No More Smoke Signals

No More Smoke Signals

Eine Filmkritik von Peter Gutting

Radio von unten

Kili Radio ist ein ganz besonderer Radiosender: kein Dudelfunk, kein Kulturkanal und auch kein Politsender. Sondern Radio von unten im besten Sinne. Die Stimme des Volkes steht im Mittelpunkt dieses behutsamen, aber eindringlichen Dokumentarfilms über das Indianerreservat Pine Ridge in South Dakota.
Wir alle haben Bilder von Indianern im Kopf. Deshalb drohen bei einem solchen Thema die Klischees von mindestens zwei Seiten. Entweder das überhöhte Ideal von den stolzen, naturverbundenen besseren Menschen. Oder das Abziehbild von der dahinvegetierenden, alkoholkranken, gebrochenen Minderheit. Beide Male bleibt die Realität auf der Strecke. Nicht so bei Fanny Bräuning. Die Schweizer Regisseurin weicht in ihrem ersten langen Dokumentarfilm den gängigen Bildern geschickt aus.

Vielleicht hat es damit zu tun, dass sie sich dem Thema aus einer Perspektive näherte, die für eine Europäerin sehr nahe liegt. Auch die Regisseurin spielte als Kind mit Lego- und Playmobil-Indianern. Aber auch sie hatte als Erwachsene noch nie etwas von der indianischen Widerstandsbewegung gehört. Also wollte sie es genau wissen, wollte die Menschen jenseits unserer Vorurteile kennenlernen. Sie reiste nach South Dakota und traf auf Frauen und Männer, die viel zu erzählen hatten: von der Härte des Lebens auf einem Abstellgleis und von dem Stolz, trotz allem das Beste daraus zu machen.

Es ist ein optimistischer, lebensbejahender Film geworden. Das hat sicherlich damit zu tun, dass Fanny Bräuning zwar die Geschichte der Indianer von den großen Schlachten am Little Big Horn bis hin zu dem Widerstand in den 1970ern in ihr aktuelles Portrait mit einbezieht. Dass sie aber ganz klar den Radiosender und seine Macher in den Mittelpunkt stellt. Hier arbeiten Menschen, denen man einfach ansieht, dass sie ihr Schicksal in die Hand genommen haben. Wenn sie dann davon erzählen, dass sie früher alkoholabhängig waren und von ihren Männern geschlagen wurden, wenn man erfährt, dass die Arbeitslosigkeit im Reservat bei 80 Prozent liegt und die Lebenserwartung der Männer bei 41 Jahren – dann werden diese Fakten in ein Verhältnis gesetzt zu dem Aufbruch und dem neu erwachten Selbstbewusstsein, das dieser Sender repräsentiert.

Zum Beispiel die Moderatorin Roxanne Two Bulls. Nie würde man glauben, dass diese in sich ruhende Frau vier gescheiterte Beziehungen hinter sich hat und noch vor zehn Jahren ihre Tage nur im Suff zubrachte. Aber die Mutter von acht Kindern weiß, wovon sie spricht, wenn sie in ihrer Sendung über kaputte Familien berichtet. Oder Derrick Janis, der DJ von Radio Kili. Der Hip-Hopper war lange auf der schiefen Bahn unterwegs. Auch heute noch würde man ihm das eine oder andere krumme Ding locker abnehmen. Aber ebenso glaubt man ihm, dass das Radio seinem Tag eine Struktur gibt, dass es ihn stolz macht, sein Leben nicht länger zu verplempern.

Irgendwann sagt einer der Interviewten ein paar Sätze, die auch den Film charakterisieren: „Man hat schon immer mit uns sympathisiert, aber gebracht hat es uns nichts. Es geht mir nicht um Mitleid, sondern um echtes Verständnis.“ Verstehen wollen, ohne vorschnell zu urteilen, das leistet dieser Film in der Tat. Ob es den Indianern was bringt, wissen wir nicht. Uns Zuschauern bringt es jedenfalls den Einblick in eine Kultur, die wir nur glaubten zu kennen. Bis jetzt.

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Meinungen
Karin Theresa · 23.11.2013

ich glaube, ich hab diesen film nun schon 10-12x gesehen, so berührend und auch traurig finde ich ihn. es kullern immer noch tränen über meine wangen, egal wie oft ich ihn schon gesehen hab.
ich werde diese doku jedem menschen dem ich begegne weiterempfehlen, denn hier sieht man endlich mal, was die meisten menschen leider ohnehin nicht wissen.

vielen dank für diesen großartigen film

Kommentare

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