Neandertal

Neandertal

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Häutungen

Unsere Haut ist ein erstaunliches und sensibles Sinnesorgan, das zugleich die Grenze unseres Körpers gegenüber der Außenwelt markiert. Und nicht zuletzt ist die Haut es auch, die uns repräsentiert, der Teil unseres Körpers, der sichtbar ist, der die Spuren unserer Befindlichkeiten buchstäblich zu Markte trägt und verdeutlicht, wie es in unserem Inneren wirklich aussieht. Auch im Falle des 17-jährigen Guido (Jacob Matschenz), von dem Ingo Haeb und Jan-Christoph Glaser (1. Mai) in ihrem Film Neandertal erzählen, liegen die Ursachen für die Neurodermitis, die den Jungen quält, in dessen Psyche und den kaputten Familienstrukturen.
Eine westdeutsche Provinzstadt in der Nähe des berühmten Neandertals im Jahre 1990: Als Guido nach einem neuerlichen schweren Schub in ein Krankenhaus eingeliefert wird, entpuppt sich das vermeintliche Unglück als wichtiger Schritt in Richtung Heilung. Denn hier, weit weg von der scheinbaren Normalität seiner Familie, gerät Guido ins Grübeln und kommt im Verlauf einer Therapie zu einer ernüchternden Analyse: Sein Vater (Falk Rockstroh) hat seit einigen Jahren ein Verhältnis mit der Nachbarin, während seine Mutter (Johanna Gastdorf) ihren Kummer im Suff ertränkt. Und Guido ist der Leidtragende dieser Konstellation, seine Krankheit ist ein sichtbares Zeichen für all das, was innerhalb der Familie im Argen liegt. Schockiert von dieser Erkenntnis sieht sich der Junge außerstande, ins gar nicht so traute Elternhaus zurückzukehren, stattdessen sucht er Unterschlupf in der WG seines älteren Bruders.

Dort trifft er auf den Kleingauner Rudi (Andreas Schmidt), mit dem sich Guido schnell anfreundet. Durch ihn lernt er eine Sorglosigkeit und Freiheit kennen, die ihm einen ganz neuen Blick auf das Leben offenbart und die schließlich die Neurodermitis stoppen kann. Doch als Guidos Mutter im Alkoholrausch schwer stürzt und in ein Krankenhaus eingeliefert werden muss und Rudi mal wieder Mist gebaut hat, sind auf einen Schlag die Belastungen wieder da, von denen Guido gehofft hatte, sie hinter sich gelassen zu haben…

Harter Tobak ist das, was Ingo Haeb und Jan-Christoph Glaser in ihrem Film Neandertal den Blicken des Zuschauers bieten. Immer wieder wird die zerstörte Haut Guidos plakativ ins Bild gerückt, hören wir den Jungen von Kratzattacken berichten, die dem Geschundenen für kurze Zeit Erlösung und Erleichterung verschaffen, bis das Ganze wieder von vorne beginnt. Ebenso sehen wir Albträume, in denen sich die Haut vom Körper löst – es sind symbolisch reichlich aufgeladene Metaphern eines schmerzhaften Häutungsprozesses, den Guido erst durchlaufen muss, um schließlich erwachsen zu werden und sich von den Lebenslügen seines Elternhauses zu verabschieden. Allerdings lässt der Film kaum einen Zweifel daran, dass die Freundschaft mit Rudi nur eine Durchgangsstation auf diesem Weg ist, denn der Ganove und Lebemann ist trotz allen Charmes in erster Linie ein (von Andreas Schmidt wie stets brillant dargestellt) Schwätzer, der sich in den Zeiten des Attentates auf Alfred Herrhausen gerne mal als RAF-Sympathisant gibt, um an seinem Image zu feilen. Spät, vielleicht zu spät, muss Guido erkennen, dass sein Freund psychisch mindestens ebenso anfällig und sensibel ist wie er selbst.

Recht präzise beschreibt der Film die Stimmung und das Lebensgefühl der BRD im Jahre 1990 zwischen Fußball-WM-Euphorie, den Geburtswehen der Wiedervereinigung und den alten Gespenstern der RAF. In seiner Verknüpfung der bundesrepublikanischen Geschichte mit dem Erwachsenwerden erinnert Neandertal vage an Hendrik Handloegtens formidables Regiedebüt Paul ist tot, das rund zehn Jahre früher ebenfalls in der westdeutschen Provinz spielt. Allerdings überwiegt am Ende dann doch leider das Gefühl, dass zu viel in diese Geschichte hineingepackt wurde, so dass vieles zu konstruiert wirkt, um wirklich überzeugen zu können – trotz einer soliden Inszenierung und den beiden souverän aufspielenden Darstellern Jacob Matschenz und Andreas Schmidt.

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Unsere Haut ist ein erstaunliches und sensibles Sinnesorgan, das zugleich die Grenze unseres Körpers gegenüber der Außenwelt markiert.
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