Mistress America

Mistress America

Eine Filmkritik von Sonja Hartl

Brooke Ha

Das College und Leben in New York hat sich Tracy (Lola Kirke) anders vorgestellt: Statt Aufregung und Veränderung fühlt sie sich einsam – so als wäre sie ständig auf einer Party, auf der sie niemanden kennt. Deshalb freut sie sich, dass sie mit Tony (Matthew Shear) einen Gleichgesinnten trifft, doch dann findet er in Nicolette (Jasmine Cephas Jones) eine andere Freundin. Als Tracy also wieder alleine in einem Restaurant sitzt, rafft sie sich auf und ruft ihre zukünftige Stiefschwester Brooke (Greta Gerwig) an, deren Vater bald ihre Mutter (Kathryn Erbe) heiraten wird und die ebenfalls in New York lebt. Auf Anhieb ist sie von der stürmischen 30-Jährigen begeistert: Brooke arbeitet als Spinning-Trainerin und Nachhilfelehrerin, träumt von einem Restaurant namens Mom's, in dem nicht ein Teller einem anderen gleicht, wohnt in einem Loft, das eigentlich gewerblich genutzt werden sollte, kennt viele Leute und ist einzigartig. Mit ihr zieht Tracy durch die Gegend und erlebt etwas, es macht – wie sie selbst im Off erwähnt – einfach Spaß, mit Brooke zusammen zu sein, weil sich dann alles nach New York anfühlt.
In Mistress America erzählt Noah Baumbach abermals von kreativen Menschen in New York, die ihren Platz im Leben suchen. Dabei ist Greta Gerwig nach Frances Ha wieder als stürmische, idealistische junge Frau zu sehen, deren Charme kaum jemand widerstehen kann. Allerdings ist sie – anders als Frances – erwachsener und im Inneren auch reifer. An Gerwigs Seite ist Lola Kirke (Gone Girl) nicht weniger hinreißend. Deshalb macht es Spaß, diesen beiden Figuren bei ihren Streifzügen durch New York zuzusehen und ihre Dialogen zuzuhören.

Jedoch ist auch offensichtlich, dass es ihnen nicht um einen Austausch geht, sondern sie wollen den jeweils besseren Satz liefern – sie wollen (ebenso wie das Drehbuch) clever und witzig sein. Dabei ergänzen sich die Figuren Brooke und Tracy sowohl in ihrer inhaltlichen als auch erzählerischen Funktion: Brooke ist der Drehpunkt des Films, in ihr spiegeln sich die anderen Figuren, sie verbindet die Träume und Sehnsüchte der anderen, indem sie sie auf Brooke projizieren. Tracy liefert hingegen den Rahmen dieses Films und fungiert als Erzählerin dieser Geschichte, die sie immer wieder durch Kommentare aus dem Off ergänzt. Zudem schreibt Tracy im Film eine Geschichte mit dem Titel Mistress America, deren Hauptfigur Brooke sehr ähnlich ist. Dadurch thematisiert Noah Baumbachs Film auch das Verhältnis zwischen Künstler und Inspirationsquelle – und erinnert hier teilweise an The End of the Tour. Darüber hinaus ermöglicht diese Erzählweise eine große Ökonomie, in der Noah Baumbach u. a. eine Einstellung von dem mit Nicolette Händchen haltenden Tony ausreicht, um das Ende von Tracys Hoffnungen auf eine Freundschaft auszudrücken.

In der fiktiven Geschichte schreibt Tracy, dass sich die Träume ihrer Hauptfigur nie erfüllen werden und auch Mistress America macht sehr deutlich, dass ein liberales, kreatives Leben von spießigeren Zeitgenossen zwar beneidet wird, sie aber letztlich niemals die Konsequenzen tragen würden: Es ist ein Traum, den man gerne glauben möchte, der sich aber nicht realisieren wird. Doch dass unterscheidet Brooke von den Menschen um sie herum, dass begründet ihre Faszination: Sie will diesen Traum leben, sich aber – und auch damit unterscheidet sich Brooke von Frances – zugleich auch niederlassen. Es bleibt abzuwarten, in welche Richtung das Leben dieser kreativen Frauen weiter gehen wird. Vermutlich haben Noah Baumbach und Greta Gerwig bereits eine Ahnung.

Mistress America

Das College und Leben in New York hat sich Tracy (Lola Kirke) anders vorgestellt: Statt Aufregung und Veränderung fühlt sie sich einsam – so als wäre sie ständig auf einer Party, auf der sie niemanden kennt. Deshalb freut sie sich, dass sie mit Tony (Matthew Shear) einen Gleichgesinnten trifft, doch dann findet er in Nicolette (Jasmine Cephas Jones) eine andere Freundin.
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