Mes - Lauf!

Mes - Lauf!

Eine Filmkritik von Sophie Charlotte Rieger

Eine ungewöhnliche Freundschaft in Zeiten der Not

Wer ist hier eigentlich verrückt? Der alte Xelilo (Abudel Selam Kilgi), der stumm und strammen Schrittes auf der Straße hin und her läuft wie ein Tiger im Käfig? Oder das türkische Militär, das von Cengos mittelloser Familie verlangt, ihr Haus weiß zu streichen, obwohl es für sie unmöglich ist, Geld für Farbe aufzubringen? Weder Xelilo noch der kleine Cengo (Abdullah Ado) können so recht begreifen, was mit ihrem Heimatdorf im Osten der Türkei geschieht, warum sie als Kurden plötzlich willkürlicher Gewalt ausgesetzt sind. Es ist diese gemeinsame Perspektive, die sie trotz aller Unterschiede aneinander bindet.
Regisseur Shiar Abdi nutzt die Geschichte dieser ungewöhnlichen Freundschaft, um die Situation der kurdischen Bevölkerung Anfang der 80er Jahre in der Türkei zu beleuchten. Auf der einen Seite zeigt er schonungslos die vorherrschende Armut und die Hilflosigkeit der kurdischen Familien in Anbetracht der Polizeigewalt, gleichzeitig verzichtet er aber zu Gunsten einer zurückhaltenden Inszenierung auf eine zu starke Dramatisierung seiner Geschichte. So wird auch die bemerkenswerte Filmmusik, die klassische Hollywood-Klänge mit folkloristischem Lokalkolorit zu vermischen weiß, mit viel Bedacht eingesetzt: Statt dem Zuschauer eine sentimentale Reaktion aufzuzwingen, dient die Musik eher dazu, der kargen Lebensrealität der Figuren einen gewissen Zauber zu verleihen.

Ebenso wie die Musik setzt Shiar Abdi auch das Element des Dialogs mit Bedacht ein. Indem er sich zahlreicher Close-Ups auf ihre Gesichter bedient, lässt er die Figuren stärker durch Blicke als durch Worte kommunizieren. Das Motiv der Sprachlosigkeit wird durch die stumme Figur des alten Xelilos verkörpert, bezieht sich aber ebenso auch auf die Eltern Cengos, die auf Grund fehlender Türkischkenntnisse den Drangsalierungen des Militärs kaum etwas entgegenzusetzen haben.

Die Reduktion des Dialogs und die motivische Bildsprache lassen die Handlung von Mes - Lauf! zuweilen leider etwas kryptisch erscheinen. So bleiben die Verwandtschaftsverhältnisse in Cengos Familie zunächst unklar und auch Xelilos Position innerhalb der dörflichen Gemeinschaft wird nur langsam deutlich. Schade ist auch, dass dem Kontakt zwischen Xelilo und Cengo wenig Raum geschenkt wird. Kaum ist diese Beziehung etabliert, kommt es auch schon zu den ersten Übergriffen des Militärs und der Fokus des Films wandert weg von der ungewöhnlichen Freundschaft zwischen Jung und Alt und hin zu den wachsenden gesellschaftlichen Konflikten. Die zurückhaltende Inszenierung Abdis wirkt sich durchgehend auch auf die Beziehungen der Figuren untereinander aus. Es ist, als ob die Menschen sich nicht wirklich nahe kommen wollten. Stets verweilen sie in skeptischer Distanz. Erst gegen Ende des Films kommt es zu den ersten intimen Momenten zwischen einzelnen Personen.

Diese emotionale Kühle schafft eine Distanz zu den Protagonisten. Das Gezeigte ist ohne Frage dramatisch, doch vermag die emotionale Seite dieses Dramas nicht so recht zum Publikum durchzudringen. Auf der einen Seite ermöglicht diese Art der Inszenierung einen realistischen Blick auf das Geschehen, gleichzeitig aber droht Mes - Lauf! auch die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Zuschauer zu verlieren. Verstärkt wird dieser Effekt durch das Fehlen eines kontinuierlichen Spannungsaufbaus, so dass es dem Film schwer fällt, den Zuschauer an die Geschichte und ihre Figuren zu binden.

Nichtsdestotrotz bleibt Mes - Lauf! schon deshalb ein beeindruckender Film, weil es sich hier um den ersten durchweg kurdischsprachigen Film handelt, der vor Ort in den kurdischen Gebieten der Türkei entstanden ist. Shiar Abdi gelingt es vielleicht nicht, seine Geschichte anhand eines vorbildlich konstruierten Spannungsbogens zu erzählen, aber das ist auch nicht sein Ziel. Vielmehr zeichnet er ein Bild der Situation einer unterdrückten Volksgruppe und macht ihre Lebensrealität für uns erfahrbar.

Mes - Lauf!

Wer ist hier eigentlich verrückt? Der alte Xelilo (Abudel Selam Kilgi), der stumm und strammen Schrittes auf der Straße hin und her läuft wie ein Tiger im Käfig? Oder das türkische Militär, das von Cengos mittelloser Familie verlangt, ihr Haus weiß zu streichen, obwohl es für sie unmöglich ist, Geld für Farbe aufzubringen?
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Meinungen
xebat · 04.06.2012

Läauft der auch in Hannover oder Umgebung? Wenn ja wo?

Ilo · 20.05.2012

In Köln kommt der im Filmforum am 27.05

memo · 21.04.2012

In welchen Kinos kommt dieser film?
Ich Wohne in der nähe von Köln in Gummersbach...

Kommentare

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