Nachlass - Passagen (2017)

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Welche familiengeschichtlichen Traumata aus der NS-Zeit sind ein Dreivierteljahrhundert später immer noch unbewältigt? Was ist hierzulande von der mahnenden „Erinnerungskultur“ der 1980er geblieben? Wie soll man mit den letzten Tätern und weiterhin auftauchenden Artefakten aus dieser Zeit umgehen?

Nachlass - Passagen (2017)

Eine Filmkritik von Simon Hauck

Licht ins Dunkel bringen

„Komm! Ins Offene, Freund!“, lautet nicht nur der Anfang aus Hölderlins berühmter Elegie Der Gang aufs Land. An Landauer. Den Beginn dieser Strophe hat auch der 1948 geborene Dokumentarfilmer Christoph Hübner („Thomas Harlan – Wandersplitter/ „EmscherSkizzen“), der seit Jahrzehnten mit Gabriele Voss zusammenarbeitet und lebt, schon oft zitiert. Aufrichtiges Zuhören, präzises Beobachten und energisches Nachfragen kennzeichnen die Arbeit des renommierten Dokumentarfilmgespanns („Die Champions“ / „HalbZeit„ / „Nachspiel“), das sich seit langem besonders in NRW filmpolitisch engagiert und obendrein auch als Herausgeberduo höchst lesenswerter Filmfachliteratur („Texte zum Dokumentarfilm“) mehrfach in Erscheinung trat.

Sozusagen als Nachklapp zu ihrem letzten dokumentarischen Ausrufezeichen Nachlass (2018) folgen nun „frei nach Benjamin“ (Hübner) die Nachlass — Passagen. „Licht in die Geschichte“ heißt nur eines der hoch konzentrierten und nicht selten bis ins Mark erschütternden Mini-Kapitel ihres neunteiligen Dokumentarfilmessays, was thematisch wie schon in Nachlass die Stoßrichtung für den Zuschauer vorgibt. Es folgen erneut höchst aufschlussreiche, ebenso intensive wie nachdenklich stimmende Interviewpassagen, die sich Zeit nehmen und nie zu bloßen Talking Heads blasser Experten erstarren. Denn Hübners und Voss’ ProtagonistInnen, die sich allesamt beruflich oder privat und in unterschiedlichen Funktionen mit der Aufarbeitung des grausigen NS-Vernichtungskriegs sowie der Shoa auseinandersetzen, haben wie im „Hauptfilm“ Nachlass durchwegs Gewichtiges zu sagen, ohne finale oder allzu schulmeisterliche Antworten zu liefern.

Eine der O-Ton-Geberinnen ist beispielsweise die Berliner Architektin Ursula Wilms, der es nach den Querelen um Peter Zumthors einstigen Siegerentwurf gelungen ist, mit ihrer Version eines Neubaus für die „Topographie des Terrors“ einen zentralen Aufklärungs- wie Erinnerungsort in der wiedervereinigten Hauptstadt zu kreieren, der gerade auch von ausländischen Touristen stark frequentiert wird. Denn eine lokale wie bundespolitische Auseinandersetzung mit dem ehemaligen „Tätergelände“ des Reichssicherheitshauptamtes startete bezeichnenderweise erst Ende der 1980er Jahre. Bis dahin diente das Ruinengelände lange Zeit unter anderem als Verkehrsübungsplatz, Zentrale für einen Abbruchhändler oder schlichtweg als kahle Wiese.

„Der Dokumentarfilm ist für mich wie eine Expedition. Es finden natürlich Vorrecherchen statt, aber das eigentliche Geschenk ist es immer, mit den Menschen vor Ort zu sein und sich direkt mit ihnen zu unterhalten.“ Gemäß Hübners und Voss’ Ansatz markiert gerade das lange Gespräch mit Kurt Schrimm, dem langjährigen Leiter der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltung zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen (ZSt) im beschaulichen Ludwigsburg, einen diskursiven Höhepunkt („Beihilfe und Täterschaft ist ein sehr kompliziertes juristisches Konstrukt“). In seiner langen Amtszeit von 2000 bis 2015 stieß Schrimm auf keinen einzigen Täter, der seine Schuld eingestand – oder gar Reue für sein furchtbares und vielfach todbringendes Verhalten zeigte. Dagegen seien ihm stets raffinierteste Methoden des Verheimlichens, Vertuschens oder Verleugnens begegnet, was im Subtext ein weiteres Mal die markante Verdrängungskultur der jungen Bundesrepublik offenlegt.

„Das Arbeiten ins Offene, auch ein improvisierte Vorgehen ist kennzeichnend für unsere Arbeit. Wir verstehen unsere Arbeit als eine offene Zeit, einen offenen Raum“, sagt Christoph Hübner über seine Arbeitsweise, der stets selbst verantwortlich für die Kamera zeichnet. Im Einklang mit der klugen Montage seiner Frau ist den beiden Dokumentarfilmgrößen auch mit den Nachlass — Passagen ein wiederholt höchst sehenswerte Dokumentarfilmreflexion geglückt. Getrennt durch wiederkehrende Schwarzblenden, die wie notwendige Ruhezentren inmitten all des geschilderten Terrors und Leids fungieren, funktioniert ihr visuell präzise-nüchternes Gemeinschaftswerk im Grunde selbst wie eine extrem facettenreiche Topografie der Erinnerung.

Fragen nach einer diffusen Kollektivschuld werden ebenso reflektiert wie familiäre Verästelungen in zeitgeschichtlich hochtraumatische Komplexe wie „Holocaust“ oder „Vernichtungskrieg“: und zwar bewusst von der ersten bis zur dritten Generation, was ihrem Diskursfilm angesichts der bundesrepublikanischen Großwetterlage der Gegenwart eine zusätzliche politische Komponente verleiht. Am Ende reihen sich diese vielschichtigen Nachlass — Passagen auch kontextuell glänzend in das bisherige Gesamtoeuvre jenes Dokumentarfilmduos ein: Denn ihrem langjährigen Meta-Thema „Spuren der Familie, Kinder und Kindeskinder“ fügen sie auch mit den Nachlass — Passagen eine glänzende Note hinzu.

Nachlass - Passagen (2017)

Wer arbeitet in Deutschland die Zeit des Nationalsozialismus auf, wer gestaltet unsere Erinnerungskultur? Welch Spuren hat dieses Zeit hinterlassen und wie geht unsere Gesellschaft damit um? Beobachtungen und Gespräche mit Historikern, Kuratoren, Therapeuten und Juristen. Drei Jahre arbeiteten Christoph Hübner und Gabriele Voss an dem Projekt „Nachlass“, das sich mit den inneren und äußeren Hinterlassenschaften der Nazizeit beschäftigt. Daraus entstand der abendfüllende Kinodokumentarfilm „Nachlass“. Im Zentrum des Films stehen Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg geboren sind, Kinder und Enkel der Täter- und Opfergeneration. Zusätzlich entstanden während des Projektes filmische Episoden, die sich aus allgemeinerer Perspektive dem Thema nähern. Beobachtungen und Gespräche mit Historikern, Kuratoren, Therapeuten, Juristen etc. Diese zusätzlichen Episoden wurden zu neun kurzen Einzel-Filmen montiert, den sogenannten „Nachlass — Passagen“. Sie ergänzen und vertiefen die persönlichen Geschichten im Film und nehmen zu verschiedenen Aspekten des Films Stellung: „Erinnerung gestalten“, „Die Rolle der Justiz „, „Erinnern, verdrängen, vergessen“. (Quelle: Verleih)

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