Die Maske (2018)

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Durch einen Unfall und eine Gesichtstransplantation gerät das vergleichsweise ruhige Leben eines jungen Mannes in der polnischen Provinz aus dem Tritt. Er wird nun endgültig zum Außenseiter und bemüht sich verzweifelt, den vorherigen Status quo wieder herzustellen.

Die Maske (2018)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

In einem Dorf in Polen

Schon der Auftakt zu Malgorzata Szumowskas "Mug" lässt die Stoßrichtung des Films erahnen: Die Kamera fährt durch eine Scheibe über bewegungslose Gesichter, von denen man zunächst vermuten könnte, dass es sich dabei um Passagiere einer frühmorgendlichen Straßenbahn handelt. 

Dann allerdings springt die Kameras zurück und enthüllt den wahren Charakter der Szenerie: Ein Supermarkt lockt mit Sonderangeboten für Unterwäsche und Flat-Screen-Fernseher, die allerdings nur den Kunden zugute kommen, die bereit sind, sich beim Run auf die Ware bis auf die Unterwäsche auszuziehen. Und so spielen sich beim Öffnen sehr bizarre Szenen ab: Halbnackte Körper balgen sich um die TV-Geräte, gehen sich gegenseitig an die Wäsche und fügen einander allerlei Gemeinheiten zu, um sich die begehrten Schnäppchen zu sichern.

Einer der Glücklichen, der im Kampf um die Fernseher obsiegt, ist Jacek (Mateusz Kosciukiewicz), den wir zu Heavy Metal Klängen in seinem kleinen roten Polski Fiat durch die Gegend rasen sehen. Er ist so etwas wie der Freak und der Außenseiter des kleinen Dorfes, in dem er mit seiner Familie lebt. Eigentlich will er nur weg von hier, am liebsten nach London, doch dafür fehlt ihm das Geld. Und außerdem gibt es auch noch seine Verlobte Dagmara (Malgorzata Gorol) - sie und seine Schwester (Agnieszka Podsiadlik) sind die einzigen, die daran glauben, dass sich hinter seiner rauen Schale ein guter Kern versteckt.

Und dann geschieht das Unglück: Beim Bau einer gigantischen Christus-Statue, die das Monument in Rio de Janeiro buchstäblich von der Größe her in den Schatten stehen soll, verunglückt Jacek und verletzt sich so schwer im Gesicht, dass er der erste Patient in Polen ist, der eine Gesichtstransplantation erhält. Die macht ihn zwar zu einer nationalen Berühmtheit, manifestiert aber seinen Status als Freak und bringt schließlich Dagmara dazu, sich von ihm zu trennen, indem sie einfach aus seinem Leben verschwindet - oder dies zumindest versucht. Denn Jacek setzt alles daran, die vorherige Normalität wiederherzustellen, bis ihn die Verzweiflung zu einem Schritt treibt, der eh schon überfällig war.

Mug basiert auf zwei realen, ursprünglich nicht miteinander in Verbindung stehenden Ereignissen - dem Bau der Christus-Statue im westpolnischen Swiebodzin und der ersten Gesichtstransplantation im Krankenhaus von Gliwice -, die das Drehbuch zusammenführt und zu einer Geschichte über Außenseitertum und das Leben in der rückständigen und zutiefst vom Katholizismus geprägten Provinz verdichtet. Immer wieder führt Szumowska dabei all das vor, was sie selbst an ihrer Heimat bemängelt: die ans Abergläubische grenzende Religiosität, die schließlich in einem überaus komischen Exorzismus Jaceks gipfelt, die Heuchelei (gut zu sehen in der Beichtszene zwischen dem Priester und Dagmara, bei der dieser lüstern nach Details der sexuellen Praktiken der jungen Frau fragt), die Intoleranz und Beschränktheit der einfachen Leute, die die Augen vor allem verschließen, was ihnen fremd und widernatürlich vorkommt. Immer wieder kommt es dabei zu Szenen voller bitterer Komik und schwarzem Humor, wenn etwa Jaceks Großmutter den Leichnam ihres gerade verstorbenen Mannes mit einer Fliegenklatsche bewacht und allzu aufdringliches Getier mit einem kurzen und präzisen Schlag ins Jenseits befördert.

Allerdings gerät dadurch die eigentliche Hauptperson aus dem Blickfeld: Trotz des harten Schicksals, das Jacek erlitten hat, kümmert sich der Film erschreckend wenig um seine ureigensten Gefühle, sondern konzentriert sich vor allem auf die Emotionen, die der Außenseiter bei seiner Umwelt hervorruft. Dies mag zwar durchaus im Sinne der Geschichte sein, die auf die Ohnmacht von Menschen wie Jacek in einem dörflichen Mikrokosmos verweist. Dennoch kann man sich des Gefühls nicht erwehren, dass Malgorzata Szumowska ihre Hauptperson vor allem als Vehikel benutzt, um eigentlich von etwas ganz anderem zu erzählen. Das ist bei aller Komik und aller berechtigen Kritik am polnischen Konservatismus ein Zug, mit dem man sich als Zuschauer nicht so recht anfreunden mag.

Die Maske (2018)

Ein Mann unterzieht sich einer Gesichtsoperation und muss in der Folge des Eingriffs mit tiefgreifenden Fragen seiner eigenen Identität auseinandersetzen.

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