Mit Mistgabel und Federboa – Farmer John

Mit Mistgabel und Federboa – Farmer John

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Lang lebe der ökologische Landbau!

Der Mittlere Westen der USA ist ein ganz besonderer Landstrich, in dem neben unendlichen Getreidefeldern erstaunlicherweise auch manch schrilles Pflänzlein gedeiht. Denn die Menschen in dieser Region der USA gelten als fleißig, bodenständig, konservativ und weitgehend harmlos, Extravaganzen sind hier abseits der Metropolen an der Ost- und Westküste eher selten zu finden, die Neurosen blühen vielmehr im Verborgenen – wenn überhaupt. Man kennt sich untereinander, hilft sich gegenseitig und ist zumeist vollauf damit ausgefüllt, dem Ruf als Kornkammer der USA gerecht zu werden. John Peterson, der in Caledonia im US-Bundesstaat Illinois, in der Nähe von Chicago einen Hof namens "Angelic Farms" betriebt, ist auf den ersten Blick einer der typischen Vertreter der Farmer des Mittleren Westen, doch bei genauerem Hinsehen wird schnell klar, warum ausgerechnet dieser Landwirt als Hauptperson für eine Dokumentation der anderen Art taugt. Denn Farmer John liebt die Federboa genauso wie die Mistgabel, Glamour und Dreck gehen in seinem Leben eine ganz besondere Verbindung ein. Er ist Landwirt und ein Künstler der besonderen Art, der am liebsten in schrägen Fummeln herumläuft und ausgefallene Performances oder Videos inszeniert, die in einer Metropole wie San Francisco ihren Platz finden würden, die im beschaulichen Caledonia allerdings so deplatziert wirken wie ein Kartoffelkäfer auf einer Hightech-Messe.

Und so wird schnell klar, dass es ein Mann vom Schlage John Petersons nicht gerade leicht hat in seinem Umfeld. Im Ort munkelt man von dunklen Riten und abartigen Sexualpraktiken auf der Farm und Drogen aus garantiert biologischem Anbau, und wenn gar nichts mehr hilft, dann ist John für seine lieben Nachbarn eben einfach ein „Homo“ – allen Freundinnen zum Trotz. Die wahre Geschichte des Farmers John hingegen ist viel schlichter und einfacher. Und sie konnte nur deshalb entstehen, weil der Regisseur Taggart Siegel den Farmer John bereits seit vielen Jahren kennt und weil Johns mittlerweile verstorbene Mutter Anna die Geschicke der Farm seit den fünfziger Jahre auf Film festhielt und so Einblicke in die Wechselfälle des Lebens als Landwirt vermitteln konnte. Es ist die Geschichte von Aufstieg und Niedergang, Enthusiasmus, Idealismus und Enttäuschung, von Solidarität und Misstrauen, vom Leben in Einklang mit der Natur und von exzentrischen Neigungen, die Siegel hier mit eindrucksvollen, aber niemals aufdringlichen Bildern und Interviews festhält. Da spricht Farmer John über seine Hippie-Seele, testet den Boden mittels einer Geschmacksprobe und lässt sich dabei filmen, wie er im schrillen Fummel auf seinem Traktor über die Felder fährt. Filmaufnahmen aus den Fünfzigern und Sechzigern zeigen den bäuerlichen Alltag und scheinen beinahe aus einer anderen Welt zu stammen, da bekennen die Nachbarn freimütig, dass ihnen der schräge Vogel von nebenan nicht ganz geheuer ist und führen brav zur Illustration alle Gerüchte auf, die sich um Farmer John ranken. In einigen Momenten kommt man nicht umhin zu bemerken, wie nah sich der Regisseur und sein Freund sind, denn mitunter wirkt das Ganze beinahe wie ein überdimensionaler Werbespot für "Angelic Organics", zum Glück aber kriegt Taggart Siegel immer wieder die Kurve und versteht es, seinen Film ebenso amüsant wie persönlich zu halten.

Schön früh verschrieb sich John Peterson – beeinflusst durch seine Hippie-Freunde vom Beloit-College – dem ökologischen Landbau und scheiterte im ersten Anlauf damit. Doch er gab nicht auf und wagte noch einmal den Neuanfang, und mit dem erwachenden Gesundheitsbewusstsein der Neunziger kam schließlich der wachsende, aber immer noch bescheidene Erfolg. Heute scheinen die immerwährenden Krisen endgültig der Vergangenheit anzugehören, Angelic Organics gehört zu den größten Direkterzeuger-Höfen der USA und ist Mitglied im Verbund "Community Supported Agriculture" (CSA). Doch selbst der Erfolg von Farmer John kann es nicht verhindern, dass der schrille Bauer auch weiterhin von seinen Nachbarn misstrauisch beäugt wird. Er ist und bleibt eben eine Reizfigur, ein sympathischer und harmloser Freak mit einer bewegenden Geschichte…
 

Mit Mistgabel und Federboa – Farmer John

Der Mittlere Westen der USA ist ein ganz besonderer Landstrich, in dem neben unendlichen Getreidefeldern erstaunlicherweise auch manch schrilles Pflänzlein gedeiht.

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Meinungen
Andreas Kloiber · 29.09.2007

Prima Klima macht dies!

So erfrischend wünsche ich mir auch bei uns die Bauern, die Gemüsehändler (Amelie...) und die Konsumenten.

Leider nur kurz gezeigt, wir dieser Film ein langes Leben in den Kunst-Archiven und Biohof-Videosammlungen haben.

How.

Kommentare

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