Nordsee ist Mordsee

Nordsee ist Mordsee

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Ein respektabler Jugendfilm aus den Siebzigern

Unverkennbar aus den 1970er Jahren stammt dieser deutsche Film, der mit einem Song von Udo Lindenberg über einen jugendlichen Ausreißer beginnt – vorgetragen mit der signifikanten, doch noch befremdlich frisch klingenden Stimme. Nordsee ist Mordsee zeichnet ein genau beobachtendes Porträt einer Kindheit in einer Hamburger Vorstadtsiedlung zu einer Zeit, als die Kinder noch „Kippen holen“ geschickt wurden, die Mütter Kittel im Haus trugen, die Tapeten groß gemustert waren und der Nachwuchs in der Regel allein auf der Straße zurechtkommen musste. Der Film erzählt die Geschichte einer gewachsenen Feindschaft zweier Jungen, die schließlich zu Freunden werden und versuchen, gemeinsam der Enge und Brutalität ihrer sozialen Umgebung zu entfliehen.
Bei den Kindern in der Nachbarschaft gibt der 14jährige Uwe (Uwe Bohm) den Ton an, sei es bei der Plünderung des Geldspielautomaten in einem Imbiss oder bei den gewalttätigen Attacken gegen den gleichaltrigen Dschingis (Dschingis Bowakow), der als „Ausländer“ permanent von der Gruppe um Uwe schikaniert wird. Zu Hause ist es allerdings Uwe, der von seinem brutalen, häufig alkoholisierten Vater (Marquard Bohm) allzu oft derbe verprügelt wird, nur selten beschützt von seiner Mutter (Herma Koehn), die als Kassiererin in einem Lebensmittelladen arbeitet und auch schon mal einen Schlag abbekommt. Dschingis hingegen führt mit seiner verwitweten Mutter (Katja Bowakow) ein recht harmonisches, sehr isoliertes Leben. Freunde hat er nicht, doch am Rande des Hamburger Hafengebietes hat sich der einsame Junge einen geheimen kleinen Spielplatz angelegt und ein Floß gebaut, mit dem er auf der Elbe in See stechen will.

Als Uwe das Geld aus einem gemeinsam ausgeführten kleinen Raubzug nicht mit seiner Bande teilt, sondern in ein Springmesser investiert, gibt es einigen Unmut, und seine Position als Anführer gerät zunehmend ins Wanken. Dann entdeckt er zufällig Dschingis’ Floß, und nun hat die Gang wieder ein Angriffsziel, doch dieses Mal ist Dschingis so verärgert über die Zerstörungswut und Brutalität der Nachbarskinder, dass er Uwe in einem Zweikampf besiegt und anschließend zwingt, mit ihm das Floß wieder herzurichten. Von den Seinen verspottet fügt sich Uwe in sein nur scheinbar jämmerliches Schicksal, und es hat allmählich gar den Anschein, als sei es ihm gar nicht so unangenehm. Doch am nächsten Tag verhalten sich seine Freunde äußerst reserviert ihm gegenüber, und um sein Ansehen wieder aufzupolieren, klaut er ein Auto und fährt eine Weile durch die Gegend, aber die Polizei schnappt ihn und bringt ihn nach Hause, wo sein Vater ihn heftig zusammenschlägt. Uwe will nur noch fort, und es ist ausgerechnet Dschingis, dem er sich nun anvertraut …

Ganz hervorragend versteht es Regisseur und Drehbuchautor Hark Bohm, die Hauptcharaktere der beiden Jungen in ihren großen Gemeinsamkeiten darzustellen, die allein von der Distanz der äußeren Differenz zunächst isoliert werden, sich dann aber ganz natürlich einander nähern, sobald der Andere nicht mehr per se als Feind, sondern als Mensch betrachtet wird. Während für Uwe kleine Kriminalitäten zum alltäglichen Leben gehören, schreckt Dschingis sehr deutlich davor zurück, und es ist gleichzeitig amüsant, aufregend und aufschlussreich, zu beobachten, wie sich das Rechts- beziehungsweise Unrechtsbewusstsein dieser Jugendlichen je nach Situation relativiert. Dabei ist Uwe durchaus bewusst, dass er bereits auf der sprichwörtlichen schiefen Bahn gelandet ist, während Dschingis noch gute Chancen hat, davonzukommen – eine erstaunlich realistische Einschätzung, die zeigt, wie abgeklärt und resigniert der Junge bereits ist.

Wer in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts aufwuchs, für den ist Nordsee ist Mordsee schon allein auf Grund der authentischen, durch viele liebevolle Details ausgestatteten Inszenierung absolut sehenswert – da mag mancher nostalgisch an die Hochzeiten der Bonanza-Räder und der mit Nieten verzierten, knappen Jeans zurückdenken. Doch auch über diese Funktion des filmischen Zeitzeugen hinaus überzeugt der Film durch seine gelungene Darstellung des sozialen Milieus, seine feinfühlig entwickelte, spannende Geschichte sowie durch seine ausdrucksstarken Bilder. Besonders bemerkenswert ist dabei der Respekt, mit dem Hark Bohm seine Figuren zeichnet, der sich vor allem am Ende ganz deutlich in dem Verzicht zeigt, das Scheitern der beiden Freunde zu visualisieren. Derartig gelungene Jugendfilme, die mit ihren Themen und Protagonisten achtsam umgehen und sie nicht zu Gunsten gefälliger Gags und kruden Klamauks verhökern, sind offensichtlich zu Unrecht beinahe völlig aus der Mode gekommen.

Nordsee ist Mordsee

Unverkennbar aus den 1970er Jahren stammt dieser deutsche Film, der mit einem Song von Udo Lindenberg über einen jugendlichen Ausreißer beginnt – vorgetragen mit der signifikanten, doch noch befremdlich frisch klingenden Stimme.
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