Mozarts Requiem mit den Fingern gelesen

Mozarts Requiem mit den Fingern gelesen

Eine Filmkritik von Jean Lüdeke

Eine Filmpartitur

„Der Film hat Mittel, Dinge sehr real darzustellen, überhaupt Dinge sichtbar zu machen, was im Theater oder auch im Roman so nicht möglich ist. Aber sobald ich schneide, muß der Zuschauer Bilder überbrücken, also eine gedankliche Verbindung herstellen. Mit diesen Verbindungen arbeitet der Film von Natur aus, weil der Eindruck von Bewegung erst durch die schnelle Abfolge stehender Bilder entsteht. Film ist also von Anfang an ein Medium, das mit Täuschung arbeitet, mit einem Fehler des Auges. Aber aus diesem Fehler heraus hat man etwas gemacht…“ (Hans Jürgen Syberberg)
Keine Frage, der mittlerweile 71jährige Hans-Jürgen Syberberg gehört zu den wohl kontroversesten Regisseure des Neuen Deutschen Kinos. Filme wie Ludwig oder Hitler sieht der promovierte Filmemacher als harte Auseinandersetzung mit der deutschen Tradition. Und nicht nur das: Für ihn stellt Film grundsätzlich eine vitale Passion dar, eine Art „Gesamtkunstwerk“. Und dementsprechend ist sein filmisches Werk vor allem gekennzeichnet durch die Fusion zweier ursprünglich entgegen gesetzter Pole der deutschen Kulturgeschichte: des Rationalismus des 18. Jahrhunderts und des Mystizismus des 19. Jahrhunderts. Klar, dass auch Mozart mehr als nur eine Herausforderung ist: In Mozart – Requiem mit dem Finger gelesen bleibt ihm eine sehr anspruchsvolle und intellektuelle Spielwiese vorbehalten.

Diese Aufnahme von Mozarts Requiem mit dem Finger gelesen gehört zu 31 Filmen die für den Raum „Höhle der Erinnerung / Cave of Memory“ der documenta X (1997) gemacht wurden. Und dort war diese Aufnahme wieder der Film einer Gruppe von 6 Filmen zum Requiem, die man synchron hören und sehen konnte. Diese eine Aufnahme zeigt die letzte Partitur Mozarts im Original in ihrem unvollkommenen Zustand mit einigen Ergänzungen von anderer Hand. Die Tonaufnahme, die gewählt wurde, entstand in der Nähe Salzburgs in einem Kloster. Sie bemüht sich um eine originalgetreue, karge Chor- und Instrumental-Besetzung. Viele Varianten versuchten seit der durch den Tod abgebrochenen Entstehung das Fehlende zu ergänzen, mit immer anderen Auslegungen. Auch diese Toninterpretation ergänzt teilweise und überzeugend aus anderen Partituren Mozarts, aber immer dort, wo die Noten in der Originalhandschrift fehlen, wird hier schwarz eingesetzt.

Diese filmische Partitur aus Kunst, Geschichte, Politik und Gesellschaft darf nun auf der gleichnamigen DVD der Berliner Filmgalerie 451 bestaunt werden, und zwar mehrmals, denn wer war schon auf der documenta: Und wer würde diese hochgeistige Musik-Melange mit dem – im wahrsten Sinne des Wortes – „einmaligen“ Sehen schon verstehen?

Mozarts Requiem mit den Fingern gelesen

Der Film hat Mittel, Dinge sehr real darzustellen, überhaupt Dinge sichtbar zu machen, was im Theater oder auch im Roman so nicht möglich ist.
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