My Brother Tom

My Brother Tom

Eine Filmkritik von Simin Littschwager

Nothing hurts if you don’t let it

Der Wald ist gut, die Welt ist böse – zumindest aus der Perspektive von Jessica (Jenna Harrison) und Tom (Ben Whishaw), die sich zum ersten Mal begegnen, als der Außenseiter Tom, auf der Flucht vor einer Horde gleichaltriger Raufbolde, von einem brennenden Baum herunter springt und direkt vor Jessica wieder auf die Füße kommt. Am folgenden Tag versucht Tom, Jessica näher zu kommen, die zunächst abweisend auf den reichlich verschroben, um nicht zu sagen verhaltensgestört wirkenden Jungen reagiert. Doch Hartnäckigkeit siegt in diesem Fall, und so lässt sie sich von Tom dessen geheimen Platz an einem Waldsee zeigen. Was nun beginnt, ist eine sehr spezielle und nahezu magische Liebesgeschichte, denn neben all den typischen Ingredienzien einer Teenage-Love-Story – ein Sommer am See, geheime Botschaften von jugendlichen Außenseitern, die einander schwören lassen, „Für immer!“ und „Niemals!“ sagen und eine Höhle im Wald bauen – trägt jeder von ihnen eine schwere Last auf der Seele.
Jessica wird wenige Tage später von einem Lehrer und Freund der Familie vergewaltigt, Tom wird seit Jahren von seinem Vater sexuell missbraucht. Und während es dem völlig verstörten Mädchen in seiner Apathie nicht gelingt, sich jemandem – sei es die Familie, sei es der Gemeindepriester – anzuvertrauen, ist Tom der einzige, den sie in ihrem Schmerz an sich heran lässt. Ihrer beider Zuflucht ist der Wald, dort können sie sich die Kleider vom Leib reißen, lauthals los schreien um ihren Schmerz auszuleben und einer jugendlichen Wildheit nachgeben, die andere durch exzessive Partys und Drogenkonsum ausleben. Doch hinter dem Wald lauert stets die Welt – und darin gelten nicht nur die Regeln der Erwachsenen und herrschen die „coolen“ Anderen, darin folgt auf die Liebe auch der Verrat, und in dieser Welt nimmt das Drama des Erwachsenwerdens seinen Lauf.

„Nothing hurts if you don’t let it“ (Nichts verletzt dich, wenn du es nicht zulässt) – dies ist dem Film als Motto überschrieben und wird immer wieder von den beiden Protagonisten beschworen. Dass dieser magische Satz allerdings nur begrenzt gelten kann, kommt im Langfilmdebüt My Brother Tom des Dokumentarfilmers Dom Rotheroe mit zunehmender Deutlichkeit zum Vorschein. Da ist einerseits Jessica, die anfängt sich selbst zu verletzen, andererseits Toms latente Aggressivität, die er immer weniger unterdrücken kann. Ähnlich wie der von Jessica aufgepäppelte Igel, der sich trotz seiner Stacheln als verwundbar entpuppt, gleicht auch Tom einem verletzten Tier, um dessen Überlebenschancen es nicht eben zum Besten bestellt ist. Die gesellschaftlichen Instanzen Familie, Schule und Kirche versagen dabei als Helfer, denn sie beherrschen nur einen auf Bestrafung ausgerichteten erwachsenen Diskurs, anstatt nach dem „Warum?“ eines sozial auffälligen Verhaltens zu fragen und die Täter auch in den eigenen Reihen zu suchen.

Dass der Zuschauer so nahe an Jessicas und Toms (Gefühls-)Welt sein kann, liegt vor allem an dem Dogma-ähnlichen Stil des Films. Gedreht wurde Hi8 statt auf 35mm, was zwar an einigen Stellen die Bildqualität erheblich schmälert, jedoch eine wesentlich größere Spontaneität beim Dreh ermöglichte, wodurch es gelang, Momente größter Intimität einzufangen. Einen geeigneteren Kameramann als Robby Müller, der unter anderem bereits mit Wim Wenders, Jim Jarmusch und Lars von Trier gearbeitet hat, hätte sich Rotheroe dafür nicht wünschen können.

Die fesselnde Intensität dieses Films ist auch dem hervorragenden Spiel der beiden Hauptdarsteller zu verdanken, das eine mitunter sogartige Wirkung zu entfalten vermag. Während Jenna Harrisons Begabung erst kurz zuvor in einem Theaterworkshop entdeckt worden war und sie als Jessica in My Brother Tom ihr Leinwanddebüt gab, wurde mit Ben Whishaw der Part des Tom mit einem ausgebildeten Theaterschauspieler besetzt. Im Jahr 2000, als der Film gedreht wurde, war dieser noch weitgehend unbekannt, was sich nun, seit er die Hauptrolle in Tom Tykwers Verfilmung von Das Parfum gespielt hat, schlagartig geändert haben dürfte. Ob sich aber der aktuelle Ruhm positiv auf eine verspätete breitere Rezeption von My Brother Tom, der in den Jahren 2001 und 2002 etliche Preise (u.a. Publikumspreis beim Britspotting Festival Berlin 2002) gewann, auswirken wird, wäre zwar wünschenswert, allerdings in Anbetracht der jeweils anvisierten Zielgruppe leider zu bezweifeln.

Die Tatsache, dass auf der DVD lediglich eine englische Sprachfassung mit deutschen Untertiteln vorhanden ist, dürfte ebenfalls dazu beitragen, dass sich eher ein Nischenpublikum für dieses Coming-of-Age-Drama begeistern wird.

My Brother Tom

Der Wald ist gut, die Welt ist böse – zumindest aus der Perspektive von Jessica (Jenna Harrison) und Tom (Ben Whishaw).
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