Nachmittag

Nachmittag

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Auf den Spuren Tschechows

„Nachmittag ist in Anlehnung an die Möwe geschrieben. Es gab das Stück, bzw. was das Stück für mich bedeutet, was meine Erinnerung daraus gemacht hat. Die Mutter, der Sohn, der ältere Bruder. Das Mädchen. Der Geliebte. Das Haus, der See und der Sommer. Bei Tschechow vergehen mehr als zwei Jahre, aber um es überhaupt fassen zu können, dachte ich: nur ein Nachmittag. Deshalb der Titel. Zuletzt ging es schnell, drei Tage im Sommer, das Ende einer Familie, von der nur noch ein Rest existiert.“ Mit diesen Worten beschreibt die Regisseurin Angela Schanelec ihre Herangehensweise an ihren neuen Film Nachmittag und ihre Annäherung an einen der großen Dramatiker der Bühnengeschichte und dessen wohl bekanntestes Stück Die Möwe, das zu den meistgespielten Stücken überhaupt gehört.
Es ist Sommer, ein See und eine helle Villa lassen ahnen, wie leicht das Leben sein könnte – eine Szenerie wie aus einer Erinnerung an die klaren und lichten Tage des Sommers, damals, vor vielen Jahren. Nach langer Zeit der Abwesenheit besucht Irene (gespielt von der Regisseurin selbst) Alex (Fritz Schediwy) und ihren Sohn Konstantin (Jirka Zett), die nach wie vor in dem ehemals gemeinsamen Haus an einem See in der Nähe von Berlin leben. Und dann taucht da noch plötzlich Agnes (Miriam Horwitz) auf, die gerade Semesterferien hat und ihre Eltern besucht, die im Nachbarhaus leben. Zwischen Mutter und Sohn entspinnt sich ein Konflikt, der verbissen ausgetragen wird. Als Irene zu ihrer Zerstreuung ihren Geliebten Max (Mark Waschke) herbestellt, dreht Konstantin durch, während Agnes an diesem Mann durchaus Gefallen findet…

Konsequent wie ihre Kollegen Christian Petzold und Thomas Arslan, mit denen sie das Etikett der „Berliner Schule“ teilt, geht Angela Schanelec auch in ihrem neuen Film Nachmittag zu Werke und verweigert sich standhaft den vorgefertigten Formen der Dramaturgie. Da werden scheinbar unbedeutende Details abgefilmt, während die Handlung, die Dialoge, das eigentlich Zentrale des Films im Off ablaufen. Da ist von den Sätzen, von der Sprache Tschechows nicht mehr viel übrig, und selbst wenn diese oder jene Sprachsequenz an den russischen Dramatiker erinnert, hat es nicht die Tschechowsche Leichtigkeit, nicht die Eleganz, sondern wirkt bleischwer, bemüht, beinahe unnatürlich und im nächsten Moment wieder (gewollt?) komisch.

Es gibt eine Reihe von Kritikern, die die „Berliner Schule“ im Allgemeinen und Angela Schanelecs Filme im Besonderen immer wieder beharrlich gegen Attacken wie jene von Oskar Roehler oder anderen Journalisten in Schutz nehmen. Insbesondere in Frankreich ist die Anhängerschaft zur „nouvelle vague allemande“ enorm und die mit vielen Regeln der Dramaturgie brechenden Erzählformen, die Nüchternheit, Kargheit und Beiläufigkeit, mit denen in den Filmen Arslans, Petzolds und Schanelecs von der Wirklichkeit erzählt wird, gilt hier wie dort als „state of the art“ und höchste Verfeinerung des Autorenkinos. Andere wiederum, und das sind nicht wenige, nennen das schlichtweg verkopftes, pseudointellektuelles und entsexualisiertes Kopfkino, das vielfach wirkt, als stünden alle Beteiligten unter einer hohen Dosis Valium. Das gilt umso mehr und insbesondere für die Filme Angela Schanelecs, die am meisten entfernt von den herkömmlichen Erzählformen des Kinos sind. Nachmittag ist hier ein geradezu prototypischer Film; ein Werk, das nicht auf das große Publikum abzielt, das unterhalten werden will, sondern viel eher auf eine ausgesuchte Schar von Cineasten. Und selbst unter diesen dürfte Nachmittag nicht nur begeisterte Zustimmung ernten.

Nachmittag

„Nachmittag ist in Anlehnung an die Möwe geschrieben. Es gab das Stück, bzw. was das Stück für mich bedeutet, was meine Erinnerung daraus gemacht hat. Die Mutter, der Sohn, der ältere Bruder. Das Mädchen. Der Geliebte. Das Haus, der See und der Sommer.
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