Mystify: Michael Hutchence (2019)

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Rockstars leben gefährlich. Richard Lowenstein blickt in seinem Dokumentarfilm auf einen auratischen Musiker, dessen Leben und Tod bis heute etwas Geheimnisvolles bewahrt hat.

Mystify: Michael Hutchence (2019)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Das Leben hinter der Schlagzeile

Als die Nachricht seines Todes 1997 um die Popwelt ging, erschien sie wie eine weitere tragische, aber längst zur Routine gewordene Randnotiz im Musikzirkus. Nach Hendrix, Joplin, Morrison, Cobain und so vielen anderen hatte anscheinend auch Michael Hutchence die Begleiterscheinungen eines Lebens im Rampenlicht nicht verkraftet. Hatte er den Namen seiner Band INXS allzu wörtlich genommen und alles im Übermaß genossen? Ein Dokumentarfilm wirft ein neues Licht auf die kurzen 37 Jahre des Frontmanns.

Dass für den 1960 geborenen Australier nur Platz in der ersten Reihe war, darüber sind sich seine ehemaligen Weggefährten einig. An den Instrumenten zu schlecht, aber mit einer einnehmenden Stimme und einem durchdringenden Blick gesegnet, hätte er früh Starqualitäten nachgewiesen. Als 17-Jähriger gründete Hutchence mit seinen Kumpels Andrew Farriss, Tim Farriss, Jon Farriss, Kirk Pengilly und Garry Gary Beers die Band The Farriss Brothers. Zwei Jahre später nannten sie sich INXS und starteten durch. Die Zeit bis zu ihrem internationalen Erfolg mit dem Album Kick (1987) bringt Regisseur Richard Lowenstein in nicht einmal 30 Minuten hinter sich. Nicht die einzige Stelle, an der er das nötige Gleichgewicht vermissen lässt.

Hutchence‘ Blick hat auch heute noch etwas Geheimnisvolles. Ob Zeitzeugen oder Nachgeborene – dieser Aura kann sich kaum einer entziehen. „Wenn er dich ansieht, ist es echt schwer, das zu ignorieren. Es zieht dich zu ihm – und Dinge aus dir heraus“, beschreibt Michelle Bennett, von 1982 bis 1987 Hutchence‘ Lebensgefährtin, dessen Ausstrahlung. Wie alle Interviewpartner dieses Dokumentarfilms kommt auch sie nur aus dem Off zu Wort. Lowenstein, der die Band gut kennt und diverse Musikvideos für sie gedreht hat, verzichtet komplett auf Talking Heads. Die Aussagen, bekanntes und zum Teil unveröffentlichtes Archivmaterial hat er zu einer temporeichen Collage montiert.

Die Form beeindruckt, der Inhalt enttäuscht. Hutchence‘ Persona nicht unähnlich, entwickelt auch der stete Bilder- und Gedankenstrom schnell einen Sog. Über den kreativen Prozess, darüber, wie der Frontmann seine Texte schrieb oder inwiefern er an den Kompositionen der Songs beteiligt war, erfahren wir wenig bis nichts. Obwohl sein Umfeld den Musiker als schüchternen Zweifler zeichnet, der als ernsthafter Künstler wahrgenommen und nicht nur fürs „Arschwackeln“ und als „Sex-Gott“ goutiert werden wollte, kommt die Kunst in diesem Film viel zu kurz.

Stattdessen konzentriert sich Lowenstein auf den Menschen. Doch auch hier herrscht ein Ungleichgewicht. Lowenstein räumt auf mit dem Bild des exzessiven Pop- und Rockstars. Er zeigt Hutchence als liebenden Sohn, Bruder und Vater und als häuslichen Partner, der seinen Freundinnen – darunter so berühmte wie Kylie Minogue, Helena Christensen und Paula Yates – selbst auf Welttournee treu war und sich mit Minogue süße Liebesfaxe rund um den Globus schrieb. Intime, berührende Momente. Er war ein Genussmensch, der Literatur und gutes Essen liebte. Umso schwerer wog der Verlust seines Geruchs- und Geschmackssinns – ein bis heute weithin unbekanntes Kapitel dieses kurzen Lebens –, der einen großen Teil zu Hutchence‘ Depressionen beigetragen haben dürfte. Den dürften aber auch Drogen gehabt haben, die selbst die als brav geltende Minogue im Film erwähnt. Gerade hier bohrt Lowenstein nicht tiefer.

Dafür blickt er beiläufig auf eine unschuldigere Zeit, vor der Totalüberwachung durch Kameras in jedem Mobiltelefon und vor dem Dauerbeschuss in den sozialen Netzwerken. An Hutchence‘ Seite reist Minogue unerkannt mit dem Orient Express nach Venedig oder turtelt Christensen unbehelligt durch Paris. Und die Fernsehmoderatorin Paula Yates, damals noch mit Bob Geldof verheiratet, rekelt sich in ihrer Sendung ungeniert vor laufenden Kameras mit Hutchence auf einem Bett, ohne den heute obligatorischen Shitstorm befürchten zu müssen.

Die britische Klatschpresse war freilich schon seinerzeit unerbittlich. Als es in Hutchence‘ Leben richtig bergab ging, beschwerte er sich bitterlich über die Berichterstattung. Er spricht von einer „Mobbing-Mentalität“ und Frauenfeindlichkeit. (Meghan Markle und Prinz Harry können dieser Tage ein Lied davon singen.) Und er äußert die Befürchtung, selbst irgendwann auf der Titelseite zu enden: „Den Leuten ist es egal, ob du dich umbringst. Sie freuen sich eher darüber. Das gibt eine gute Schlagzeile. Na ja, ich hoffe, ich werde keine Schlagzeile.“

Mystifiy zeichnet ein facettenreiches, weitaus differenzierteres Bild von Michael Hutchence und den Begleitumständen, die zu seinem Selbstmord führten, als das bislang der Fall war. In den entscheidenden Momenten vermag aber auch Richard Lowenstein nicht, hinter das Mysterium zu blicken. Am Ende ist Hutchence doch zu einer Schlagzeile geworden. Mystifiy zeigt, dass hinter jeder Schlagzeile ein Leben steckt.

Mystify: Michael Hutchence (2019)

Als Leadsinger der australischen Rockband INXS brachte es Michael Hutchence zu Weltruhm, verkaufte Millionen von Alben – bis zu seinem tragischen Tod mit gerade einmal 37 Jahren. Doch wer war der Mann mit der ausdrucksstarken Stimme, der in den 1980er und 90ern in den Charts und der Klatschpresse zu Hause war? Alte Weggefährten erinnern an einen Ausnahmekünstler voller Widersprüche, der abseits des Rampenlichts mit finsteren Seiten zu kämpfen hatte. Im Mittelpunkt des Porträts stehen dabei neben den musikalischen Höhenflügen gerade auch die Schattenseiten seines Ruhmes und die Exzesse, die ein solches Leben in der Öffentlichkeit oft mit sich bringt.

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