Nicht alles schlucken - Ein Film über Krisen und Psychopharmaka

Nicht alles schlucken - Ein Film über Krisen und Psychopharmaka

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Psychosen machen einsam, Reden hilft

Trotz ihrer weiten Verbreitung sind seelische Erkrankungen nach wie vor gesellschaftlich stigmatisiert. Das gilt vor allem für die Psychosen, die mit Wahrnehmungsstörungen und Realitätsverlust einhergehen und an denen ein bis zwei von 100 Menschen erkranken. Diese werden dann meistens, ob sie es wollen oder nicht, mit starken Medikamenten behandelt. Neuroleptika und andere Psychopharmaka aber lindern nur die Symptome, sie heilen nicht.
In diesem Dokumentarfilm von Jana Kalms und Piet Stolz sprechen Patienten, Angehörige, Pfleger und Ärzte über Segen und Fluch der Behandlung mit Medikamenten. Dabei offenbart sich die doppelte Bedeutung des Filmtitels: Vordergründig geht es um die Unzufriedenheit mit Zwangsmedikation und dauerhafter Tabletteneinnahme. Dahinter aber sucht der Film mit seinen Protagonisten auch aktiv nach neuen Perspektiven. Die beiden Filmemacher – Kalms ist Angehörige eines Psychosepatienten, Stolz Nervenarzt und Psychotherapeut - engagieren sich seit Jahren für eine neue Gesprächskultur im Umgang mit der Krankheit. Sie wird zum Beispiel in sogenannten Trialogforen gepflegt: Hier treffen sich in mittlerweile über 120 deutschen Städten Psychoseerfahrene, Angehörige und psychiatrische Fachkräfte, um sich auszutauschen. Auch vor der Filmkamera sitzen 20 Menschen in einem schmucklosen Raum im Kreis. Einer erzählt, niemand unterbricht oder stellt das Gehörte infrage. So entsteht ein sozialer Raum, in dem die Betroffenen und die Menschen aus ihrem Umfeld die innere Isolation endlich aufbrechen und sich ernst genommen fühlen.

Die individuelle Not hat viele Gesichter. Wer Zwangseinweisung und -behandlung am eigenen Leib erfahren hat, hadert oft noch lange damit. Viele Psychoseerfahrene erleben die Abhängigkeit von Medikamenten als persönlichkeitsverändernd, als Entfremdung von sich selbst. Ihr größter Wunsch ist es, die Mittel wieder absetzen zu können. Es gibt Angehörige, die erst einmal Erleichterung spüren, wenn der Kranke ruhiggestellt ist und sie nicht mehr Angst haben müssen, dass er sich oder anderen etwas antut. Oder wenn sie endlich wieder mit dem Sohn, der Mutter kommunizieren können. Es kommen Pfleger und Klinikärzte zu Wort, die Angst vor der Aggression mancher Patienten haben und dennoch sehr direkt mitleiden, wenn sie diese zur Medikamenteneinnahme zwingen oder fixieren.

Ein generelles Problem von Klinikbehandlung und Nachsorge ist das fehlende menschliche Miteinander. Viele Protagonisten fühlen sich vollkommen ausgegrenzt. Eine Mutter, die den Wunsch ihres Sohnes nach einer ambulanten Psychotherapie unterstützen wollte, bekam von Psychiatern zu hören, das sei doch völlig sinnlos, der Sohn müsse dauerhaft in eine Einrichtung. Je länger Patienten aber vor allem oder ausschließlich medikamentös behandelt werden, desto eher gelten sie wiederum als unheilbar krank – ein Teufelskreis. Es kommen Ärzte zu Wort, die irgendwann erkannten, dass sie weniger Medikamente verabreichen müssen, wenn sie den Patienten zuhören und sich auf sie einlassen. Dafür aber ist der Klinikalltag nicht ausgerichtet und auch nach der Entlassung sind viele Psychoseerfahrene mit sich und den Tabletten allein.

In diesem Film erlebt der Zuschauer die Not und die Sehnsucht, aber auch die grundsätzliche Mitteilungsfähigkeit vieler Personen eindringlich mit, denen in ihrem Leben allzu wenig zugehört worden ist. Die Inszenierung legt auf Authentizität größten Wert: Es gibt keine Musik, keinen Off-Kommentar, keine eingeblendeten Texte, die Namen und Funktion offenbaren, sondern nur diesen Raum und seine Menschen, die kommen und gehen, erzählen und aufnehmen. Ein ungeheuer tröstlicher, Mut machender Film, der beweist, dass unspektakuläre, kleine Schritte die Stigmatisierung und Isolation ein Stück weit durchbrechen können.

Nicht alles schlucken - Ein Film über Krisen und Psychopharmaka

Trotz ihrer weiten Verbreitung sind seelische Erkrankungen nach wie vor gesellschaftlich stigmatisiert. Das gilt vor allem für die Psychosen, die mit Wahrnehmungsstörungen und Realitätsverlust einhergehen und an denen ein bis zwei von 100 Menschen erkranken.
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Meinungen
Depri · 12.03.2015

Guter Film, Psychopharmaka werden aber etwas zu kritisch gesehen, sind sie doch für viele Patienten absolute überlebenswichtig und neuere leisten großartiges mit verhältnismäßig geringen Nebenwirkungen.

Kommentare

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