Mommy Is Coming

Mommy Is Coming

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Kreuz und queer

Die Genre-Hybridisierung treibt weiterhin bunte Blüten: Nach Vampir-Coming-of-age-Dramoletten, Splatter-Komödien oder sonstigen waghalsigen Konstrukten nun also ein queeres Berliner Porno-Märchen, das zugleich Szene-Portrait des sexuellen Underground in Berlin sein will und/oder eine kinky Gender-Screwball-Comedy modernen Zuschnitts. Cheryl Dunyes Mommy Is Coming, der vor kurzem erst bei der 62. Berlinale zu sehen war, verquirlt all diese Zutaten zu einen Mix, der zwischen geil, explizit, banal, spaßig und zumindest am Ende auch ein wenig gesellschaftlich engagiert, höchst gegensätzliche Facetten unter einen Hut bringen will.
Wenn Eltern ihren Besuch bei ihren mittlerweile erwachsen gewordenen Kindern ankündigen, ist dies (nicht nur im Film, sondern auch im realen Leben) selten die helle und ungetrübte Freude (umgekehrt übrigens auch nicht). Das gilt auch für Dylan (Lil Harlow), die seit einigen Monaten in Berlin lebt und ihre (durchaus auch sexuelle) Freiheit genießt. Ungeoutet gegenüber ihren Eltern (Maggie Tapert und Wieland Speck), holt Dylan nun gemeinsam mit ihrer neuen Flamme Claudia (Papí Coxxx) alles nach, was sie bisher versäumt zu haben glaubt – was Sex im Taxi zum Erstaunen des Chauffeurs durchaus mit einschließt.

Dann aber ist Schluss mit lustig bzw. lüstern, was nicht nur an Mamis Anruf liegt, sondern auch daran, dass Dylan und Claudia etwas andere Vorstellungen darüber haben, wie es in ihrer noch frischen Beziehung weitergehen soll. Während Dylan vor allem neue Sexualpraktiken ausprobieren möchte, sehnt sich Claudia nach Beständigkeit und Romantik. Und so trennen sich vorerst die Wege der beiden, um am Ende doch wieder zueinander zu finden: Während Claudia (zwischendrin mit angeklebtem Schnauzer) just über Dylans Mutter stolpert, die sie für einen höchst attraktiven Kerl hält und sich dementsprechend forsch an sie/ihn heranmacht, frönt das Töchterlein neuen Spielarten der Liebe, die sie (ebenso wie kurz zuvor Claudia) in einen SM-Sexclub führen.

Wären da nicht die äußerst expliziten Sexszenen (inklusive einem beachtlich freizügigen Auftritt der feministischen Aktivistin und Sexpertin Maggie Tapert, die immerhin schon 64 Jahre alt ist), wäre Mommy Is Coming wohl vor allem eine Verwechslungsklamotte, wie man sie vornehmlich aus den 1950er und 1960er Jahren aus deutschen oder österreichischen Landen kennt. "Lustspiel" nannte sich so etwas früher gerne und es scheint, als hätten Dunye und ihre Mitstreiter dabei lediglich den Wortbestandteil "Lust" neu definiert, sonst aber alles beim Alten gelassen.

Sieht man einmal von der schlussendlichen Paarung ab, die dem Titel eine reichlich zotige (und inzestuöse) Doppeldeutigkeit verleiht, scheitern die wie Fremdkörper im Film installierten authentischen Statements verschiedener Beteiligter in ihren politischen Intentionen ebenso wie der Unterhaltungswert des Low-Budget-Trash, der einzig in den Sexszenen souverän umgesetzt erscheint. Viel zu gekünstelt wirken die Dialoge, viel zu bemüht die Verwicklungen des Drehbuchs, das sich offensichtlich für 68 kurze Minuten zu viel zugemutet hat, um mehr als nur ein Patchwork zu sein, das jenseits des Abfeierns der eigenen sexuellen Individualität überzeugt.

Immerhin aber wirft der Film zumindest eine Frage auf, über deren Beantwortung man auch lange nach dem Film noch grübelt: Kann man vom Gebrauch von Dildos eigentlich auch schwanger werden? Oder warum sonst ist der in aller Ausführlichkeit gezeigte Verkehr mit den Strap-ons ausschließlich safe? Und daran anschließend im Bezug auf die erste wilde Sexszene im Taxi: Schützen Kondome über Pistolen eigentlich auch vor Schussverletzungen? Das wäre dann vielleicht mal ne Maßnahme für manchen über Gebühr bleihaltigen Actionstreifen...

Mommy Is Coming

Die Genre-Hybridisierung treibt weiterhin bunte Blüten: Nach Vampir-Coming-of-age-Dramoletten, Splatter-Komödien oder sonstigen waghalsigen Konstrukten nun also ein queeres Berliner Porno-Märchen, das zugleich Szene-Portrait des sexuellen Underground in Berlin sein will und/oder eine kinky Gender-Screwball-Comedy modernen Zuschnitts.
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