Neulich in Belgien

Neulich in Belgien

Eine Filmkritik von Peter Gutting

Liebe und Schreikrämpfe

Zwei Gesichter einer Frau: Am Anfang wirkt sie so müde, leer und ausgelöscht, als wäre das Leben schon vor Jahrzehnten aus ihr entwichen. Später dagegen wunderbar entspannt, lebendig und gelöst. Dazwischen liegt eine herrlich komplizierte Liebesgeschichte voller Humor, Wärme und Schreikrämpfen.
Oft sieht der Beginn einer Liebesgeschichte im Kino so aus: Zwei Menschen schauen sich an, die Kamera fängt zwei magische Momente ein, ruhige Augenblicke voller Staunen. In Neulich in Belgien / Aanrijding in Moscou ist alles anders. Eine Frau schreit einen Mann an, sie brüllt, bis ihr die Tränen kommen. Und in einem ganz kurzen Moment, bei einer Art Schlüsselsatz, macht es „klick“. Der Mann ist hin und weg. Das ist zunächst eine ziemlich einseitige Angelegenheit, denn die Frau ist weiterhin wütend und verschlossen wie eine Auster. Und wenn der Typ nicht so hartnäckig verloren wäre, könnten wir nach fünf Filmminuten wieder nach Hause gehen.

Doch jetzt fängt diese ganz eigenständige Variante der tausend Mal gesehenen Geschichte von der „unmöglichen“ Liebe erst richtig an: immer wieder auf bekannte Motive zusteuernd und sie jedes Mal umschiffend, in überraschenden Schleifen auf zu anderen Ufern, die mit vergleichsweise schmalem Budget stimmungsvoll und mit feinen Strichen skizziert werden. Es ist der genaue Blick, das Gespür für ein reales Milieu, was das Drehbuch von Jean-Claude van Rijckeghem und das Regiedebüt von Christophe van Rompaey auszeichnet. Die angriffslustigen Dialoge und die Verankerung in einem „Kiez“ brauchen den Vergleich mit Andreas Dresens gefeiertem Sommer vorm Balkon nicht zu scheuen. In seiner Heimat war der Film bereits ein Kassenschlager, auch das ist eine Parallele zu dem deutschen Publikumserfolg.

Und noch eine Ähnlichkeit, wobei es dann aber anders weiter geht: Auch in dem belgischen Film nimmt alles seinen Ausgang vom Crash mit einem Lastwagenfahrer. Die Frau, die nach diesem Unfall einen Schreikrampf bekommt, heißt Matty (Barbara Sarafian). Sie ist 41 und Mutter von drei Kindern. Ihr Mann tobt die Midlife-Crisis mit einer 22-Jährigen aus, die ältere Tochter durchlebt die Höhen und Tiefen der Pubertät und die beiden anderen Geschwister machen der verlassenen Ehefrau ebenfalls Kummer. Kurz gesagt und mit Mattys Worten: Als sie auf dem Supermarkt-Parkplatz den Truck von Johnny (Jurgen Delnaet) rammt, war ihr Leben schon vorher „ein Witz“. Und zwar, wie wir getrost hinzufügen dürfen, ein ziemlich schlechter. Auch mit Johnny meinte es das Schicksal in der letzten Zeit nicht gut: Seine Freundin hat den stolzen Ritter der Landstraße zugunsten eines reichen Anwalts mit dickem Wagen verlassen. Weil er damals Alkoholprobleme hatte, ausrastete und die Frau krankenhausreif schlug, musste Johnny sogar in den Knast. Alles keine Empfehlung für eine neue Liebe, zumal der Truckpilot zwölf Jahre jünger ist als Matty und die Angebetete zurzeit eines am wenigsten brauchen kann: einen zweiten Mann in ihrem Leben.

Was dann folgt, ist rührend und komisch zugleich: Wie Johnny – wahrlich kein Meister der subtilen Verführung – die wie zugemauert agierende Matty mit plumpen Sprüchen á la „du bist meine Mona Lisa“ betören möchte. Und wie sie sich höchst widerwillig mit ihm trifft, wie sie sich sträubt gegen diesen Liebeskranken, den nur eines auszeichnet: dass er das Herz auf dem rechten Fleck hat und es ehrlich meint. Das ist großes Schauspieler-Kino. Wobei die Darstellung der emotionalen Wirren wunderbar gestützt wird durch die hohe Kunst, zur richtigen Zeit das Thema zu wechseln und zur richtigen Zeit die richtige Frage zu stellen. Dass der Film diesen authentischen Ton trifft, hängt sicher damit zusammen, dass die Hauptdarstellerin tatsächlich in der Nähe von Moscou lebt, dem Arbeiterviertel von Gent, in dem ein Großteil des Streifens gedreht wurde. Und dass der Drehbuchautor hier aufwuchs. Wahrscheinlich könnte man der Frau mit dem müden Gesicht dort in jedem Supermarkt begegnen. Und möglicherweise auch der anderen. Derjenigen, die sich aus dem Witz befreit hat, der ihr Leben war. Und die nun darüber lachen kann.

Neulich in Belgien

Zwei Gesichter einer Frau: Am Anfang wirkt sie so müde, leer und ausgelöscht, als wäre das Leben schon vor Jahrzehnten aus ihr entwichen. Später dagegen wunderbar entspannt, lebendig und gelöst.
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Meinungen
· 03.11.2008

Hervorragende Mimik der Hauptdarstellerin und sehr gute Auswahl der Schauspieler. Belgien endlich mal ohne Touristenattraktionen. Ein sehr sehenswerter Film.

cinemasüchtiger · 26.10.2008

Ein Film, wie das Leben. Nicht geleckt sondern rau aber wahr!

Kommentare

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