Nichts passiert

Nichts passiert

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Eine Kette falscher Entscheidungen

Der Spruch "Nichts passiert!" ist meistens ein Ausdruck von Erleichterung: Es ist ja alles nochmal gut gegangen, es gibt keine Konsequenzen und das Leben kann seinen gewohnten Gang weitergehen. Wenn sich die Wirklichkeit auf die eigenen Wünsche zubewegt, stimmt das glücklich. Manchmal tut sie das aber nicht und der Spruch entpuppt sich als pure Beschwörung. Es soll gefälligst nichts passiert sein; mit ein wenig Nachdruck lässt sich die Sache wahrscheinlich noch unter den Teppich kehren. Ein solches Gegensteuern kann eine Eigendynamik, eine wachsende Dringlichkeit entwickeln, weil die persönliche Integrität auf dem Spiel steht. So ergeht es dem Familienvater Thomas Engel (Devid Striesow) in dem bitterbösen schweizerischen Drama Nichts passiert von Micha Lewinsky (Die Standesbeamtin).
Thomas hat eine schwere Zeit hinter sich und ist überzeugt, dass ein Winterurlaub in der Schweiz seiner kriselnden Ehe mit Martina (Maren Eggert) guttun wird. Die gemeinsame Teenager-Tochter Jenny (Lotte Becker) und Sarah (Annina Walt), die 15-jährige Tochter von Thomas' Chef, begleiten das Paar ins angestammte Domizil, einem Chalet in den Schweizer Bergen. Ein Winterurlaub kann jedoch, man weiß es aus Höhere Gewalt von Ruben Östlund, zur Zerreißprobe für eine Familie werden. Dort passierte zwar, äußerlich betrachtet, nichts Schlimmes, die Lawine erfasste die Terrasse, auf der die Familie zu Mittag aß, nur beinahe. Aber dass der Mann in Panik davonlief und die anderen zurückließ, nahm ihm seine Frau sehr übel. Auch in diesem Drama gibt es etwas, was nicht hätte passieren dürfen. Als Thomas um Mitternacht Jenny und Sarah von einer Party im Dorf abholt, findet er Sarah in Tränen aufgelöst vor: Severin (Max Hubacher), der Sohn des Chalet-Vermieters, habe sie zum Sex gezwungen, stammelt sie. Jenny hat nichts mitbekommen und Sarah bittet Thomas, niemandem etwas zu sagen und nicht zur Polizei zu gehen. Er lässt sich darauf ein und hält später an dieser falschen Entscheidung aus Angst vor Ärger fest. Thomas entwickelt Schritt für Schritt aus einem immer panischeren Selbsterhaltungstrieb heraus eine kriminelle Energie, die das Drama zum Thriller werden lässt.

Die ganze Zeit steht die Frage ungeklärt im Raum, weshalb Thomas so eklatant versagt. Andere würden an seiner Stelle den falschen Kurs auch später noch revidieren und dafür Konsequenzen in Kauf nehmen. Gleich zu Anfang wird jedoch auf ein psychisches Problem von Thomas hingewiesen. Da sieht man ihn seiner Therapeutin gegenüber beteuern, dass er nicht mehr trinkt und nicht mehr ausrasten wird. Im Urlaub wirkt Thomas zunächst sehr gutmütig und vor allem stets auf Harmonie bedacht. Aber die Familie funktioniert nicht: Man spricht zu wenig, jeder ist für sich, und Martina bekommt auch deswegen nichts von dem Drama im Chalet mit, weil sie lieber allein sein will. Die Charaktere sind eher knapp skizziert, was in Thomas' Kopf vorgeht, bleibt weitgehend sein Geheimnis. Devid Striesow gelingt jedoch das Kunststück, diesen prekären bis negativen Charakter so sympathisch zu spielen, dass ihn das Mitgefühl des Zuschauers praktisch bis zum Schluss begleitet.

Aber insgesamt passiert dann eben doch viel zu viel für eine realitätsnahe Geschichte. Sie ähnelt zum Teil einem überkonstruierten Fernsehfilm, weil sich das Drama nicht wie in Höhere Gewalt auf die psychische und die Beziehungsebene verlagert, sondern in Form von Handlungen ausgetragen wird. Dennoch baut das Drehbuch bemerkenswert geschickt eine fesselnde Spannung auf. Sie lässt den Zuschauer eine irritierende Diskrepanz erleben zwischen moralischem Kompass und der Hoffnung, dass es Thomas doch noch gelingen möge, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen.

Nichts passiert

Der Spruch "Nichts passiert!" ist meistens ein Ausdruck von Erleichterung: Es ist ja alles nochmal gut gegangen, es gibt keine Konsequenzen und das Leben kann seinen gewohnten Gang weitergehen. Wenn sich die Wirklichkeit auf die eigenen Wünsche zubewegt, stimmt das glücklich. Manchmal tut sie das aber nicht und der Spruch entpuppt sich als pure Beschwörung.
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Titel
Nichts passiert
Eine Kette falscher Entscheidungen
Startdatum
FSK
12
Genre

Daten und Fakten

Produktionsland
Filmlänge
94 Min
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