No Greater Love

No Greater Love

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

britspotting-Highlight: Hinter Klostermauern

Es ist noch finster in den Fluren des Most Holy Trinity Klosters, als eine der Nonnen mit lautem Klappern durch die Flure geht, um den Beginn des Tages zu markieren. Kurz darauf sehen wir, wie die Nonnen durch das Kloster eilen, um sich in der Kirche zur Frühmesse zu versammeln. Erst nach einiger Zeit dämmert es dem Zuschauer, was an diesen Szenerien so merkwürdig ist: Außer den gemurmelten Gebeten und den Gesängen während der Messe hören wir – nichts. Was wir im Vorspann eher beiläufig aufgenommen haben — die Information, dass die Nonnen dieses Ordens bis auf zwei Stunden am Tag nicht sprechen – eröffnet sich in der ganzen Tragweite erst nach und nach. Noch irritierender allerdings ist die Tatsache, dass wir bei diesem Film die fehlenden Dialoge und Sprechpassagen nicht vermissen, sondern die Ruhe vielmehr genießen. Weil sie zum Schauen und Nachdenken, zum Meditieren und Spüren einladen und zeigen, dass Ruhe und Schweigen keinesfalls mit Stillstand gleichzusetzen sind.
Ein Jahr lang ist der vielfach ausgezeichnete Fernsehregisseur Regisseur Michael Whyte mit der Kamera den Nonnen des Karmeliterinnen-Ordens gefolgt und hat – soweit es geht – an ihrem Leben teilgenommen. Zuvor hatte er sich zehn Jahre lang in einer ausgiebigen Korrespondenz mit dem Kloster darum bemüht, überhaupt drehen zu dürfen, bis ihm dies nach langer Wartezeit endlich gestattet wurde. Die Geduld und die lange Zeit des Wartens haben sich ausgezahlt – für beide Seiten. Denn Michael Whyte ist mit No Greater Love ein außerordentlicher lebendiger und vitaler Film gelungen. Und die Karmeliterinnen konnten auf diese Weise sich und ihre Art zu leben vorstellen und diese verständlich machen, ohne deshalb von ihrem weitgehenden Schweigegelübde abzurücken. Die Macht der Bilder sagt in diesem Fall mehr als tausend Worte.

Michael Whyte ist ein respektvoller Beobachter, der niemals insistiert, sondern hinschaut, genau zuhört und sich ansonsten vollkommen zurückhält. In seiner wunderschön anzuschauende Studie über das Leben in Schweigsamkeit, Demut und Zurückgezogenheit wird kaum je gesprochen. Wenn die Nonnen schweigen, tut es Whyte ebenso. Er lässt sich und dem Zuschauer Zeit, der Ruhe nachzuhängen, verweigert den Einsatz eines Erzählers und nutzt lediglich die kurze Zeit, in der die Nonnen sprechen dürfen, für Interviews oder in jenen Stunden, während denen das Reden erlaubt ist. In diesen Gesprächen offenbaren sich ganz andere und gänzlich unerwartete Seiten der Karmeliterinnen. Wir sehen lächelnde oder lachende Gesichter, hören einiges über die Freude an dem nach außen strengen und abweisend wirkenden Leben hinter den Klostermauern, aber auch über Zeiten des Zweifels und ertappen uns unwillkürlich dabei, wie wir aus dem Staunen über so viel Lebensfreude, Energie und Offenheit nicht mehr herauskommen. Ist es möglich, dass wir ein falsches Bild von diesen Frauen gehabt haben, dass unser Sehen und Fühlen auf nichts als Vorurteilen beruhte? Den Karmeliterinnen, das macht der Film deutlich, geht es nicht um eine Weltflucht, sondern um eine ganz andere Art der Auseinandersetzung mit den Herausforderungen des Lebens selbst. Und diese ist möglicherweise eine größere Herausforderung als das Leben „da draußen“.

Kaum zu glauben, dass außerhalb des Klosters die lärmende Metropole London wartet – laut, grell und mit allem ausgestattet, was das moderne Leben so erfordert. Von all dem ist im Most Holy Trinity Kloster nichts zu spüren: Nur das Schweigen und der Kreislauf der Jahreszeiten, des Entstehens und Vergehens, der Aufnahme in den Orden und des Todes. No Greater Love ist ein Film, für den man sich definitiv viel Zeit mitbringen muss, auch wenn er mit 100 Minuten Laufzeit durchaus moderat ausgefallen ist. Der spürbare Stillstand der Zeit aber, von dem dieses Werk berichtet, ist so ungewöhnlich, dass dies für manchen Zuschauer zu einer Herausforderung werden könnte. Wer aber die Ruhe und Gelassenheit mitbringt, sich auf diese radikal andere Lebensform einzulassen, der wird von diesem Film reichlich belohnt.

No Greater Love

Es ist noch finster in den Fluren des Most Holy Trinity Klosters, als eine der Nonnen mit lautem Klappern durch die Flure geht, um den Beginn des Tages zu markieren. Kurz darauf sehen wir, wie die Nonnen durch das Kloster eilen, um sich in der Kirche zur Frühmesse zu versammeln. Erst nach einiger Zeit dämmert es dem Zuschauer, was an diesen Szenerien so merkwürdig ist: Außer den gemurmelten Gebeten und den Gesängen während der Messe hören wir – nichts.
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