Northwest

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Eine Filmkritik von Sonja Hartl

Zwei Brüder in Kopenhagen

Das dänische Drama Nordvest setzt unmittelbar mit der Hauptfigur ein – und wird auch ebenso unmittelbar enden: Der 18-jährige Caspar (Gustav Dyekjær Giese) sitzt mit freiem Oberkörper in unterkühltes, farbig wechselndes Licht getaucht unter einem Palmen-Poster in einem Zimmer, Techno-Bässe erklingen und er raucht. Es folgt ein Schnitt. Der maskierte Casper ist in ein Haus eingebrochen und sucht routiniert nach Wertgegenständen. Er nimmt Sachen mit, die gut zu verkaufen sind – oder die er seiner kleinen Schwester schenken könnte. Es wird sehr deutlich, dass dies nicht sein erster Einbruch ist. Dabei bleibt die Handkamera sehr nah an Caspar, so dass sich dessen Adrenalin-Kick und Eile auf den Zuschauer überträgt.
Mit seinem Kumpel Robin (Nicholas Westwood Kidd) bringt er die gestohlenen Sachen anschließend zu dem Hehler Jamal (Dulfi Al-Jabouri), der die Ware schlecht macht und wenig bezahlen will. Außerdem hat Caspars jüngerer Bruder Andy (Oscar Dyekjær Giese) den Spiegel von dem Moped eines Typen aus Jamals Gang zertreten – und Caspar soll den Schaden bezahlen. Caspar steht für einen Bruder ein. Mit 18 Jahren ist er das älteste Kind, kümmert sich um seine Geschwister und seine Mutter, die viel arbeitet. Sie fragt nicht, woher das Geld oder die Sachen kommen, sondern will lediglich, dass Andy zur Schule geht. Dann beginnt Caspar, Sachen für den harten Biker Bjørn (Roland Møller) zu stehlen und zudem als Fahrer für dessen Prostituierten sowie als Dealer für ihn zu arbeiten. Als er auf Andys Hilfe zurückgreifen muss, stellt sich sein Bruder als talentierter Gauner heraus. Eigentlich läuft für die Jungs damit alles gut. Sie sind zusammen und machen mehr Geld – doch Jamal ist verärgert und so werden die Brüder in einen tödlichen Bandenkrieg verstrickt.

Regisseur Michael Noer erzählt nach seinem Drehbuch, das er mit Rasmus Heisterberg (Die Königin und der Leibarzt, Verblendung) geschrieben hat, die Geschichte zweier Brüder, die in dem Kopenhagener Immigrantenviertel Nordvest aufwachsen. Wie bereits in seinem Spielfilmdebüt R setzt er auf Laiendarsteller, sogar die hervorragenden Hauptdarsteller Gustav und Oscar Dyekjær Giese haben noch nie vor der Kamera gestanden und nach eigener Aussage noch nicht einmal in einem Schultheaterstück mitgespielt. Ihr authentisches Spiel trägt zu dem realistischen, fast dokumentarischen Eindruck des Films bei, verstärkt wird er zudem von der herausragenden Kameraarbeit von Magnus Nordenhof Jønck (Kapringen). Mit der Handkamera wird nicht nur Unmittelbarkeit erzeugt, sondern die Perspektive des Protagonisten sehr stark eingenommen. Beständig bleibt die Kamera bei Caspar, so dass wir das Geschehen aus seiner Perspektive erleben. Die differenzierte Bildgestaltung wird zudem durch eine bewusste Lichtsetzung gewährleistet. Herrscht in der Wohnung der Brüder warmes Licht vor, das meist von der durch die Fenster scheinenden Sonne und indirekten Lampen herrührt, dominieren außerhalb dieser Heimstatt blaue und graue Töne, die die harte Realität widerspiegeln. Taucht Caspar in Kneipen oder Clubs ab, kommen hingegen pinke und gelbe Farben zum Tragen. Dabei gelingt es Regisseur und Kameramann, dass diese dezidierte Farbgebung das Bild niemals dominiert, so dass der Realismusanspruch des Films nicht unterlaufen wird.

Michael Noers erste Filme waren Dokumentationen über Pflegekinder und das Kopenhagener Stadtviertel Vesterbro, danach folgte das Gangsterdrama R. Nordvest ist nun die konsequente Fortführung dieser Arbeiten und vereint Milieu- mit Charakterstudie. Mühelos zeichnet der Film mit wenigen Bildern sowohl Caspars harten Alltag als auch seine Gefühlswelt nach. Daher besticht dieser Film auch weniger durch seine absehbare Handlung als vielmehr durch den Erzähl- und Kamerastil. Darüber hinaus hat Michael Noer ein atemberaubendes Ende gefunden, das noch lange nachwirkt.

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Das dänische Drama „Nordvest“ setzt unmittelbar mit der Hauptfigur ein – und wird auch ebenso unmittelbar enden: Der 18-jährige Caspar (Gustav Dyekjær Giese) sitzt mit freiem Oberkörper in unterkühltes, farbig wechselndes Licht getaucht unter einem Palmen-Poster in einem Zimmer, Techno-Bässe erklingen und er raucht. Es folgt ein Schnitt. Der maskierte Casper ist in ein Haus eingebrochen und sucht routiniert nach Wertgegenständen.
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