Near and Elsewhere (2018)

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Den Menschen droht die zunehmende Komplexität der Welt über den Kopf zu wachsen. Wie soll der einzelne die Zukunft mitgestalten, eine Vorstellung von ihrer Form und seiner Verantwortung entwickeln? „Near and Elsewhere“ versucht, eine Antwort zu finden.

Near and Elsewhere (2018)

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Die Zukunft beginnt in den Köpfen

Die Welt ist im Zeitalter des Internets, der Computertechnologie und der Globalisierung komplexer denn je. Das erschwert die individuelle Orientierung und die Wahl zwischen den vielen Möglichkeiten, das eigene Leben zu gestalten. Wenn die alten Gewissheiten ausgedient haben, wie soll man sich dann die Zukunft vorstellen? Der einzelne Mensch kann sich als Mitgestalter der Zukunft begreifen oder seine Verantwortung resigniert verleugnen.

Das deutsch-österreichische Regiepaar Sue-Alice Okukubo und Eduard Zorzenoni packen das Thema in ihrem essayistischen Dokumentarfilm von verschiedenen Seiten an. In Interviews lassen sie Zukunftsforscher wie Matthias Horx und andere Wissenschaftler, aber auch die Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch und die Marathonläuferin Andrea Mayr über Utopien, Motivationen, das menschliche Verhalten beim Betreten von Neuland sprechen. Dazwischen nimmt eine fiktionale Handlung ihren Lauf, in der im Stil einer künstlerischen Performance ein junger Mann (Enrique Fiß) und eine junge Frau (Natasja Juul) an einem unbekannten Ort stranden, einer futuristisch anmutenden, menschenleeren Stadt an der Küste. Ist es die Stadt der Zukunft? Bekommen sie Zugang zu ihr, wird sie für sie ein Ort zum Bleiben werden?

Manchmal treten die jungen Spaziergänger auch scheinbar in einen Dialog mit den Experten, stellen ihnen Fragen. Eine diskursive, luftige Leichtigkeit durchströmt den ganzen Film, der auch visuell sehr assoziativ gestaltet ist. Die fiktionalen Szenen entstanden in und um Kopenhagen und spielen sich überwiegend inmitten moderner Architektur, unter Hochbahntrassen, zwischen Bürogebäuden und Baustellen ab. Eine Meerjungfrau (Maartje Pasman) und eine Samurai-Tänzerin (Lisa Bunderla) treten auf. Motive wie ein altes Holzschiff auf einer Wiese und Boote auf dem Meer spielen auf das Thema Migration an.

Welchen Sinn haben Utopien in einer Phase gesellschaftlichen Wandels? Horx verweist auf den Pferdefuß von Utopien, die allzu perfekt und ausschließlich angelegt sind: Sie bekämpfen die Vielfalt lebendiger Gesellschaften. Swetlana Alexijewitsch konstatiert mit eindringlichen Worten, dass die früheren Sowjetbürger angesichts ihrer neu gewonnenen Freiheit vor einem Rätsel standen. Anstatt sich im gesellschaftlichen Gespräch mit den seelischen Folgen des erlittenen Totalitarismus auseinanderzusetzen, seien sie wackere Konsumenten geworden.

Ein wichtiges Thema ist in vielen Gesprächsbeiträgen der Kapitalismus und das Problem seiner Überwindung. Ab und zu gibt es erhellende, zum Nachdenken anregende Pointen, etwa wenn der Kulturwissenschaftler Joseph Vogl mit Verweis auf einen Trend in Blockbusterfilmen sagt, „wir können uns eher das Weltende vorstellen als das Ende des Kapitalismus“. Das merkantile Denken sei fest in den Köpfen der Zeitgenossen verankert und der Glaube an die Marktregulierung verleite dazu, ihr auch die Verantwortung für die Zukunft abzutreten.

Am spannendsten wird der Film immer dort, wo die Gespräche konkreter werden, um den Kapitalismus kreisen oder um Migration. Leider aber bleiben die Expertenaussagen in der Regel grundsätzlicher Natur und kreisen um die Angst vor dem Wandel, das Beschreiten neuer Wege. Diese allgemein gehaltene, nicht auf eine Utopie mit bereits definiertem Inhalt gemünzte Diskussion ist von den Filmemachern so offen gewollt. So bekommt das Brainstorming auch eine gewisse Beliebigkeit, die der Schnitt noch verstärkt, indem die Experten zum Teil nur wenige Sätze am Stück sagen und die Schnitte auf die spazierenden, suchenden Performance-Charaktere alles andere als zwingend erscheinen.

So wird das Interesse auch immer wieder auf die Aussagekraft der Räume und Landschaften gelenkt. Vogl wird unter einer Kuppel des Tieranatomischen Theaters in Berlin interviewt, aus leichter Untersicht, der Publizist Evgeny Morozov vor einer Reihe grüner Spindschränke. Diese originelle Platzierung regt die Fantasie an, schürt die Aufmerksamkeit. Und da gibt es noch Benny Techen, den letzten Leuchtturmwärter Dänemarks, der auf einer Inselplattform im Öresund die Schiffe beobachtet. Sein Arbeitsdomizil wirkt wie ein Fels in der Brandung, doch das Bild trügt: Denn die moderne Technologie wird seine Stelle überflüssig machen. Der Schauplatz visualisiert den Gedanken aus den Interviews, dass sich der Mensch nicht mehr an die alten Wegweiser halten kann. Neue müssen zuerst im Kopf entstehen.

Near and Elsewhere (2018)

Angesichts der verschiedenen sozialen, ökonomischen und kulturellen Herausforderungen sucht der Film „Near and Elsewhere“ nach Utopien für die Welt von Morgen und Übermorgen.

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