Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen (2016)

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen (2016)

Eine Filmkritik von Wolfgang Nierlin

Tragödie eines lächerlichen Mannes

Wenn der reisende Fremde auf seiner Überfahrt zu einer Insel durch die Frontscheibe des Fährschiffs blickt, spiegelt sich das unbekannte Eiland als eine Welt im Kleinen in seinem Gesicht. Das Wetter ist grau und nebelverhangen und eine sanfte Tristesse liegt in den Wintermonaten über der griechischen Ferieninsel mit ihren weißen Häuschen, die unbewohnt scheinen.

Der Ankömmling ist neu auf Antiparos. Und als 42-jähriger Junggeselle ist seine Einsamkeit bald eine doppelte. Denn Kostis (Makis Papadimitriou), der hier eine Stelle als Arzt antritt, ist nach dem Empfang durch den Bürgermeister zwar bald integriert in die Dorfgemeinschaft, seine emotionalen Defizite sind aber unübersehbar. Schweigsam und etwas hemdsärmelig führt er seine Praxis, während er im zwischenmenschlichen Umgang leicht unsicher und unbeholfen wirkt. Argyris Papdimitropoulos verbindet in der ausführlich und genau inszenierten Exposition seines Films Nacktbaden – Manche bräunen, andere brennen den Topos des einsamen Inseldaseins mit der Isolation eines Mannes in mittleren Jahren.

Alles ändert sich, als es Sommer wird und mit der Ankunft von Licht und Wärme zahlreiche Urlauber die Insel bevölkern. Unter ihnen ist auch die ebenso schöne wie aufreizende Anna (Elli Tringou), die mit ihrer provozierend distanzlosen, sich ungezwungen und übermütig gebenden Clique das Leben im Hier und Jetzt genießt. Als die 21-Jährige mit einer Beinverletzung den Arzt aufsucht, blüht der verschämte Kostis innerlich förmlich auf. Von der freizügigen Anna ermuntert, besucht er die vergnügungssüchtige Gruppe auf ihrem Zeltplatz am Nacktbadestrand. Doch der Kontrast zwischen dem untersetzten, leicht pummeligen Mann, der sich mit Sonnencreme und Hut vor der Sonne schützt, und dem unbekümmerten Hedonismus höchst vitaler, gutaussehender Jugendlicher könnte kaum größer sein. Kostis lässt sich treiben und verführen. Er gibt sich dem Rausch langer Disco-Nächte hin und vernachlässigt darüber seine Praxis. Doch während der Arzt langsam im besitzergreifenden Wahnsinn der Liebe versinkt, bleibt für die sich unabhängig gebende Anna alles nur ein leichtes, sommerliches Spiel.

Beeinflusst von den Büchern Michel Houellebecqs und seinen eigenen langjährigen Erfahrungen auf Antiparos hat Papadimitropoulos einen, so der griechische Regisseur, „Coming-of-middle-Age-Film“ gedreht. Die Melancholie über das Älterwerden und über den Verfall des Körpers kontrastiert darin hart mit der körperlichen Lebendigkeit und schier grenzenlosen Freiheit einer Jugend im hormonellen Dauerrausch. Erzählt aus der Perspektive des tragikomischen Helden, für den sich die Farben des Sommers zunehmend gefährlicher verdunkeln, thematisieren Papadimitropoulos und sein Freund und Koautor, der Filmregisseur Syllas Tzoumerkas (A Blast), aber auch das Verhältnis des leidgeprüften Einzelgängers zu den rigiden Ausschlussverfahren der Gruppe. Immer wieder und teils überdeutlich setzt Papadimitropoulos dieses schmerzliche Getrenntsein mit all seinen vergeblichen Hoffnungen und traurig stimmenden Peinlichkeiten ins Bild. So ist Nacktbaden mit seinen motivischen Lolita-Anleihen nicht nur die Tragödie eines lächerlichen Mannes, sondern auch ein Film über den Wahn der Einsamkeit. Denn damit der liebeskranke Arzt – so der psychoanalytische Subtext — das ferne Objekt seiner Begierde heilen kann, muss er dieses erst verletzen.
 

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen (2016)

Wenn der reisende Fremde auf seiner Überfahrt zu einer Insel durch die Frontscheibe des Fährschiffs blickt, spiegelt sich das unbekannte Eiland als eine Welt im Kleinen in seinem Gesicht. Das Wetter ist grau und nebelverhangen und eine sanfte Tristesse liegt in den Wintermonaten über der griechischen Ferieninsel mit ihren weißen Häuschen, die unbewohnt scheinen.

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