Nachbarinnen

Nachbarinnen

Eine Filmkritik von Gesine Grassel

Ein Gespräch mit Regisseurin Franziska Meletzky und Hauptdarstellerin Dagmar Manzel

„Wer liebt, riskiert zu leiden – wer nicht liebt, leidet schon“.
Die allein stehende Paketfahrerin Dora (Dagmar Manzel) lebt in einer Leipziger Plattenbausiedlung. Ihren Alltag meistert sie ruhig und routiniert. Seit ihr Mann sie verlassen hat, gibt es kaum soziale Kontakte in ihrem Leben. Doras geordnetes Leben gerät aus den Fugen, als ihre polnische Nachbarin Jola (Grazyna Szapolowski) eines Nachts völlig verstört und verängstigt vor ihrer Tür steht. Jola ist Kellnerin und hat in einem Streit auf ihren Chef Bernd geschossen. Nun ist sie überzeugt, den Besitzer der Kneipe getötet zu haben. Zunächst widerwillig nimmt Dora die verzweifelte Frau bei sich auf, ist aber schnell von ihrer lebenslustigen und ehrlichen Art fasziniert. Als Dora erfährt, dass Bernd nur leicht verletzt ist und niemand Jola verdächtigt, belügt sie die Polin, um sie bei sich zu behalten und nicht zu verlieren. Dora beginnt sich zu öffnen und fasst Vertrauen. Liebe und Leiden gehören zusammen. Als Jola erfährt, dass sie seit Tagen nicht mehr verdächtigt wird, kommt es zu einem heftigen Streit.

Für Regisseurin Franziska Meletzky ist Nachbarinnen der Diplomfilm und die Abschlussarbeit an der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) „Konrad Wolf“ in Potsdam. „Als meine Drehbuchschreiberin Elke Rössler mit der Grundidee zu mir kam, war ich sofort begeistert.“ Die Schauspieler hatte die Regisseurin bei der Entwicklung sofort im Kopf. „Ich brauche die Personen, um mir die Geschichte vorstellen zu können. Mit Dagmar Manzel habe ich mich sofort getroffen. Die Energie zwischen uns hat vom ersten Moment an gestimmt.“ Für die Rolle der polnischen Nachbarin Jola kam für sie nur Grazyna Szapolowka in Frage, die sie im Kieslowski-Film A short film about love gesehen hatte. „Die Schauspieler zu suchen ist für mich ein großes Abenteuer. Ich finde, da muss man einen großen Aufwand betreiben und gucken, ob alles passt.“

Mit der Besetzung im Hinterkopf arbeiteten die damaligen Studentinnen zusammen am Film. „Wir haben die Geschichte aus der Figur Dora heraus entwickelt und uns von Punkt zu Punkt gehangelt. So sind auch die vielen kleinen Details wie das Kakteenbeet entstanden. Wie Dora sind sie genügsam, kommen gut alleine klar und sind äußerlich hart und stachelig.“

Für Hauptdarstellerin Dagmar Manzel, die unter anderem in den Filmen Schtonk und Die Apothekerin zu sehen war, ging der Reiz des Filmes von der Geschichte aus. „Ich habe das Buch gelesen und war sofort Feuer und Flamme. Wir haben uns dann getroffen und es war eine Art energetisches Feld zwischen uns. Natürlich hatte ich an einigen Stellen Bedenken. Wir haben darüber gesprochen und die Passagen weiter entwickelt. Erst war ich skeptisch, ob meine Ideen auch wirklich übernommen werden würden. Wenig später kam dann die neue Fassung und es war alles berücksichtigt.“

Nachbarinnen entwickelte sich vom Roadmovie zum Kammerspiel. Hauptschauplatz ist die Zwei-Zimmer-Plattenbauwohnung von Dora in Leipzig-Mockau. Regisseurin Franziska Meletzky, die selbst dort aufgewachsen ist, konnte für das Umfeld eine Menge aus ihrem persönlichen Erfahrungsschatz einbringen: „Ich konnte sagen, was für Leute in einer solchen Siedlung leben. Einige Figuren sind an wahre Menschen angelehnt. Nur so konnten wir glaubhaft und humorvoll die vielen kleinen Charaktere entwickeln.“

Die Hauptfigur Dora verändert sich im Film unabhängig von den Menschen um sich herum. Dagmar Manzel: „Dora zieht sich am Ende nicht mehr in sich selbst zurück. Sie hat begriffen, dass sie sich öffnen muss. Durch Jola ist ihre harte Schale an einer Stelle aufgebrochen. Man kann Gefühle nicht immer unterdrücken oder vor sich her schieben, sondern muss sich selbst annehmen und auf andere Menschen zugehen.“ Für die junge Regisseurin ist es wichtig, dass die Zuschauer positiv aus dem Film heraus gehen. „Man muss „ja“ und „unbedingt“ zum Leben sagen und darf nie die Hoffnung verlieren. Das Publikum soll selbst hinter diese Aussage des Filmes kommen. Wir haben mehrdeutige Spuren gelegt.“

Nachbarinnen lief erfolgreich auf mehreren Filmfestivals. Die Regisseurin wird mit Hans-Christian Schmid und Christian Petzhold verglichen. Unter Druck setzten lässt sie sich davon aber nicht. „Ich sehe mich selbst als etwas anderes und mache andere Filme. Ich habe Interesse an vielen Stoffen und bin Abenteuerin. In Konsequenzen zu denken liegt mir einfach nicht.“

Ihre erfolgreiche Zusammenarbeit wollen die Frauen weiter ausbauen. Franziska Meletzky plant derzeit vier neue Projekte: „Ich arbeite gerade am Drehbuch für Plan B, einem Film über drei Schwestern mit unterschiedlichen Lebensentwürfen. Es soll Drama und Komödie in einem werden. Neben Dagmar Manzel werden Corinna Harfourch und Kirsten Block die Hauptrollen übernehmen. Drehbeginn ist März 2006.

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„Wer liebt, riskiert zu leiden – wer nicht liebt, leidet schon“. Die allein stehende Paketfahrerin Dora (Dagmar Manzel) lebt in einer Leipziger Plattenbausiedlung.
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