Normal (2019)

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„Das ist doch nicht normal!“ Oder gerade doch? Adele Tulli ist nicht nur Filmemacherin, sondern auch Wissenschaftlerin. In ihrem abstrakten Filmessay „Normal“ reflektiert sie kritisch klassische Geschlechterverhältnisse und normierte Männlichkeits- und Weiblichkeitsvorstellungen im Alltag ihrer Heimat.

Normal (2019)

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Ist es nicht normal, verschieden zu sein?

„Die Normalität ist eine gepflasterte Straße. Man kann gut darauf gehen, doch es wachsen keine Blumen auf ihr.“ Was Vincent van Gogh Ende des 19. Jahrhunderts bezüglich seines radikal anderen Farbspektrums erklärte, gilt im Wesentlichen bis in unsere Gegenwart hinein, wenn es im alltäglichen Diskurs wieder einmal um das scheinbar harmlose Adjektiv „normal“ geht.

Denn „normal“, was heißt das schon? Gerade in den Regeln der westlichen Welt des 21. Jahrhunderts ist dieses kurze, aber überaus mächtige Wort semantisch oft gleichzusetzen mit gängig, systemkonform, bewährt, gewöhnlich oder schlichtweg traditionell. Damit steht „normal“ automatisch in völliger Konfrontation etwa zu „progressiv“, „anders“, „innovativ“ oder „experimentell“: Adjektiven, die nicht zuletzt im feuilletonistischen Umfeld überproportional verwendet werden.

Die italienische Wissenschaftlerin und Filmemacherin Adele Tulli (365 Without 377 und Rebel Menopause) forscht selbst seit Jahren im feministischen wie queeren Kontext. Ihr jüngster, im „Panorama“ der „Berlinale“ uraufgeführter Filmessay trägt bereits im Titel dieses kleine, durchaus provokative Wörtchen: Normal. In einer offen experimentell angelegten Form dokumentiert die italienische Regisseurin 70 Minuten lang konventionelle Geschlechteridentitäten sowie die dahinterstehende Konditionierung von Kindesbeinen an.

Klack. Der erste Ohrring sitzt. „Oh, was für eine Süße du bist!“, raunt ein Mann einem etwa vierjährigen Mädchen aus dem Off zu, bevor er ihr das zweite Loch sticht. „So, jetzt bist ein richtiges Mädchen mit Ohrringen“, kommentiert das kurz darauf ihre Mutter mit Stolz in der Stimme, während ihre Tochter Alma seltsam verunsichert in die Kamera blickt.

Schnitt. Ein kleiner Junge ist in der nächsten losen Miniaturszene als Nachwuchsfahrer in der Vorbereitung auf das nächste Rennen zu sehen. „Du hast doch keine Angst gehabt, Leo!? Du bist ein rasender Löwe!“, ermutigt ihn sein adrenalingetränkter Vater kurz vor dem Start mit dem Kindermotorrad, ehe die Reifen quietschen und das Gedränge auf der Fahrbahn beginnt.

Kurz darauf sind etwa zwanzig junge Mütter im Park zu sehen, die zusammen mit einem toughen weiblichen Drill Instructor dem Babyspeck auf den Leib rücken: wortwörtlich und von Clarissa Cappellanis und Francesca Zonars Kamera wie in einem abstrakt-mechanischen Ballett eingefangen, während sie ihre Hände an den Kinderwägen haben und trotz körperlicher Anstrengung selbstverständlich mehrheitlich lächeln. Schließlich will man ja weiterhin extrem begehrenswert für die Papas sein, die schon zu Hause warten, schreit einen diese gelungene Mini-Szene förmlich an – und wirft selbstredend weitere Fragen auf, was sich ebenso in vielen weiteren Clusterszenen aus Normal genau so fortsetzt.

Egal ob beim ebenso seichten wie sexistischen Bade-Spiel-Spaß am Urlaubsstrand, beim dreisten Anbaggern in der örtlichen Dorfdisko, in der hierarchisch getrennten Spielzeugproduktionswelt nach zwei festgesetzten Geschlechtern oder einem deutlich männlich dominierten Brautpaarfotoshooting („Alpha male, great!“) in der Nähe des Meeres: Adele Tulli will in Normal gerade in diesen narrativ weitgehend unspektakulären Szenenfolgen nichts weniger als anklagen und gängige „Rosa-Hellblau-Fallen“ auf der Bildebene essayistisch-kritisch entlarven, was ihrem Film in all seiner methodischen Strenge in toto allerdings nur bedingt gelingt.

Zwischen bulligen Stretchlimousinen und Junggesellinenabschieden mit Penistorten verliert sich ihr kommentarloser Diskursfilm nicht selten in bloße Alltagsbeobachtungen, die sicherlich allesamt um das sprichwörtliche „Unbehagen der Geschlechter“ (Judith Butler) kreisen, dem gesellschaftlich hoch relevanten Gender-Trouble-Diskurs jedoch nichts wirklich Essentielles hinzuzufügen haben. Denn weiterführende Fragestellungen oder innovative Lösungsansätze sucht man hier von Beginn an vergebens.

Trotz eines hörenswerten Elektrofrickel-Soundtracks von Andrea Koch, Davide Pesola, Paolo Segat und Riccardo Spagnol bleibt Adele Tullis Film Normal am Ende konkrete Antworten auf ihre Ausgangsfragen schuldig. Was bleibt, ist ein auf visueller Ebene partiell durchaus sehenswerter Essay mit manch bizarren Augenblicken und in pointierter Montageform, der insgesamt aber deutlich zu enigmatisch ausfällt, plakative Gemeinplätze keineswegs ausspart und diskurstechnisch leider überhaupt nicht aus der Reihe tanzt.

Normal (2019)

Adele Tullis Filmdokument handelt von starren Genderrollen und der unkritischen Unterwerfung vieler Menschen unter das Diktat der (Hetero)Normativität.

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Meinungen
H. E. · 03.10.2019

will ich sehen! Unbedingt!

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