Moritz, lieber Moritz

Moritz, lieber Moritz

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Zentenerlasten auf jugendlicher Seele

Dass dieser Moritz (Michael Kebschull), der zu Beginn des Films von einem Baum im Garten der Luxusvilla aus durch ein Fenster auf seinen verstorbenen, aufgebahrten Großvater blickt, gerade verdammt harte Zeiten durchmacht, ist allzu offensichtlich. Seine geliebte Großmutter (Grete Mosheim) wird in ein Altenheim eingewiesen, sein Vater (Walter Klosterfelde) hat das Familienunternehmen gerade gegen die Wand gefahren, seiner Mutter (Kyra Mladeck) kann er so gar nichts recht machen und in der Schule häufen sich die Schwierigkeiten. Da ist es nicht leicht, fünfzehn zu sein und mit den erwachenden Erregungen und Verwirrungen dieses Alters zurechtzukommen, schon gar nicht, wenn man wie Moritz dazu neigt, aus seinem Herzen eine Mördergrube zu machen.
Wenn der deutsche Schauspieler und Filmemacher Hark Bohm eine Geschichte innerhalb der Erlebniswelten junger Leute ansiedelt, zeichnet sich diese vor allem durch Authentizität, Realitätsnähe und einen so respektablen wie sensiblen Umgang mit den jugendlichen Charakteren aus. Das trifft auch auf das Coming-of-Age Drama Moritz, lieber Moritz zu, das im Rahmen des Wettbewerbs der Berlinale 1978 uraufgeführt wurde und dort eine lobende Erwähnung erhielt.

Während Moritz in der Schule mit Klassenkameraden und dem Mathelehrer gleichermaßen aneinandergerät und sich in seiner Freizeit kräftig bemüht, die hübsche Barbara (Kerstin Wehlmann) kennen zu lernen, herrscht um ihn herum ein Szenario des Verfalls: Die Familienvilla steht zum Verkauf, das wertvolle Hab und Gut der Familie wird gepfändet und seine zunehmend unbewegliche Großmutter, die er im Altenheim als einziger der Familie regelmäßig besucht, bittet ihn inbrünstig um eine Rolle Schlaftabletten, um ihr als unwürdig empfundenes Dasein zu beenden. Diese Zentnerlasten liegen Moritz auf der Seele, der seine ohnmächtige Wut überwiegend in drastische Rache-Phantasien kanalisiert. Eines Tages allerdings entlädt er seine Aggressionen an der verhassten Katze seiner Mutter, die er ohnehin gern mit Angriffen aus seiner Schleuder attackiert hat, als diese sich an der zahmen Ratte vergeht, die Moritz heimlich hält. Auf grausame Weise tötet er das Tier, um es anschließend einer Trophäe gleich im Garten aufzuhängen, zum Entsetzen seiner in Zorn erbebten Mutter, die ihm den Kadaver um die Ohren schlägt.

Zur Zeit der ausklingenden 1970er Jahre in Hamburg verortet gelingt es Moritz, lieber Moritz auf unpathetische Art und Weise, die schwelenden Ambivalenzen und überfordernden Verantwortlichkeiten eines innerlich vereinsamten Heranwachsenden zu skizzieren, der sich innerhalb seines Zuhauses oftmals wie ein feindlicher Spion bewegt, der seine kleinen Heimlichkeiten als Zeichen seines Widerstands gegen die großbürgerliche Fassade seiner Familie kultiviert.

Die Lichtblicke in Moritz’ Leben bestehen aus Linsereien durch Türschlösser, bei denen er die Sicht auf seine lustvoll-nackte Tante erhascht, sowie aus zarten Flirtereien mit Barbara, die sich allmählich von ihm erobern lässt. Bei einem seiner nicht seltenen Stürze mit dem Fahrrad macht Moritz die Bekanntschaft von Uwe (Uwe Enkelmann) und seiner Band, die er bald mit seinem Saxophon begleitet. Auch hier gibt es zunächst Konflikte, doch als es bei einem Auftritt zu einer Schlägerei mit Moritz’ Klassenkameraden kommt, wird deutlich, dass der Junge nunmehr einen Platz gefunden hat, der zwar nicht das Paradies ist, aber immerhin die Perspektive einer Zugehörigkeit andeutet, die ihn sein lässt, wie er nun mal ist.

Nach Nordsee ist Mordsee von 1976 ist es Hark Bohm mit Moritz, lieber Moritz erneut gelungen, ein einfühlsames Jugenddrama unter Beteiligung seiner Söhne Uwe Enkelmann und Dschingis Bowakow zu inszenieren, deren ganz hervorragendes Schauspieltalent ebenso wie das von Michael Kebschull als Moritz diese Filme zu bewegenden, nach wie vor absolut sehenswerten Kostbarkeiten werden lässt, deren kruder Charme neben der exzellenten Darstellung von einschlägigen Konflikten auch den Zauber dessen einzufangen versteht, was die Zeit zwischen Kindheit und Erwachsensein auszeichnet.

Moritz, lieber Moritz

Dass dieser Moritz (Michael Kebschull), der zu Beginn des Films von einem Baum im Garten der Luxusvilla aus durch ein Fenster auf seinen verstorbenen, aufgebahrten Großvater blickt, gerade verdammt harte Zeiten durchmacht, ist allzu offensichtlich.
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