Miele

Miele

Eine Filmkritik von Wolfgang Nierlin

Atemnot

Nur undeutlich und schemenhaft zeichnen sich die Figuren hinter dem dicken Türglas ab. Dann verlässt eine junge Frau von burschikoser Schönheit den Raum mit den gedämpften Stimmen und setzt sich ihre Kopfhörer auf, als wolle sie für sich sein und sich abschirmen vor dem Leid der Welt. Einen Schnitt weiter ist die Musik im On, bevor Irene (Jasmine Trinca) ins Meer eintaucht und die Außengeräusche wieder verstummen. Die Freiheit des Augenblicks und eine gleichzeitige existentielle Einsamkeit liegen in diesen Bildern, für die der Wechsel von innen und außen, on und off konstitutiv ist. Immer wieder sehen wir Irene getrennt und isoliert durch Scheiben oder gefangen in ihrem Spiegelbild; immer wieder auch ist ihre subjektive Perspektive eingeengt oder verstellt. Und immer öfter wird Irene von Atemnot überfallen, denn sie leidet unter heftigen Gewissenskonflikten: Aus Überzeugung hilft sie todkranken Menschen beim Sterben.
Die italienische Schauspielerin Valeria Golino hat für ihr beeindruckendes Regiedebüt Miele (Honig) — nach einem Roman von Mauro Covacich (A nome tuo) — zusammen mit dem hervorragenden ungarischen Bildgestalter Gergely Pohárnok ein höchst ambitioniertes visuelles Konzept erarbeitet. Angesiedelt an anonymen Transitorten wie Bahnhöfen und Flughäfen oder im schwer zu identifizierenden Wechsel zwischen den Städten Rom und Padua, erfährt die Protagonistin eine zunehmende Isolation. Die Desorientierung, befördert durch harte Schnitte und abrupte Schauplatzwechsel, ist das Prinzip dieser fragmentierten Erzählweise, die permanent zwischen Nähe und Distanz changiert, sich dabei der allzu deutlichen Ausformulierung verweigert und ebenso poetische wie irritierende Kontraste in der Gegenüberstellung von Schönheit und Tod setzt. Immer wieder durchqueren Flugzeuge die Bilder an ihren oberen Rändern und verheißen nurmehr eine sehr ambivalente Freiheit: Unter dem Decknamen „Miele“ fliegt Irene in regelmäßigen Abständen nach Mexiko, um dort illegal ein tödliches Barbiturat zu besorgen.

Auch wenn Valeria Golino in einigen bewegenden, diskret inszenierten Szenen die unlösbaren Konflikte und schwerwiegenden Entscheidungen zwischen den Todgeweihten, ihren Angehörigen und der illegalen Sterbehelferin thematisiert, handelt ihr Film doch vor allem von den seelischen Nöten einer jungen Frau, die sich in ihrem Doppelleben zu verlieren droht. Die gegensätzlichen Welten, in denen sich Irene bewegt, lassen sich immer schwerer miteinander verbinden. In der Beziehung zu einem verheirateten Mann beginnt es zu kriseln; in ihrem „Job“ wird sie unvorsichtiger.

Als sich schließlich einer ihrer „Klienten“, der pensionierte wohlhabende Ingenieur Carlo Grimaldi (Carlo Cecchi) aus purem Lebensüberdruss umbringen will, verstößt das gegen Irenes ethische Prinzipien. Nicht zuletzt hat ihr Engagement auch einen schmerzlichen familiären Hintergrund. Im Versuch, den Lebensmüden von seinem tödlichen Vorhaben abzubringen, durchbrechen beide für kurze Zeit ihre Isolation und beginnen im Licht einer aufscheinenden Freundschaft freier zu atmen. „Alle wollen leben“, fasst Irene einmal ihre Beobachtungen in Augenblicken des Ärgsten zusammen. Und doch wird dieses Wollen immer wieder von unauslöschlichem Leid gebrochen.

Miele

Nur undeutlich und schemenhaft zeichnen sich die Figuren hinter dem dicken Türglas ab. Dann verlässt eine junge Frau von burschikoser Schönheit den Raum mit den gedämpften Stimmen und setzt sich ihre Kopfhörer auf, als wolle sie für sich sein und sich abschirmen vor dem Leid der Welt. Einen Schnitt weiter ist die Musik im On, bevor Irene (Jasmine Trinca) ins Meer eintaucht und die Außengeräusche wieder verstummen. Die Freiheit des Augenblicks und eine gleichzeitige existentielle Einsamkeit liegen in diesen Bildern, für die der Wechsel von innen und außen, on und off konstitutiv ist.
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