Missverstanden

Missverstanden

Eine Filmkritik von Falk Straub

Sie küssten und sie schlugen sie

Außenseiter haben es Asia Argento angetan. Vielleicht, weil sie als Jugendliche selbst einer war? Diesen Schluss legt zumindest Missverstanden nahe. Der Zuschauer sollte der Regisseurin jedoch nicht zu schnell auf den Leim gehen.
Rom, 1984: Aria (Giulia Salerno) steht verloren auf der Straße. Das Gepäck unter, ihre zugelaufene Katze auf dem Arm. Zwei Streuner ohne Halt und Orientierung. Ein Bild, das sich einprägt. Es taucht mehrmals in Missverstanden auf. Aria ist erst neun. Als sich ihre Eltern scheiden lassen, will weder ihr Vater, der Schauspieler Guido Bernadotte (Gabriel Garko), noch ihre Mutter, die Pianistin Yvonne Casella (Charlotte Gainsbourg), etwas von dem Mädchen wissen. An erster Stelle stehen die Karrieren, dann ihre Kinder aus früheren Ehen (Anna Lou Castoldi, Carolina Poccioni). Für Aria bleibt da kein Platz.

Gabriel Garko und Charlotte Gainsbourg geben die Eltern mit viel Verve. Während Gainsbourg als überforderte Mutter zwischen Ego-Trip und Sinnsuche überzeugt, schlittert Garkos Schauspiel am Rande der Glaubwürdigkeit entlang. Sein ohnehin stark überzeichneter Charakter voller Neurosen und Aberglauben gerät häufig zur Karikatur. Giulia Salerno kauft der Zuschauer hingegen alles ab. Für ihre Darbietung eines Mädchens, das im Machtkampf zweier Egomanen untergeht, wird sie in Erinnerung bleiben.

In lose verknüpften Episoden erzählt Missverstanden aus dem Leben einer Neunjährigen Mitte der 1980er. Für Regisseurin Asia Argento ist es eine bunte Zeit. Die expressiven Farben, in die sie ihren Film taucht, künden davon. Für Argentos Protagonistin ist es vor allem eine wilde Zeit: erste Zigaretten, erster Alkohol und erster Liebeskummer in der Schule, permanentes Chaos Zuhause. Dort wird geflucht, beschimpft, erniedrigt und Hand angelegt. Nur eines nicht: geliebt. Dabei will Aria nichts anderes. Aus Mangel an Alternativen erdrückt sie ihre Katze mit all ihrer Zuneigung.

Den Vergleich mit der eigenen Biografie muss sich Regisseurin Asia Argento gefallen lassen. Die Überschneidungen sind zu offensichtlich. Da ist zunächst der Inhalt: Asia Argento ist 1975 in Rom geboren. 1984 war auch sie neun Jahre alt. Wie ihre Protagonistin in Missverstanden stammt die Filmemacherin aus einer Künstlerfamilie. Ihr Vater Dario ist Regisseur, die Mutter Daria Schauspielerin. Auch Asia ist ein Scheidungskind. Mit 14 Jahren riss sie von zu Hause aus. Dann wären da die Namen: Da die Behörden nach Argentos Geburt "Asia" nicht als offiziellen Vornamen akzeptierten, trugen sie "Aria" ein. Ihr Vater Dario drehte unter dem Pseudonym (Sirio) Bernadotte. Und auch Yvonne Casella ist keine Unbekannte. Auf den Namen, den in Missverstanden Arias Mutter trägt, hörte Asia Argentos Urgroßmutter mütterlicherseits. Verheiratet war sie mit dem Komponisten Alfredo Casella, von dem einige Klavierstücke im Film zu hören sind.

Und dennoch sollte der Zuschauer der Regisseurin nicht so einfach auf den Leim gehen. Asia Argento spielt geschickt mit dem Wissen um die Film- und um ihre eigene Familiengeschichte, die wiederum selbst Teil der Filmgeschichte ist. Im Leben der neunjährigen Aria vermischt die Regisseurin verschiedene reale und fiktive Biografien. Arias Vater Guido Bernadotte ist ebenso eine Reflexion Dario Argentos wie eine Hommage an Helmut Berger und Dirk Bogarde, deren Rollen bei Tinto Brass und Liliana Cavani in einer alten Rolle Guido Bernadottes in Missverstanden ihren Widerhall finden. Die Protagonistin selbst ist eine filmische Wiedergängerin geprügelter Kinder von Francois Truffauts Antoine Doinel (Jean-Pierre Léaud) bis zu Sergio Comencinis Andrew Duncombe (Stefano Colagrande) aus dessen Film Incompreso.

Mit Missverstanden ist Asia Argento ein berührendes Porträt einer Verlorenen gelungen, das geschickt mit Bezügen zur ihrem eigenen Leben und zur Filmgeschichte spielt.

Missverstanden

Außenseiter haben es Asia Argento angetan. Vielleicht, weil sie als Jugendliche selbst einer war? Diesen Schluss legt zumindest "Missverstanden" nahe. Der Zuschauer sollte der Regisseurin jedoch nicht zu schnell auf den Leim gehen.
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