Mich kriegt Ihr nicht!

Mich kriegt Ihr nicht!

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Großer 'Massel' in desolaten Jahren

"Glück war in dieser Zeit alles", resümiert Manfred Weil, der Protagonist des Dokumentarfilms Mich kriegt ihr nicht! von Werner Müller. Der im Mai 2015 im Alter von beinahe 95 Jahren verstorbene deutsch-jüdische Maler wurde mit den Schrecken der Nazi-Zeit konfrontiert – wovon dieses Werk ungeschönt erzählt. Und doch ist die Geschichte dieses klugen und mutigen Mannes nicht ohne Humor. Sie ist sowohl wertvolles, erschütterndes Zeitdokument als auch kaum fassbares, erheiterndes Schelmenstück, dessen Irrwitz an Schöpfungen von Jaroslav Hašek, Thomas Mann oder Carl Zuckmayer denken lässt.
Manfred Weil wurde im Jahre 1920 als Sohn einer deutschen Mutter und eines jüdischen Vaters in Köln geboren und verlebte eine glückliche Kindheit und Jugend – bis der Nationalsozialismus Einzug ins Land hielt. Sein Vater musste nach Belgien fliehen; später kam auch Manfred mit seinem Bruder nach Antwerpen, wo er die Malerei für sich entdeckte und ein Studium an der Akademie der schönen Künste begann. Als die Nazis im Mai 1940 in Belgien einmarschierten, wurde er mit seinem Vater in das Internierungscamp in Saint-Cyprien und schließlich in das Lager in Gurs deportiert.

Im März 1941 gelang Manfred die Flucht; er landete in Bordeaux und gab sich dort in einer Feldkommandantur spontan als Reichsdeutscher aus. Im Laufe seines weiteren Fluchtweges schaffte er es immer wieder, 'knapp am Galgen vorbeizumarschieren', indem er dank Cleverness und Kühnheit in den Besitz vieler nötiger Papiere kam und in der Rolle des Reichsdeutschen sowohl NS-Leute als auch kollaborierende Kräfte hinters Licht zu führen vermochte. Nach den Stationen Paris, Lille und Brüssel endete Manfreds Odyssee vorläufig wieder in Antwerpen, ehe sie sich fortsetzte, als der junge Mann als belgischer Fremdarbeiter tätig wurde und so etwa in die Schweiz kam, wo er nach Aufenthalten im Arbeits- und Straflager sowie im Zuchthaus letztlich ins besiegte Deutschland zurückreisen konnte.

Werner Müller gestaltet Mich kriegt ihr nicht! als dokumentarisches Roadmovie: Er lässt Manfred und dessen Gattin Alisa die Schauplätze der einstigen, äußerst beschwerlichen und gefährlichen Reise gemeinsam besichtigen. Das Paar begibt sich in Stadtarchiven auf Spurensuche, flaniert durch Straßen, besucht Mahnmale und trifft Expert_innen. Hinzu kommen die Worte des Sprechers Gerd Köster, Ton- und Bildaufnahmen, talking heads (oft im split-screen-Verfahren, in Kombination mit visuellem Archivmaterial oder privaten Fotografien) sowie diverse Spielszenen, die sich insbesondere Manfreds subversivem Kampf gegen die ideologieverseuchte Bürokratie widmen, aber auch Fluchtmomente oder die Qual der Einzelhaft einfangen. Diese schauspielerisch interpretierten Passagen werden zuweilen zu unvermittelt eingestreut, um ihre volle Wirkung entfalten zu können, sind darstellerisch und inszenatorisch jedoch überzeugend. Der Voice-Over-Einsatz ist indes nicht durchweg gelungen; einige Feststellungen (etwa "Die Erinnerungen sind auch heute noch schmerzhaft") muten überflüssig an, da ihr Inhalt ohnehin deutlich wird.

Alles in allem ist Mich kriegt ihr nicht! ein überaus sehenswerter Dokumentarfilm, der mit Manfred Weil über einen zutiefst sympathischen Helden verfügt. Mit seiner witzigen und zugleich nachdenklichen Art nimmt Manfred rasch für sich ein – und ermöglicht einen ganz individuellen Blick auf eine Zeit, die schon oft behandelt wurde und stets aufs Neue behandelt werden muss.

Mich kriegt Ihr nicht!

"Glück war in dieser Zeit alles", resümiert Manfred Weil, der Protagonist des Dokumentarfilms "Mich kriegt ihr nicht!" von Werner Müller. Der im Mai 2015 im Alter von beinahe 95 Jahren verstorbene deutsch-jüdische Maler wurde mit den Schrecken der Nazi-Zeit konfrontiert – wovon dieses Werk ungeschönt erzählt. Und doch ist die Geschichte dieses klugen und mutigen Mannes nicht ohne Humor.
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Meinungen
Petra Hoffmann · 01.09.2016

Wichtiger Film! Unbedingt ansehen! Danke an Werner Müller! Gut, dass es engagierte Regisseure gibt, die sich mit viel Empathie diesem wichtigen Thema widmen. Ein grossartiger Protagonist macht sich auf die Suche nach seiner Vergangenheit. Der Film berührt und erzählt aber auch Neues z.B. über den Umgang mit den Juden in der Schweiz. Meine Empfehlung: Der Film sollte in allen Schulen gezeigt werden.

Linda Reiser · 22.08.2016

Wer nach dem Jubel der Fachpresse voller Erwartung zu "Toni Erdmann" ins Kino gegangen ist und höchst wahrscheinlich enttäuscht wurde, sollte unbedingt diesen Film anschauen!
Denn hier sieht und fühlt der Zuschauer, was er sich von den größeren Produktionen oft verspricht, jedoch viel zu selten geboten bekommt. Und das sogar fast ohne Fachpresse.
So, jetzt keine Zeit verlieren und Spieltermin raussuchen...
(Tipp: Köln am 24.8. in der Filmpalette)

Ronald Menschel · 22.08.2016

Für mich einer der bewegendsten Filme in diesem Jahr!
Die gelungene Erzählung und Inszenierung dieser wahren, einmaligen Lebensgeschichte setzt für mich nicht nur neue Maßstäbe im Doku-Genre (welch großartiger Soundtrack!) - auch die Paarung von Unterhaltung und Information/Bildung glänzt in diesem Film.
Ohne eine Minderung der Wertschätzung für den Mensch Manfred Weil und seinen Weg kommt dieser Film so leichtfüßig daher, dass man die Spielzeit von 118 Min. zu keiner Zeit als lang wahrnimmt. Dazu trägt Manfred Weil mit seiner feinsinnigen, unterhaltsamen Art selbst ein großes Stück bei.
Herzlichen Dank und Glückwunsch an den Produzenten und alle Beteiligten.

Sylvia Seydlet · 15.08.2016

Ein wunderbarer Film. Zum einen Ein Portait des ganz besonderen Menschen Manfred Weil mit seinem persönlichen Schicksal während der Zeit der Shoah, auf das er mit Feinfühligkeit und Humor zurückblickt. Zum anderen ein Blick auf bisher wenig bekannte historische Aspekte aus dem Europa in dieser Zeit.

Kommentare

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