobschlächtig.

Der Film und seine Figuren erforschen, wie Liebe ohne Form und Zwang aussehen würde. Als Schlüsselelement tritt dabei die Kommunikation in den Vordergrund. Direkte Gespräche, gerade über unbequeme Themen, verlieren sich oft in Streit und Geschrei. Die Poesie ist für Juan ein Rückzugsort wider eine Welt, in der kein Austausch mehr möglich ist. In Mails an Phil ist sie jedoch auch eine Waffe, allein durch die Sprache soll Macht ausgeübt werden. Aus Liebe zu Ester will er ihn zwingen, weiter mit ihr zu schlafen – selbst ihren Ausbruch will er beherrschen. Wer wen kontrolliert, ist selten klar.

Die vielen Kurznachrichten und E-Mails übernehmen den Film. Sie werden als Text in den Himmel geschrieben, schwarze Lettern vor einem dieser endlosen Himmel, die Reygadas mit seinem Kameramann Diego Garcia zaubert. Plötzlich wird die Sprache körperlos, technische Abstraktion isoliert Menschen. Stimmen schweben zu Drohnenbildern weit über der Stadt. Jeder ist überall und keiner bei sich. Nuestro tiempo ist ein Tanz aus Präsenz und Absenz.

Wenn Juan die sichtlich aufgelöste Ester in einem ernsten Webcam-Gespräch plötzlich dazu auffordert, ihre Brüste zu zeigen, dann ist er natürlich ein unsensibles Arschloch, aber folgt eben auch dem Ritual, das mit dem Medium in Verbindung steht. Allein durch die Kraft der wunderschönen Landschaftsaufnahmen vermutet man Reygadas auf der Seite des von der Moderne unbehelligten Paradieses, castet ihn in der Rolle des Maschinenstürmers, doch auch seine Natur ist eine Hölle. Ein Stier zerfetzt einen Esel, ein anderer stürzt im Kampf von einer Klippe in den Tod. Große Symbole, vielleicht zu groß und zu einfach, aber zweifelsohne wirkmächtig. Gibt es eine alte Form des Zusammenlebens, die natürlich war, und eine neue, die es nicht mehr ist? Nein, man erkennt nur zwei Irrwege und den Zwang, nach einem neuen zu suchen.

Das gute, neue Leben ist in Reygadas Gewirr aus Sehnsüchten und Eitelkeiten kaum zu erkennen. Der Film meint wohl auch „unsere Zeit“, weil er nicht in die Zukunft schauen kann oder will. Doch es bereitet große Freude, dem Seismographen der Gegenwart beim Zappeln und Zittern zuzusehen. Den unglückseligen Figuren in ihrer Eifersucht, selbst dem Poeten, fällt es schwer, Worte für die Liebe zu finden. Sie können von Glück reden, dass die Welt um sie herum voll von Bildern dafür ist.

Nuestro tiempo (2018)

Esther und Juan sind ein Paar, das eine glückliche und offene Beziehung führt. Sie leben auf einer Ranch, auf der Kampfstiere gezüchtet werden, Esther managt die Farm, während sich Juan, ein bekannter Dichter und die Zucht kümmert. Doch dann lernt Esther einen anderen Mann kennen. Und Juan weiß nicht, wie er damit umgehen soll … 

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